Siri: Quo vadis, Sprachassistent?

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Siri, Apples sprachgesteuerter Assistent ist in der Krise. Ringsum hagelt es mehr oder weniger verhaltene Schelte und andere Anbieter liefern den Kritikern mit eigenen Diensten reichlich Munition. Siri ist ein Versprechen, dass alles sich ändern kann in der Welt der Interaktion zwischen dem Mensch und seiner Maschine. Aber warum tut es das dann nicht?

Siri: Quo vadis, Sprachassistent?

Was kann Siri?

Siri ist der Erzfeind der herkömmlichen Suchmaschine. Während Google für den Kommandozeilenstil steht, verkörpert Apples Assistent den Beginn einer neuen Ära der Interaktion zwischen Mensch und Smart-Device.

In Mountain View feilt man seit Jahrzehnten an einem Algorithmus, der immer präzisere Ergebnisse aus den weiten des Internet fischt. Auch hier gibt bereits intelligente Interpretationen dessen, was der Suchende wirklich will. Schon lange werden nicht mehr nur sture Ergebnislisten angezeigt.

Wer nach Bands, Sportvereinen, Filmen oder Künstlern sucht, bekommt neben den einschlägigen Webseiten gleich auch nützliche Zusatzinfos gezeigt. Das

erfordert natürlich ein gewisses Maß an Verständnis, das über den reinen Abgleich der eingegebenen Begriffe mit dem Inhalt von Milliarden von Webseiten hinausgeht.

Doch Assistenten wie Siri gehen noch weit über diesen, eigentlich veralteten Eingabestil hinaus. Sie verstehen im Idealfall, was wir eigentlich mit der Suche bezwecken und versuchen, Ergebnisse zu antizipieren. Das funktioniert bisweilen schon nicht schlecht, hat aber noch eine Menge Potential für Verbesserung.

Vor allem seit iOS 6 hat sich einiges getan, was den Funktionsumfang für uns Europäer angeht. Wir können nun Apps öffnen, nach Bundesligaergebnissen fragen und ein spätabendlich gerade noch verständlich gemurmeltes „Wie komm’ ich jetzt nach Hause?“ quittiert die charmante Damenstimme brav mit der schnellsten Route ins heimische Bett.

Die herkömmliche Suche im Web, das Diktieren von Text oder das Verfassen von Facebook-Status und Twitternachrichten zähle ich schon gar nicht mehr als besonderes Feature. Dafür sind diese Dinge inzwischen viel zu gewöhnlich.

Trotzdem bleiben Siris wahre Fähigkeiten vielen Anwendern noch verborgen. Zu groß sind die Abstriche, die man als nicht-US-Nutzer machen muss — keine Tischreservierungen, keine Kinokarten und kein Wolfram Alpha.

Aber selbst ein Siri in den USA mit vollem Funktionsumfang und Anbindung an praktische Apps wie OpenTable, Fandango oder die wissenschaftliche Suchmaschine Wolfram Alpha ist noch nicht das Non plus ultra.

Was kann Siri (noch) nicht?

Unsere Smartphones und Tablets sind mit einer Masse von Informationen über uns ausgestattet. Alles, von dem aktuellen Aufenthaltsort, über unsere Kalendereinträge, Kontakte, bis hin zu Kontobewegungen und E-Mails ist theoretisch als Datum auf dem Telefon verfügbar. Es müsste nur abgerufen werden können.

Bislang beschränkt sich der Austausch dieser Daten auf wenige Ausnahmen. Erinnerungen, Musik, Kalendereinträge — schon beim Anlegen eines neuen Kontaktes streikt Siri.

Was ein höherer Grad der Verknüpfung ermöglichen würde, zeigt folgende, kontextbeladene Interaktion, die „Kontra“ in einem Blogeintrag sehr

schön skizziert:

„Erinnere mich daran, wenn ich im Büro ankomme einen Tisch in einem guten asiatischen Restaurant zum Geburtstag meiner Mutter zu reservieren und schicke mir die schnellste Route zu ihrer Adresse.“

Hieran lässt sich schnell erkennen, wo der Vorteil eines intelligenten Assistenten liegt. Im Gegensatz zu den eher trivialen Aufgaben, wie das Anlegen von Kalendereinträgen oder Routenplanung, ist die Auswahl geeigneter Restaurantvorschläge nämlich sehr viel aufwendiger.

Eine clevere Google-Suche nach den Schlagwörtern der Anfrage würde zweifellos eine Reihe tauglicher Lokalitäten zu Tage bringen. Doch könnte man mit nur wenigen Zusatzparametern die Masse der Resultate erheblich reduzieren.

Wie „gut“ darf das Restaurant angesichts meiner aktuellen Barschaft sein? Wie „gut“ muss es aber sein, damit Mutti nicht über das Ambiente meckert? Eine Suchmaschine wäre hier restlos überfordert und könnte auch unmöglich wissen, dass ich Vegetarier bin, was die Auswahl weiter einschränkt.

Was, wenn absolut kein passendes Ergebnis zu finden ist? Vielleicht steht in der Kontaktliste unter „Mutti“ ein Zusatzfeld für kulinarische Präferenzen, das neben „asiatisch“ auch „italienisch“ oder „indisch“ nennt. Diese könnten dann in die automatische Suche nach einer Alternative eingehen, damit Siri nicht mit leeren Händen zurückkehren muss.

So viele Informationen aus unserem digitalen Leben könnten uns von einem Dienst wie Siri mundgerecht serviert werden, sogar noch bevor wir wissen, dass wir sie benötigen. Einen Anfang macht Siri bereits, aber die technischen Möglichkeiten, die uns derzeit theoretisch zur Verfügung stehen, erlauben einiges mehr als uns sie und ihre Konkurrenz derzeit bieten können.

Woran liegt das?

Eines der Probleme, die aktuell kaum von der Hand zu weisen sind, ist mangelnde Unabhängigkeit. Siri ist ständig auf Netzzugang angewiesen und verweigert im Funkloch simpelste Dienste.

Selbst wenn man aber über eine ständig verfügbare und immer rasant schnelle Internetverbindung verfügt, könnten manche lokale Aufgaben deutlich schneller erledigt werden — Erinnerungen anlegen etwa.

Andere können das schon. Googles Android bietet seit Version 4.0 Ice Cream Sandwich Google Now — ebenfalls ein intelligenter Assistent, dessen Sprachsteuerung seit Android 4.1 sogar ohne Netzverbindung auskommt. Alle Kommandos werden direkt auf dem Gerät in Smartphone-gerechte Befehle umgesetzt.

Nicht umsonst wurde Google Now von Popular Science gerade als Innovation des Jahres ausgezeichnet. Den Juroren zufolge sei Siri dagegen „veraltet“.

Aber das ist nicht der einzige Schwachpunkt. Man denke nur an die vielen Entwickler, die sehnsüchtig auf eine API, also eine Programmier-Schnittstelle zu Siri warten. Die Integration eines „verständigen“ Assistenten würde gleich einer Vielzahl von neuen App-Ideen den Start ermöglichen. Und Siri könnte richtig Gas geben.

Doch eine verlässliche Schnittstelle ist schwierig zu realisieren und es würde nicht überraschen, wenn wir noch einige Zeit warten müssen, bis Siri „offen“ wird.

Ein weiterer Stein im Wege der Erleuchtung eines kleinen Assistenten zum allwissenden digitalen Butler ist der Argwohn, der insbesondere in Europa (noch) herrscht, wenn es darum geht, persönliche Informationen auf verschiedene Dienstanbieter zu verteilen.

Das mag aufgrund der Omnipräsenz von Facebook, Instagram und Co. paradox erscheinen, ist aber eine Tatsache. Ganz wohl ist uns bei allem social sharing nicht bei dem Gedanken, Siri — und damit eventuell Apples Servern – Details zu unserem Kontostand zu überlassen.

Ob diese Vorbehalte nun berechtigt sind oder nicht, will ich hier gar nicht diskutieren. Es geht viel mehr darum, dass in der Vision, die man für Siri spinnen kann, Offenheit eine große Rolle spielt. Diese Offenheit im Umgang mit den eignen persönlichen Daten ist uns aber (erneut: noch) fremd.

Was muss passieren, damit Siri nicht von der Konkurrenz überrollt wird?

Wenn Siri erst mit iOS 7 die nächste Entwicklungsstufe erreicht, sind Konkurrenten wie Google Now sicher schon wieder einen Schritt voraus. Wichtig wäre es also, schon vorher eine stetige Verbesserung in Gang zu setzen oder fortzuführen. Dazu gehören, das meint auch „Kontra“ und schlägt grundlegende Änderungen in mehreren Bereichen vor.

Neben Leistung und Funktionalität seien auch personelle Änderungen wichtig. Apple müsse noch mehr Ingenieure einstellen, die sich mit Diensten dieser

Art auskennen. William Stasior von Amazon A9 Search hat den Anfang gemacht — weitere sollen folgen. Gern auch weitere Abwerbungen von der Konkurrenz, schließlich kenne man sich dort aus.

Siri hat die Chance, ein weiterer Meilenstein der Interaktion zwischen Mensch und Computer zu werden, ebenso wie es Multitouch auf dem iPhone oder die Maus am Desktop PC waren. Um das zu erreichen, ist aber noch eine Menge Arbeit nötig. Pack’s an, Apple und hilf Siri dabei, ihr sehr viel versprechendes Potential zu realisieren!

Wie schätzt ihr das Potential von Siri ein? Verkümmert es gegen Google Now oder kommt es jetzt erst richtig in Fahrt?

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