Diskussion: Sollte iOS sich für externe Apps öffnen?

Flavio Trillo
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Apple pflegt seine Systeme fein säuberlich zu schließen, soweit es eben geht. Mac OS X darf nur auf Apple-Computern installiert werden, Alternativen zu In-App-Käufen sind streng reglementiert und iOS erlaubt keine Apps außerhalb des hauseigenen App Store. Wir haben uns gefragt, ob das wirklich sein muss. Daher eine kleine Diskussion zum Thema: „Sollte Apple iOS für Apps öffnen, die nicht aus dem App Store stammen?“

Diskussion: Sollte iOS sich für externe Apps öffnen?

Hier ist natürlich nicht die Rede von der Möglichkeit für Entwickler, ihre Erzeugnisse vor der Veröffentlichung im App Store auf eigenen Geräten zu testen. Es geht viel mehr um ein grundsätzliches Modell, auch Anwendungen von „außen“ auf die Geräte zu lassen. Ganz ohne Jailbreak. Unsere Redakteure Holger und Flavio haben sich der Frage gewidmet.

Holger E.: Denkbar wäre etwa eine Lösung wie bei vielen Android-Geräten. Ein Haken innerhalb der iOS-Enstellungen, in denen der Benutzer die Installation (“sideloading”) von “externen” Apps erlauben kann.

Flavio: Ich denke, es wäre für das Ökosystem, wie Apple es erfolgreich auf- und ausgebaut hat, nicht von Vorteil. Selbst eine benutzerdefinierte Öffnung über einen Haken in den Systemeinstellungen bedeutet einen Kontrollverlust.

Holger: Ich könnte mir so eine Lösung gut vorstellen, auch wenn Apple damit die “vollständige” Kontrolle über das Gerät aufgeben würde. Welche ihnen ja heutzutage schon durch Jailbreaks und Co. immer wieder genommen wird.

Flavio: Das stimmt, allerdings macht ein Jailbreak das Gerät unsicher und wird lange nicht von der Mehrzahl der Anwender durchgeführt. Der Erfolg von iOS und den dazugehörigen Geräten beruht zu einem guten Teil darauf, dass die Anwender genau wissen, “hier kann mir nichts passieren”. Pressemeldungen über “Malware” auf iOS sind höchstselten und würden sich vermutlich erheblich vervielfachen, sobald die Plattform sich öffnet. Das ist keine gute Werbung.

Wie bezeichnend übrigens, dass gerade ein leitender Angestellter von Kaspersky sich im letzten Sommer für die Öffnung von iOS ausgesprochen hat – solange die Plattform geschlossen bleibt, gibt es keine ernst zu nehmende Malware und er kann auch keine Anti-Viren-Software für iPhone und iPad verkaufen.

Holger: Ist dieser Gedanke, “hier kann mir nichts passieren”, nicht eine der Gefahren? Die Leute fühlen sich in Sicherheit, aber das Gegenteil kann schnell zur Realität werden. Siehe Charlie Miller, dem es im vergangenen Jahr gelungen ist, durch den App-Store-Review-Prozess zu kommen, obwohl seine App illegalen Code ausführen konnte.
Die Frage ist wohl auch, welche Berechtigungen “freie” Apps haben würden? Wäre es – wie bei den Jailbreaks – ein “alles geht”-Zugriff oder würden die Apps denselben Limitierungen unterliegen, wie App-Store-Apps?

Flavio: Es wird immer systemimmanente Sicherheitslücken geben, das lässt sich niemals völlig ausschließen. In diesem Fall war es wohl eine mangelhafte Kontrolle durch die “Wächter” des App Store. Die Art und Weise, mit der Apple damals auf die Mitteilung durch Miller reagiert hat, war zudem äußerst unglücklich.

Dennoch wäre die Zahl solcher Lücken bedeutend höher, wenn es Apps gäbe, die Apple überhaupt nicht kontrolliert. Eine effektive Einschränkung der Berechtigungen solcher “freien Apps” würde dabei wohl schnell in eine de-facto-Sperre münden.

Holger: Macht Apple denn nicht genau dies beim Mac? Der Mac lässt auch nicht-App-Store-Apps zu. Auch dort ist das Thema “Angriff durch Malware” trotz der Offenheit des Betriebssystems bis heute eine Seltenheit. Was würde die Kundschaft sagen, wenn sich dies ändern würde? Und womit würde Apple diesen Schritt zur Schließung begründen?

Möglicherweise würden durch die Öffnung auch neue Ideen entstehen, wie man gewisse Dinge besser lösen kann. Schaut man sich in der Jailbreak-Szene um, gibt es auch dort immer wieder gute Ideen, die aber bislang eben nur dieser Zielgruppe vorenthalten sind.

Wer weiß wie viele Projekte durch Ungewissheit, ob die App es durch die App-Store-Richtlinien schafft, erst gar nicht begonnen wurden?

Flavio: Das Geschäft mit Smartphone-Apps ist erst durch das iPhone so richtig in die Gänge gekommen, auch wenn es durchaus schon vorher diverse Anwendungen für andere Geräte gab – nie jedoch in dem Maße und der Qualität wie in den App Stores für heutige Smartphone-Plattformen. Deshalb glaube ich, dass es einfacher war, den Kunden quasi von Beginn an ein geschlossenes System zu präsentieren.

Anders im PC-Bereich, dort ist es seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit, jedwede Programme zu installieren und auch die Volumina auf dem Softwaremarkt für Computer sind größer. Beim Mac hat es also, denke ich, andere Gründe, dass Apple den “Laden” nicht zu macht. Dass ein geschlossener App Store auf iPhone und iPad möglicherweise Innovationen hemmt, das mag durchaus sein.

Doch sind die Hürden einer Aufnahme in diesen Store so gering, dass derartige Effekte wohl zugunsten der höheren Sicherheit in Kauf genommen werden. Neuen Ideen steht daher auch der Weg über den App Store offen, das ist ja kein exklusiver Club mit komplizierten Aufnahmebedingungen.

Holger: Natürlich gab es schon vor dem iPhone Anwendungen für Smartphones. Das Problem war dabei, dass diese nicht an einem zentralen Ort zu finden waren. Und ja, dies änderte sich durch die Einführung von Apples App Store. Die Rede ist aber nicht davon, dass es keinen App Store mehr geben soll. Natürlich soll dieser auch weiterhin existieren. Und ja natürlich, die Möglichkeit externe Apps installieren zu können, müsste mit einer klaren Warnung für den Benutzer verbunden sein: “Wenn du hier jetzt auf Ok drückst, verlässt du das ‘heilige Land’ und bist auf dich allein gestellt”.
Glaube ich daran, dass diese Änderung jemals passieren wird und Apple den Jailbreakern so jemals den Wind aus den Segeln nimmt? Nein. Interessant ist allerdings was Steve Jobs im Oktober 2010 im Interview mit Engadget gesagt hat. Auf die Frage, ob Apple iOS für externe Anwendungen freigeben würde, antwortete er nicht mit einem klaren “Nein”, sondern mit einem “Im Augenblick nicht”.

Flavio: Für den jeweiligen Anwender in dem Moment ist die Warnung möglicherweise ausreichend. Allein die Meldungen über iOS-Viren würden aber abschreckend wirken – ganz egal, ob sie nach Warnung hineingelassen oder ohne Zutun des Benutzers installiert wurden. Eine Öffnung der Plattform würde also nicht nur einen Kontrollverlust über die Apps selbst, sondern ein Stück weit auch über das Bild, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wird.

Am Ende könnte ich mir eventuell vorstellen, dass Apple irgendwann alle Risiken abgewogen, möglichst eingedämmt und die Bedingungen geschaffen hat, die eine sichere Benutzererfahrung auch ohne App-Kontrolle durch Apple ermöglichen. Dann, aber auch nur dann halte ich eine Öffnung von iOS für „außenstehende“ Entwickler für möglich.

Holger: Wie bereits gesagt glaube ich nicht wirklich daran, dass Apple sich jemals in Punkto iOS-Apps öffnen wird. Für das Image wäre es jedoch möglicherweise ein richtiger Schritt, denn Apple war in der Vergangenheit nicht für seine Offenheit bekannt – hat aber auch nur selten behauptet, dass sie es wären.

Diese Diskussion taucht nicht zum ersten Mal auf. So gab unter anderem bereits Macworld-Journalist Jason Snell im Jahr 2010 zu bedenken, dass eine Öffnung Apples keine schlechte Idee wäre. Was glauben unsere Leser – iOS öffnen oder dicht halten?

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