Amazon Appstore: Stellungnahme zu Vorwürfen der "Apparatus"-Macher

Amir Tamannai
4

Der schwedische Entwickler Bithack hatte sich vor ein paar Tagen sehr negativ und vorwurfsvoll gegenüber Amazons Appstore geäußert — wir berichteten. Die Unwegsamkeiten, die die Macher der Physik-Knobelei Apparatus erlebten, führten dazu, dass sie ihre App kurzerhand wieder aus der Plattform entfernten. Nun hat Amazon in einem Interview mit androidpolice.com implizit Stellung zu den Vorwürfen bezogen.

Amazon Appstore: Stellungnahme zu Vorwürfen der "Apparatus"-Macher

Vorweg: Aus Gründen des Datenschutzes und der Vertraulichkeit konnte Amazon-Repräsentant Aaron Rubenson im Interview mit androidpolice.com nicht direkt auf den konkreten Fall von Bithack eingehen, beantwortete und erklärte die einzelnen Vorwürfe und angesprochenen Phänomene aber ganz allgemein und wie ich finden zum größten Teil verständlich und nachvollziehbar. Ob wir letztlich seiner Meinung sind, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Hier nun Rubensons Ausführungen im Detail:

Geräte-Filter

Eines der Hauptprobleme für Bithack war der vermeintlich nicht funktionierende Geräte-Filter im Appstore, der dazu führte, dass User Apps herunterladen konnten, die auf ihrem Gerät gar nicht laufen — was wiederum verärgerte Nutzer und schlechte Reviews zur Folge hatte.

Laut Amazon richtet man sich grundsätzlich zwar nach dem vom Entwickler eingereichten Geräte-Filter bzw. dem in der App eingebauten Manifest-File. Rubenson deutete aber auch an — und jetzt wird es interessant –, dass man darin nicht “das letzte Wort” sehe! Soll heißen, Amazon entscheidet nachträglich und eigenmächtig, dass die App auch noch auf diesem oder jenen Gerät laufen könnte, sollte, dürfte … “kurios” ist meines Erachtens gar kein Ausdruck für diese Praxis. Wie Amazon dabei im Detail vorgeht, verriet Rubenson im Übrigen nicht.

Ein weiteres Kuriosum ist übrigens die Tatsache, dass User im Appstore Applikationen trotz einer selbst von Amazon attestierten Inkompatibilität mit den eigenen Geräten kaufen können. Allerdings liegt in diesem Fall tatsächlich ein besonders kundenfreundlicher Ansatz der Unternehmens vor: Auf diese Weise können User zum Beispiel die kostenlose App-of-the-day erwerben, um sie vielleicht später, wenn sie sich dann endlich ein Tablet oder Dual Core-Smartphone angeschafft haben, nutzen zu können. Klingt plausibel und ist ein Runde Beifall wert.

Halten wir also fest: Der Amazon Appstore erlaubt zwar den Erwerb von nicht-kompatiblen Apps für die spätere Verwendung, lässt aber deren Download und Installation nicht zu. Allerdings nimmt sich Amazon die Frechheit Freiheit, an der vom Entwickler vorgegeben Gerätekompatibilität herumzudoktorn. Amazon gibt dabei durchaus zu, dass einige User Anwendungen aus dem Appstore herunterladen konnten, die ganz offensichtlich nicht für das jeweilige Gerät vorgesehen war. Weiter äußerte sich Rubenson dazu aber nicht.

Erstattungen

Amazon Appstore kommt per se ohne Refund-Funktionalität — kein 15-Minuten-Testzeitraum wie im Android Market, keine Möglichkeit per Knopfdruck automatisiert zu reklamieren und sein Geld zurückzuverlangen. Auch die Entwickler selbst habe keine Möglichkeit auf eine Kundenbeschwerde hin eine Rückerstattung zu veranlassen.

Amazon begründet das so: Zum einen sei ein wie-viel-auch-immer-minütiges Erstattungsfenster schädlich für Entwickler von Anwendungen, die nur einmalig und kurz benötigt werden — das können wir soweit nachvollziehen. Dass der Entwickler selbst keine Rückerstattungen veranlassen darf/kann wiederum liegt in der Selbstwahrnehmung Amazons begründet: Amazon ist Verkäufer der App, nicht der Entwickler. Und als Händler möchte man eben eine einheitliche Politik fahren — was nicht gegeben wäre, wenn die Entwickler nach eigenem Gutdünken über Gutschriften entscheiden würden.

Trotz alledem betont Rubenson aber auch, dass es natürlich Möglichkeiten der Reklamation gibt: Sollte eine App wirklich nicht funktionieren oder sonstige ernsthafte Probleme mit dem Kauf vorliegen, kann sich der Nutzer jederzeit an den Kundenservice wenden (wie beim “richtigen” Amazon auch) und darf in der Regel mit einer sehr kulanten Entscheidung rechnen. Kein User bleibt also auf einem technischen Fehlkauf sitzen — nur ist der Vorgang eben nicht automatisiert: Der Kunde muss aktiv fragen, dann wird ihm sicher auch geholfen. Auch wenn das vielleicht nicht der komfortabelste Weg ist, ist er möglicherweise für die Entwickler gar nicht so falsch, denn ich erinnere mich an ein Aussage von “Battleheart“-Entwickler Mika Mobile, der sich über zum Teil pöbelhafte Anschuldigungen und Forderungen nach Erstattung durch kindische User beschwerte.

Kontakt zum Entwickler

Ein weiterer Kritikpunkt von Bithack waren die fehlenden Kontaktaufnahme-Möglichkeiten für Kunden zum Entwickler. Daran arbeitet Amazon laut Rubenson. Aktuell können Kunden entweder eher unkomfortabel die Kontaktangaben, die die Entwickler selbst in der App-Beschreibung hinterlegt haben, nutzen, oder aber über die Feedback-Funktion Kontakt mit dem Amazon-Kundenservice aufnehmen, der dann alle relevanten Informationen an die Entwickler weiterleiten würde. Naja, optimal ist anders und hier ist wohl dringend Feinarbeit seitens Amazon nötig.

Review-Prozess durch Amazon

Amazon bezeichnet das Review einer App, bevor sie im Appstore gelistet werden darf, als Testprozess. Dem Unternehmen ginge es darum, Kompatibilität, Sicherheit und Funktionalität sicher zu stellen (Naja, das mit der Kompatibilität treibt, wie oben gelesen, ja eher kontraproduktive Auswüchse) — allerdings möchte man keine Best Practice-Prozesse oder einen einheitlichen Qualitätsstandard erstellen. Dieser Testprozess dauert eben seine Zeit (logisch, es wollen sich unter anderem ja auch jede Menge vermeintlich kompatibler Geräte ausgedacht werden). Grundsätzlich habe man aber sehr viel Verständnis für die Sichtweise der Entwickler und versuche deshalb, jede App so schnell wie möglich zu testen.

Was lernen wir nun daraus? Wie immer gibt es auch in Sachen Appstore zwei Seiten der Medaille: Ich kann Entwickler Bithack verstehen, auch wenn es sich bei deren Erfahrungen möglicherweise um einen besonders negativen Einzelfall handelt oder die Schweden womöglich mit falschen Erwartungen an den Appstore gegangen sind. Ich verstehe aber auch Amazon, die bemüht sind, über ihren Appstore und die darin feil gebotenen Waren eine gewisses Maß an Kontrolle zu haben — ein Bedürfnis, das in diesem Fall systemimmanent ist, auch wenn es den einen oder anderen Entwickler und möglicherweise sogar Kunden vergrault.

Was ich Amazon bei allem Bemühen um Objektivität aber an dieser Stelle erneut ganz dick ankreiden möchte, ist die Tatsache, dass sie es bis heute nicht geschafft haben, den Appstore aus seinem US-amerikanischen National-Tümpel hinaus in die Welt zu tragen. So schwer kann das nicht sein und das Unterlassen dieses Schrittes zeugt für mich daher von gewaltiger Ignoranz oder einer ganz dubiosen Markteinschätzung.

Weitere Themen: Amazon Appstore, Amazon

Neue Artikel von GIGA APPLE

GIGA Marktplatz