Ist iOS 5 der Untergang für viele Apps?

Sebastian Trepesch
64

“Gemurmel, Apple killt gerade ein paar App-Konzepte…” Ein Satz aus unserem Live-Ticker zur Keynote am Montag. Überwiegend Entwickler saßen im Auditorium, und von denen hat Apple nicht nur Applaus bekommen. Grund: Neuheiten in iOS machen einige Apps überflüssig. Was bedeutet das für die Nutzer? Verscherzt es sich Apple mit seinen iOS-App-Entwicklern? Und wird es einen Abverkauf von Apps geben?

10 von 200 neuen iOS-Funktionen hat Apple, namentlich Scott Forstall, in der Keynote zur WWDC 2011 vorgestellt. Darunter sind einige, auf denen manch komplettes Geschäftskonzept von Entwicklern aufbaut:

  • Browser: Der neue Safari bietet zum Beispiel auf dem iPad eine Tab-Leiste, eine Lese-Ansicht oder eine Möglichkeit, Webseiten zum späteren Lesen abzuspeichern. Browser, die mehr bieten wollen als der vorinstallierte Safari, gibt es viele. Read It Later hat sich auf den Wunsch für das Offline-Lesen spezialisiert.
  • Aufgabenmanagement: “Reminders” bringt Apple eine eigene Einkaufsliste beziehungsweise Aufgabenmanagement inklusive Lokalisation und Erinnerungen. Sehr, sehr viele kleine und größere Apps gibt es in diesem Spektrum, angefangen bei Remember the Milk bis hin Wunderlist.
  • Fotografie: Die Kamera bietet nun ein paar Bearbeitungsfunktionen zur Aufhellung der Schattenbereiche zum Beispiel, oder Entfernung roter Augen. Auch Foto-Apps gibt es viele, sowohl zur Aufnahme wie Camera+*, als auch zur Nachbearbeitung.
  • Cloud-Speicher: Statt auf Dropbox kann man in iOS 5 auf iCloud zurückgreifen.

Die New York Times hat eine Liste erstellt, welche Apps mehr oder weniger überflüssig werden.

Der deutsche Entwickler Oliver Kieselbach sieht das ähnlich: “iOS5 enthält Funktionalitäten ‘out-of-the-box’, die sonst durch extra Apps abgedeckt wurden”, sagt er gegenüber macnews.de. Er ist mit seiner App MizzMoneePennee* selbst betroffen, sie bietet eine Benachrichtigungsfunktion unter Einbezug des Aufenthaltsortes. Dabei wird auf die Lokalisation des iPhones zurückgegriffen. iOS 5 wird dies in der Reminder-App von vornherein bieten. Als Task-Manager mit Synchronisation stellt sie auch zu Wunderlist ein Konkurrenzprodukt dar, wie es Robert Kock von 6wunderkinder bestätigt.

Gegenüber Apple haben andere App-Entwickler entscheidendes Nachsehen: Die Anwendungen des iPhone-Herstellers sind (unlöschbar) auf dem Smartphone und/oder iPad vorinstalliert. Das Unternehmen kann zudem auf Möglichkeiten zurückgreifen, die anderen Apps nicht erlaubt sind oder zumindest in der Vergangenheit waren. Beispiel: Auslösen der Kamera über Lautstärkebuttons.

Ironiegeladenes Lob an Apple per Twitter von Entwickler Dustin Curtis zur iOS 5-Vorstellung auf der Keynote:

Bedeuten nun neue Funktionen in iOS 5 das Ende für einige Apps, oder gar kleinere App-Entwickler, die ihre Schmiede auf eine dieser Themen spezialisiert haben?

Konkurrenz nichts neues

Mit Apple haben die Apps mit entsprechenden Funktionen einen starken Mitbewerber bekommen – im Prinzip ist Konkurrenz aber nichts neues. Alexander Clauss ist Entwickler des iOS-Browsers iCab mobile*

(rechts im Bild der Vollbild-Modus auf dem iPhone). Er weist darauf hin, dass alle ernst zu nehmenden alternativen Browser bereits Tabs bieten. “Da die Funktionalität viel weiter geht als beim neuen mobilen Safari, dürfte sich da nicht allzu viel ändern”, so Alexander. “Auch mit dem Reader (bei iCab gibt es über das Readability-Modul ja eine ähnliche Funktion) und der Twitter-Funktionalität bekommt der Safari jetzt nichts besonders Außergewöhnliches, was nicht viele anderen Browser ebenfalls böten.”
Sein Fazit: “Bezüglich vieler alternativen Browser kann der neue Safari immer noch nicht wirklich mithalten.” Es gebe aber sicherlich einige Nutzer, die nur einfache Tabs brauchen und mit dem neuen Safari zufrieden sein werden.

Konkurrenz zu haben ist also nichts neues. Man muss besser sein als die Mitbewerber.

Einen Schritt vorausgehen

“Während man jetzt sicher sagen kann, dass Apple damit ein paar Apps ‘killt’, so muss man sich als Entwickler doch recht schnell die Frage stellen: Wie kann ich meine App so erweitern, dass die attraktiv genug ist, um Leute zu bewegen, sie doch noch zu kaufen”, sagt Oliver.
Anwendungen, die gegenüber iOS 5 noch keinen Mehrwert bieten, müssen also nachlegen. Vorreiter spielen, bis Apple eventuell iergendwann wieder nachzieht – “Es ist ja auch schön, dass Apple die Idee der location based reminder so interessant findet, dass sie als Standard-Feature in iOS aufgenommen wird” fühlt sich Oliver geschmeichelt.

Alexander hat sogar durch die Keynote noch neues Entwicklungspotential für seinen Browser entdeckt: “Mir sind durch neue iOS 5-Features sogar einige neue Ideen für iCab Mobile eingefallen.”

In Funktionalität, Bedienung oder Design voraussein, heißt die Devise.

Auf andere Konzepte ausweichen

Sollte eine App tatsächlich überflüssig werden, haben Entwickler oft noch ein Hintertürchen – sprich: Konzepte für neue Apps – offen. Oliver: “Ich für meinen Teil bin mir noch unschlüssig. Ich habe Ideen für MizzMoneePennee,” – siehe rechts im Bild – “die die App so erweitern, dass sie sich von der Apple-Funktion abheben könnte. Auf der anderen Seite hänge ich nicht so an der Idee und hätte auch noch andere App-Ideen in der Schublade liegen.”

Eine Nische finden, das funktioniert wie die anderen Punkte zumindest so lange, bis Apple oder andere Mitbewerber nachziehen.

Gelassenheit bei den Entwicklern

Die befragten deutschen Entwickler zeigten sich gegenüber macnews.de gelassen. “Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen, sondern halten weiter an unserer Strategie fest: die schrittweise Weiterentwicklung von Wunderlist”, sagt Robert. Ähnlich Alexander: “Wegen Safari wird die Entwicklung von iCab Mobile keinesfalls eingeschränkt.” Nur Oliver hat sich noch nicht festgelegt, wie er weiter verfahren will.

Das Betriebssystem iOS 5 mit den neuen Funktionen soll im Herbst erscheinen. Allen Entwicklern, deren Konzepte berührt werden, bleibt also noch etwas Zeit, mit neuen oder besseren Funktionen einen deutlichen Mehrwert gegenüber Apple zu bieten. Alternative wäre, einen Abverkauf durchzuführen und mit frischen Ideen und Konzepten neu zu starten. Einen massenhaften Untergang für Apps wird iOS 5 nicht bedeuten.

Die iPhone- und iPad-Nutzer können sich auf neue Funktionen freuen – sowohl in iOS, als auch in ihren Apps; nur in Einzelfällen auf Rabattaktionen (schließlich sind die Preise eh schon sehr niedrig). Die Attraktivität der Plattform wirkt sich wiederum auf die Geräteverkäufe positiv aus, und damit stehen den Entwicklern wieder mehr potentielle Kunden gegenüber. Der Entwickler von Instapaper, Marco Arment, sieht noch einen Vorteil, wenn Apple eine Funktion bietet: “Es verschafft mir einen leichteren Weg,” schreibt er auf seinem Blog, “Instapaper* zu erklären: Es ist wie Safaris Reading List, nur besser.”

Weitere Themen: Apps, AppKack der Woche: Die schlechtesten Mobile Games, Apple

Neue Artikel von GIGA APPLE

GIGA Marktplatz