iRedTouch und IRTrans: iPhone befehlsangebend

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In der modernen Technikwelt gibt es immer noch ein paar Bereiche, die alles andere als perfekt umgesetzt sind, vor allem dann nicht, wenn man Produkte mehrerer Hersteller miteinander einsetzt und sofortige Harmonie erwartet. Was die Steuerung per Infrarotbefehle angeht, gibt es im Zusammenspiel mit dem iPhone oder iPod touch jedoch eine ausgesprochen umfassende Lösung.

Kaum etwas scheint im multimedialen Nirwana unserer Zeit immer noch so kompliziert und unausgereift zu sein wie eine Fernbedienung, die einfach alles kann, dazu aber nicht über hundert Tasten benötigt. Fast alle Konzepte zur Fernbedienung unterscheiden sich so stark voneinander, dass sie sich kaum noch sinnvoll unter einen Hut bringen lassen. Und selbst ausgeklügelte Ansätze lernfähiger Befehlsgeber scheitern an widersprüchlichen Menüs, unkonventionellen Infrarot-Wiederholungscodes oder exotischen Übertragungsfrequenzen. Über viele Jahre setzten Fernbedienungsgeplagte daher auf ausgesprochene Speziallösungen wie die Philips-Pronto-Reihe mit Touchscreen, deren Spitzenmodelle jedoch mehr als doppelt so teuer wie ein iPhone sein konnten. Kein Wunder, dass Philips sich in Zeiten zunehmend vieler iOS-Lösungen einsichtig zeigte und die Pronto-Reihe vor wenigen Monaten zu Grabe trug.

Die mittlerweile zur Verfügung stehenden iOS-Fernbedienungslösungen setzen entweder nur auf die Steuerung eines Computers wie dem Mac und verwenden dazu die Übertragung per WLAN oder benötigen zusätzliche Hardware, mittels derer sie dann auch in der Lage sind, beispielsweise Infrarot-gesteuerte Geräte anzusprechen. In einigen Fällen werden die Infrarot-Signalgeber dazu direkt an iPhone, iPod touch oder iPad befestigt, in anderen Fällen werden die zusätzlichen Geräte über die WLAN-Verbindung angesprochen, können also völlig getrennt vom iOS-Gerät untergebracht werden. Eine dieser Lösungen ist die Kombination aus IRTrans-Modulen, die dann vom iOS aus mittels der App iRedTouch angesprochen werden. Der Preis von iRedTouch soll laut dem Hersteller in Kürze von 24 auf knapp fünfzehn Euro herabgesetzt werden, demnächst wird auch eine Version namens iRedTouch HD für den iPad-Einsatz erscheinen, die voraussichtlich ebenfalls mit knapp fünfzehn Euro zu Buche schlagen wird.

Die Module, die iRedTouch ansteuert, gibt es in der Ethernet-Version bereits ab 157,50 oder ab 191,50 Euro in der WLAN-Version mit Unterstützung der Protokollvarianten IEEE 802.11bgn, also auch der schnellsten AirPort-Variante – eingesetzt werden dürfen jedoch nur die Kanäle 1-11. Mit einem Modul kann man dabei durchaus auskommen, wenn alle zu steuernden Geräte relativ nahe beieinander stehen, beispielsweise das komplette AV-System und ein Mac mini oder Apple TV im Wohnzimmer. Mehr als nur ein Modul wird erst in jenen Fällen erforderlich, wenn man Geräte in mehreren Räumen steuern möchte, hier kann es dann zu Gunsten einer einfacheren Installation auch sinnvoll sein, auf die WLAN- anstelle der Ethernet-Version zu setzen, entsprechende Drahtlos-Infrastruktur einmal vorausgesetzt.

Leider bietet die WLAN-Version des Moduls derzeit nur die Möglichkeit, die Erstkonfiguration von einem Windows-System aus vorzunehmen. Da sich der Prozess jedoch anschließend nicht mehr wiederholt, lässt sich dies gerade noch verschmerzen. Eingestellt werden müssen auf diesem Wege der Name und die Zugangskennung des drahtlosen Netzes, der Grad der Verschlüsselung sowie die Netzwerkdaten des Systems, unter denen das Modul später erreichbar sein soll. Später dann lassen sich die Daten auch per WWW-Interface von jedem Betriebssystem aus ändern. Ethernet-Module kommen ohne Windows-Konfiguration aus und holen sich ihre Netzwerkdaten per DHCP, allerdings muss die Netzwerkadresse passen, die genauen Details erklärt das Handbuch. Nur die WLAN- und die Ethernet-Module werden von der iOS-Software iRedTouch direkt unterstützt.

Die Auswahl des richtigen IRTrans-Moduls sollte mit Sorgfalt getroffen werden. Wer beispielsweise Geräte vom Hersteller Bang & Olufsen einsetzt, der muss zwingend ein HF-Modul mit 455kHz-Sendefähigkeit erwerben, das auch zur Übertragung anderer Frequenzen wie der weit verbreiteten 39kHz in der Lage ist. Zwar können auch die Nicht-HF-Modelle 455kHz-Signale senden, diese sind jedoch so schwach, dass ein komfortabler Betrieb verunmöglicht würde. Umfassende Auskünfte in komplizierteren Fällen erteilt natürlich der Hersteller, auf dessen WWW-Seiten sich nicht nur zahlreiche technische Details, sondern auch noch ein Forum finden. Auch eine Steuerungssoftware für den Mac gibt es, sie wird zum Betrieb mit einem iOS-Endgerät jedoch nicht benötigt, weshalb hier auch nicht ausführlicher eingegangen werden soll. Laut dem Hersteller können einmal am iPhone oder iPod touch erstellte Fernbedienungen aber künftig auch vom Mac aus mit iRed 2 verwendet werden.

Sind sämtliche Module erst einmal mit Netzwerkadressen versehen, muss nur noch die iOS-App iRedTouch installiert werden. Die weitere Konfiguration ist zwar relativ simpel, aufgrund der zahlreichen Möglichkeiten kann diese jedoch recht zeitintensiv werden. So sollte zunächst natürlich eine Oberfläche erstellt oder aus den vom Hersteller angebotenen ausgewählt werden. Ersteres kann ein simpler Scan der zu erlernenden Fernbedienung sein, es kann jedoch auch eine gänzlich individuelle Photoshop-Kreation gewählt werden. Bewährt hat es sich hier, zunächst einmal die konkreten individuellen Bedürfnisse festzustellen, beispielsweise welche Befehle wiederholt von welchem Gerät Verwendung finden. Sobald dann eine Sammlung notwendiger Befehle feststeht, kann zum zweiten Schritt übergegangen werden, der Wahl der Oberfläche. Steht diese wiederum fest, bietet iRedTouch die komfortable Option, per Touchscreen beliebige Regionen der ausgewählten Grafik zunächst berührungssensitiv zu machen und anschließend zu definieren, was passieren soll, wenn man den Bereich antippt. Das kann anfangs etwas Einarbeitung abverlangen, geschieht später aber routiniert. Auch der Hersteller von iRedTouch steht natürlich mit Anleitungen, einem Forum und sogar einem Einführungsvideo hilfreich zur Seite – größtenteils leider nur in Englisch.

Wer mit iRedTouch mehrere Fernbedienungen nutzen möchte, der kann die Befehle entweder auf nur einer selbst gestalteten Oberfläche unterbringen und sie damit vereinheitlichen oder aber mehrere Oberflächen nebeneinander verwenden. Zwischen den einzelnen Fernbedienungsoberflächen kann komfortabel durch Antippen hin- und hergewechselt werden. So lässt sich beispielsweise ein Bereich der Lichtsteuerung, einer dem TV-Gerät, einer dem Mac und einer der Stereoanlage zuordnen. Im Zusammenspiel mit einer Steuersoftware wie Remote Buddy können zudem beispielsweise die Befehle einer EyeTV-Fernbedienung erlernt und anschließend zahlreichen Funktionen auf dem Mac zugeordnet werden.

Einmal erstellte und womöglich auch zunehmend komplizierte Fernbedienungen lassen sich per integriertem Webserver direkt aus iRedTouch vom iPhone oder iPod touch aufrufen und speichern. Dabei können die Dateien im XML-Format sogar direkt manipuliert und wieder zum Endgerät hochgeladen werden werden – das ist allerdings nur etwas für Hartgesottene. In der kommenden Version erfolgt die Online-Sicherung noch einfacher zu handhaben per Dropbox.

Fazit
Nach der etwas umständlichen Konfigurationsprozedur, die nicht zuletzt auch durch das Konzept begründet ist, möglichst viele Optionen bieten zu wollen, gestaltet sich der tägliche Einsatz von IRTrans und iRedTouch ausgesprochen komfortabel – ab Version 1.6 auch mit iOS-Multitasking. Da keine Hardware direkt am iOS-Gerät angebracht werden muss, kann das System innerhalb des gesamten AirPort-Netzes genutzt werden, das IRTrans-Modul darf sich also überall innerhalb des Netzwerkes befinden, so dass sich beispielsweise die Lautstärke der Stereoanlage auch von einem anderen Raum aus regeln lässt. Die Regelung der Lautstärke mit einem eigens dafür vorgesehenen Gerät ist dabei übrigens der Regelung per Apples Remote-Anwendung oder iTunes vorzuziehen. Ein Softwareprogramm wie iTunes kann die Lautstärke nur auf digitaler Ebene regeln, was zu Lasten der zur Verfügung stehenden Auflösung geht. Ein Teil der bei gegebener Bitbreite zu Verfügung stehenden Abstufungen wird dann für die Lautstärkeregelung verbraucht, und die digitale Abbildung des Amplitudenverlaufs ist entsprechend grober angenähert. Bei der Rückwandlung in ein Analogsignal macht sich das dann als geringerer Rauschabstand und vor allem als höherer Verzerrungsanteil bemerkbar.

Während des Testzeitraums traten nur wenige Fehler auf, die dem Hersteller allesamt schon bekannt waren und in Arbeit sind. Man gewöhnt sich schnell an das Zusammenspiel aus iPhone und den kleinen Infrarot-Modulen, die kaum größer als eine Streichholzschachtel sind und vermisst die damit ersetzten richtungsabhängigen Fernbedienungen mit ihren ständig verschmutzten und selten beleuchteten Tasten überhaupt nicht.

Gespräch mit Robert Fischer: Vom Desk Potato zum Couch Potato

macnews.de: Beim Thema Fernbedienungen denkt man immer an so genannte Couch Potatoes, die sich ohnehin schon zu wenig bewegen. Warum hast Du damit begonnen, Dich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Robert Fischer: Ich bin eher eine „Desk Potato“. Als Software-Entwickler sitzt man ja doch relativ viel am Schreibtisch und möchte sich gelegentlich auch mal bei der Arbeit unterhalten lassen. Wie das bei Entwicklern häufig so ist, entstand iRed aus einem eigenen Wunsch, hier: die HiFi-Anlage vom Rechner aus zu steuern. Eine kurze Recherche zeigte, für Mac OS X gibt's da nichts. Also machte ich mich 2003 selber dran.

macnews.de: Kurze Zeit sah es so aus, als wäre Bluetooth das Maß aller Dinge. Wieso hat Apple sich letzten Endes wohl doch für Infrarot als Übertragungsweg entschieden, und wie siehst Du die Zukunft dieser Methode?

Robert Fischer: Dass Apple die Apple Remote mit Infrarot betreibt, ist mir ehrlich gesagt auch schleierhaft. Die zehn Meter Reichweite per Infrarot sollten mit Bluetooth auch locker zu machen sein – und mehr. Eine Vermutung: Bluetooth ist batteriehungriger. Von einer Fernbedienung erwartet man sofortige Reaktion auf einen Klick. Das Bluetooth-Gerät müsste dazu wohl ständig „gepaart“ bleiben. Vielleicht gab es auch haptische Gründe: „Point und Click“ ergibt mehr Sinn, wenn man die Fernbedienung aufs Gerät richtet, statt irgendwo aus der Tasche Bluetooth zu senden.

Nach anfänglichem Schreck war für mich diese Entscheidung Apples für Infrarot eher ein Glücksfall, wie der Erfolg von iRed Lite und auch anderen zeigt, die den seit damals eingebauten Infrarot-Empfänger für eigene Zwecke verwenden. Der Empfänger reagiert allerdings auch wirklich nur auf Signale der Apple Remote.
Infrarot ist natürlich im Entertainment-Bereich eine extrem verbreitete Technologie. Bis all die AV-Komponenten den Geist aufgeben und nur noch per WLAN etc. angesprochen werden können, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

macnews.de: Auch Apple zählt zu Deinen Kunden, kannst Du mal ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern?

Robert Fischer: Viel verraten tut Apple ja nie, aber mir scheint, dass iRed zu Stresstests verwendet wird, um z. B. die Bedienung des Apple TV per Apple Remote zu testen. Anstatt da einen Studenten hinzusetzen, blinken da wahrscheinlich Tag und Nacht die IRTrans-Module ... Die Konfigurierbarkeit und externe Schnittstellen von iRed machen es möglich, auch solche automatisierten Abläufe durchzuführen.

macnews.de: Wiederholungscodes sind für viele lernfähige Fernbedienungen ein großes Problem, warum ist das so?

Robert Fischer: Es scheint manchmal fast so, als ob die Hersteller von Fernbedienungen sich ein kleines Wettrüsten mit den Universal-Fernbedienungs-Herstellern liefern. Ich bin ja nicht mit der Entwicklung des IRTrans selbst beschäftigt, dort müssen aber immer wieder mal Firmware-Updates gemacht werden, um wieder eine neu hinzugekommene exotische Code-Folge lernbar zu machen. Die Wiederholungscodes wiederum sind aus vielerlei Hinsicht speziell, so kann der Wiederholungscode einfach derselbe wie der Startcode sein, oder ein spezieller Wiederholungscode wird für alle wiederholten Tasten genutzt (Apple Remote), oder es gibt alternierende Codes, oder, oder ... Das Timing ist natürlich auch entscheidend. So funktioniert die Wiederholung der Apple-Remote-Signale z. B. nur in einem Bereich von ca. 100-120 ms herum einwandfrei.

macnews.de: Kannst Du unseren Lesern mal ein paar exotische Beispiele für den Einsatz von iRed nennen?

Robert Fischer: Ich weiß, dass iRed bei verschiedenen Kunstprojekten eingesetzt wurde, um z. B. Beamer zeitgesteuert zu schalten, es gibt ein Voting-System an einer US-amerikanischen Uni, dann natürlich die exotischsten Geräte. Einer meiner ersten Kunden hatte die Steuerung seines Kamins per iRed eingerichtet, andere steuern „nur“ ihr elektrisches Bett. Der Robosapien wurde auch schon damit animiert, auch Staubsaugerroboter. Am interessantesten sind Anwendungen im Bereich körperliche Behinderungen. Einige Kunden (bis hin nach Neuseeland) können ihren Computer – und damit iRed – besser bedienen, als eine Fernbedienung. Da ist noch ein weiter – und auch abseits von der ganzen Automatisiererei – menschlich sehr lohnender Bereich zu bedienen.

Über Robert Fischer
Geboren 1960 in Berlin, landete er schon ein Jahr später im Schwabenländle, kam nach einem Maschinenbau-Studium in Stuttgart nach Berlin, studierte von 1986-93 Informatik an der TU, war von 1993 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei GMD-Fokus (heute Fraunhofer) und programmierte seit 1991 an NeXT-Computern. Nach einem Intermezzo bei i.link in Berlin ist er seit 2002 selbstständiger Software-Entwickler. Sein erstes kommerzielles Produkt war „TurboTool“, was er gerne als Automator 0.5 bezeichnet. Kurz nach seiner Beteiligung an den Apple Design Awards gab es jedenfalls Automator 1.0 ... Seit 1987 ist Fischer glücklich verheiratet und lebt seit 2000 in Falkensee.

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