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Apple kauft gezielt Start-up-Unterneh-men – auch, um dem Mitbewerber Google zuvorzukommen. Die jüngste Übernahme des Suchspezialisten Siri könnte das
iPhone verändern.

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Apple-Chef Steve Jobs ist in einer komfortablen Situation. Sein Unternehmen sitzt auf fast 42 Milliarden US-Dollar Bargeld – das ist ungefähr die Summe, die Griechenland derzeit den Steuerzahlern und Banken in Deutschland schuldet. Da Apple schon seit Jahren seinen Aktionären keine Dividende mehr zahlt, wachsen die Barreserven Quartal für Quartal weiter an. Das gewaltige Vermögen der Konzernzentrale in Cupertino heizt nicht nur im ­kalifornischen Silicon Valley die Spekulationen an, welches Unternehmen sich Apple demnächst wohl einverleiben wird.
Doch Steve Jobs setzt nicht auf gigantische Firmenübernahmen. Ein Deal wie der 1,2 Milliarden US-Dollar schwere Kauf von Palm durch Hewlett-Packard entspricht nicht seinem strategischen Ansatz. Apple greift sich vielmehr kleinere Start-ups. Allein in den vergangenen sieben Monaten hat die Firma fünfmal zugeschlagen und sich unter anderem den Musikstreaming-Dienst Lala.com sowie den Chip­de⁠signer Intrinsity unter den Nagel gerissen. Doch immer häufiger trifft Apple bei seinen Einkaufstouren auf den ehemaligen Verbündeten Google, der inzwischen mit seinen Android-Smartphones dem iPhone Konkurrenz macht.

Bieterschlacht mit Google

So kam Google Apple bei der geplanten Übernahme von AdMob, einem Experten für Werbung auf Mobilgeräten, zuvor. Für 750 Millionen US-Dollar ging das Start-up-Unterneh­men nach einer kurzen, aber heftigen Schlacht an den Suchmaschinengiganten. „Die haben uns das vor der Nase weggeschnappt, nur damit wir es nicht bekommen“, sagte Jobs seinen Mitarbeitern in einem firmeninternen Meeting.
Apple musste sich nach dem verlorenen Bieterkampf mit dem etwas kleineren AdMob-Wettbewerber Quattro Wireless begnügen, der für 275 Millionen US-Dollar übernommen wurde. Um kostspieligen Auseinandersetzungen mit Google aus dem Weg zu gehen, soll Apple inzwischen potenziellen Übernahmekandidaten nur noch eine Entscheidungsfrist von drei Stunden einräumen, um eine Offerte anzunehmen oder abzulehnen. Außerdem hat Apple inzwischen eine eigene Spezialabteilung für Fusionen und Übernahmen aufgebaut, die vom ehemaligen Goldman-Sachs-Banker Adrian ­Perica geleitet wird.

Persönlicher Assistent

Mit der jüngsten Übernahme von Siri Inc. verschärft Apple nun den Wettbewerb mit Google. Siri hat eine Software entwickelt, die Ortsinformationen mit Daten aus dem Internet kombiniert, um für den Anwender wie ein persönlicher Assistent zur Verfügung zu stehen. Der virtuelle Butler kann nicht nur Restaurants, Bars, Kinos oder andere Unterhaltungsstätten ausfindig machen, sondern auch Tische oder Karten reservieren und zur passenden Zeit das Taxi ordern. Man kann aber Siri auch einfach fragen, ob es heute noch regnen wird.
Aardvark, einen ähnlichen Dienst wie Siri, hatte Google bereits im vergangenen Februar für 50 Millionen US-Dollar von der Firma Mechanical Zoo übernommen (http://vark.com). Während Siri auf intelligent verknüpfte Schnittstellen (APIs) zwischen verschiedenen Webdiensten setzt, versucht Aardvark die Fragen über die „Schwarm-Intelligenz“ der Menschen in den sozialen Netzwerken zu beantworten. „Aardvark findet die perfekte Person für die Antwort der Frage“, lautet das Ver­spre⁠chen der Suchmaschine, die nun über die Google Labs erreichbar ist.
Auf dem iPhone 3GS oder dem iPod touch muss man die Suchanfrage in der Siri-App nicht mühsam eintippen, sondern kann sie auch mündlich formulieren. Eine vom Spezialisten Nuance lizenzierte Spracherkennung wandelt den gesprochene Satz in eine schrift­li⁠che Suchanfrage um, die dann Programm-Schnittstellen (Application Programming Interfaces, APIs) von unterschiedlichsten Webservices anspricht. „Was Siri einzigartig macht, ist die Fähigkeit, natürliche Sprache zu verstehen und sich mit der Zeit an den individuellen Vorlieben des Benutzers zu orientieren“, beschreibt Siri-Mitbegründer Dag Kittlaus seinen Dienst.
Siri basiert auf einem Forschungsprojekt über künstliche Intelligenz am Stanford Re­search Institute (SRI), an dem sich insgesamt
22 US-Universitäten und die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), eine Behörde des US-Verteidigungsministeriums, beteiligten. Im Jahr 2008 wurden Technologien aus dem Projekt vom SRI mit Hilfe von Wagniskapitalgebern auf den Markt gebracht.
Das große Geld hatten aber die Siri-Gründer Dag Kittlaus, Adam Cheyer und Tom Gruber und ihre Investoren mit dem Unternehmen vor der Übernahme durch Apple noch nicht gemacht. Die Siri-App für das iPhone selbst ist kostenlos. Das Unternehmen finanziert sich durch Provisionen der Koopera­tionspartner, die beispielsweise die Reservierung des Restaurants vorgenommen haben. Apple soll 120 Millionen US-Dollar für die Übernahme von ­Siri bezahlt haben.

Such-Schnittstelle fürs iPhone

Wie lange die Siri-App noch im iTunes Store für das iPhone angeboten wird, steht in den Sternen. Schließlich hat Apple den Musik-Onlinedienst Lala.com nur wenige Monate nach der Übernahme vom Markt genommen. Der Suchmaschinen-Experte John Battelle geht davon aus, dass Apple das Siri-Tool als Ausgangsbasis verwenden wird, um eine Suchkomponente im iPhone-Betriebssystem zu bauen, die auch auf dem iPad zum Einsatz käme. Auf diese Schnittstelle würden dann alle Apps zugreifen. Entwickler von Apps für das iPhone oder das iPad könnten dann nicht nur Informationen wie Wetterdaten oder Restaurantlisten in ihre Anwendungen über ein API einbauen, denkbar wären auch Schnittstellen zu sozialen Netzwerken oder Bewertungsdiensten wie Qype.
Ein Siri-API könnte aber auch Eingang in eine kommende Version von Mac OS X finden. Apple würde damit zwar nicht die Websuche von Google attackieren, sich aber bei den Anwendungen für Smartphones ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen. Apple unternimmt letztlich den Versuch, zum Google der App-Welt zu werden.     Christoph Dernbach/ok


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