WhatsApp-Status: „Geisel“

Stefan Bubeck
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Vor nicht allzu langer Zeit war der Beruf des emotionalen Erpressers eine Tätigkeit für zielstrebige Spezialisten und paranoide Irre – heute kann das endlich jeder ausüben. Eine (nicht ganz ernste) Lobeshymne auf WhatsApp als Tool für emotionale Kontrollfreaks.

WhatsApp-Status: „Geisel“
Bildquelle: GIGA / istock

Schon mal was von emotionaler Erpressung gehört? Ist ganz einfach und weit verbreitet. Nicht zuletzt dank WhatsApp.

So geht’s: Der Erpresser versucht, andere Menschen zu manipulieren. Das macht er mit seinen Gefühlen oder besser gesagt mit einer Emotion oder Handlung, welche zeitnah eintreten könnte und vor der sich andere fürchten. Etwa ein Wutausbruch, ein Schreianfall, kullernde Tränen oder schlichtweg tagelanges Schweigen. Damit das Spiel funktioniert, wird eine Geisel benötigt: Ein Mensch, der auf den Erpresser eingeht, sich in seinem Verhalten dieser Bedrohung freiwillig und dauerhaft unterwirft. Jemand, der alles tut, um den Erpresser milde zu stimmen. Man braucht nur zwei geeignete Mitspieler, zwei Smartphones mit WhatsApp und schon kann’s losgehen.

Respekt oder Liebe: nur als Gegenleistung

Klingt noch etwas theoretisch? Ein paar Beispiele aus dem Alltag:

  • Der cholerische Chef (Erpresser) und seine Mitarbeiter (Geiseln), die aus Angst vor Geschrei jede Entscheidung ihres Vorgesetzten tragen, egal wie irrational sie ist. Hauptsache, der Typ rastet nicht aus.
  • Vielleicht ist es aber auch der eine Freund im Bekanntenkreis, der ständig von „das hätte ich jetzt nicht von dir erwartet“ faselt, als hätte man vorher irgendwo unterschrieben, dass man immer seiner Meinung ist und stets für ihn Zeit hat.
  • Am häufigsten lassen sich emotionale Erpressungen im familiären Kontext und vor allem in Paarbeziehungen finden. Denn je besser sich Erpresser und Geisel kennen, desto professioneller lässt sich ein solches Szenario umsetzen. In der maximalen Ausbaustufe sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. „Wenn ich Dir wirklich etwas bedeuten würde, dann würdest Du ... “ – Kommt dir das bekannt vor? Willkommen im Club.
Mehr dazu bei Erdbeerlounge:
Emotionale Erpressung: Bist Du betroffen?
So ladet ihr per Link in WhatsApp-Gruppen ein

Der Onlinestatus ist ein klasse Werkzeug für den Erpresser

Mit Messengern wie WhatsApp ist vor einigen Jahren der God-Mode in diesem populären Spiel für alle Interessierten freigeschalten worden. Dank Online-Status und blauer „Gelesen“-Haken wird die Überwachung von Mitmenschen superleicht und somit auch die spontane Umsetzung einer emotionalen Erpressung – jederzeit, überall und ohne, dass man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht.

I love you. from funny

So lassen sich zuvor undenkbare und neue Varianten umsetzen, etwa: „Du warst letzte Nacht online – mit wem hast du da gechattet?“ oder „Ich habe dir geschrieben, du hast es gelesen – warum kommt keine Antwort?“ Auch die umgekehrte Variante hat ihren Reiz: Die Geisel schreibt und der Erpresser lässt sie zappeln (siehe Mem oben).

Diese spannenden und explosiven Spielarten waren in den 90er-Jahren noch völlig unbekannt, heute sind sie kostenlos für jeden verfügbar. Ein Segen für die Menschheit.

Das Ende verhindern

Sollte nun einer der Teilnehmer auf die clevere Idee kommen, die Status-Gelesen-Funktion in WhatsApp zu deaktivieren, ist das zwar ärgerlich, aber noch nicht das Ende des Spiels. Man muss nur wissen, wie man diese technische Hürde überwindet.

Damit die Show für immer weiter geht, muss das vorzeitige Ende effektiv verhindert werden. Ein mögliches Game Over – also wenn einer der Spieler endgültig aussteigt – wäre ja das Ende der Beziehung. Ein geübter Erpresser kann das jahrelang hinauszögern, Anfänger schaffen es meist in nur wenigen Wochen.

Das Spielziel ist also, dass die Beziehung erhalten bleibt: Die Geisel hält sich weiter an die Regeln, fühlt sich weiter in der Schuld, ist stets zeitnah und verbindlich für die emotionale Erpressung erreichbar, so wie sich das gehört. Pro-Tipp, wenn’s kippt: Kleine, möglichst unkonkrete Zugeständnisse („Ich weiß, ich habe ja auch Fehler. [WhatsApp-Zwinkersmiley]“) oder die Angriffssituation rhetorisch umdrehen („Was habe ich dir getan, dass du so fies zu mir bist? [Sturzbach-Wein-Emoji]“)– dann klappt’s auch in Zukunft mit der emotionalen Erpressung.

Für ambitionierte Erpresser ist ein Game Over übrigens kein Grund zu resignieren: Man muss sich dann eben nach neuen Spielpartnern umschauen. Davon gibt es da draußen glücklicherweise mehr als genug. Danke WhatsApp – für diese tollen Möglichkeiten.

Weitere Themen: Whatsapp für iPhone, WhatsApp Web, WhatsApp

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