WhatsApp: Bedeutet die Jahresgebühr das Ende des Chat-Dienstes für iPhone und Android?

Sebastian Trepesch
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Bald müssen viele Nutzer des beliebten Chatdienstes WhatsApp eine Jahresgebühr zahlen. Manche zahlen die gerne, manche möchten sich von WhatsApp verabschieden. Bedeutet der Abo-Preis das Ende des Chatdienstes?

Diese Woche wurde bekannt, dass WhatsApp wohl mehr aktive Nutzer hat, als twitter. Hinter dem aktuellen Erfolg von WhatsApp steckt ein interessanter betriebswirtschaftlicher Gedanke, der einen Ausblick auf die Zukunft geben kann. Wir werden sehen: Der Abo-Preis von unter einem Euro pro Jahr wird nicht das Ende des Chatdienstes bedeuten. Aber etwas anderes.

Netzwerkeffekt: Jeder profitiert von jedem neuen Nutzer

Den meisten Lesern dürfte die Situation bekannt vorkommen: Viele meiner Kontakte im Smartphone-Adressbuch nutzen WhatsApp (ok, sagen wir: viele der unter 30-Jährigen). Mit manchen davon kommuniziere ich fast gar nicht mehr per SMS oder Mail, nein, der WhatsApp-Chat ersetzt die schriftliche Kommunikation. Wenn sich weitere meiner Freunde bei diesem Dienst anmelden, wächst dessen Nutzen für mich: Ich habe noch mehr Adressaten, kann sie in Gruppenchats einbeziehen und so weiter.

Ökonomen nennen dieses Phänomen Netzwerkeffekt: Ich habe einen Vorteil davon, dass sich andere anmelden. Ein noch deutlicheres Beispiel: Bist Du der einzige Mensch auf der Welt, der ein Telefon besitzt, kannst Du nichts damit anfangen. Erst wenn ein Zweiter ein Telefon besitzt, kannst Du telefonieren – obwohl es immer noch derselbe Apparat ist. Je mehr Leute ein Telefon besitzen, desto mehr Leute kannst Du anrufen. Mit jedem Nutzer wächst also der Nutzen Deines eigenen Telefons. Das ist der (direkte) Netzeffekt.

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Die WhatsApp-Konkurrenz hat es schwer – wegen des Netzeffekts

Auch für WhatsApp gilt der Netzwerkeffekt: Je mehr Nutzer angemeldet sind, mit umso mehr Nutzern kann ich darüber chatten. Die Konkurrenz hat es dagegen schwer: Ein anderer Messenger kann besser, billiger, schöner sein. Was hilft das mir, wenn meine Freunde alle bei WhatsApp angemeldet sind, und keiner bei der Konkurrenz? Klar: ich nutze also weiterhin WhatsApp.

Für einen Dienst ist es zunächst schwierig, eine kritische Masse an Mitgliedern zu erreichen. Hat ein Netzwerk (ob das nun WhatsApp, Facebook oder das gute alte Telefon ist bzw. war) diese Hürde jedoch geschafft, wird das Wachstum immer schneller: Viele kommen hinzu, weil ja alle anderen das Netzwerk auch nutzen... Für den Marktführer wird es immer einfacher, für die Konkurrenz immer schwieriger.

Geschickte Preisgestaltung von WhatsApp

Die Entwickler von WhatsApp waren sich dessen wohl bewusst. Sie haben ihren Dienst lange Zeit kostenlos (oder fast kostenlos) angeboten, so dass sich viele angemeldet haben, daran gewöhnt haben. WhatsApp wuchs. Nun ist WhatsApp schon ein Standard auf Smartphones – und die Entwickler können es wagen, eine Gebühr zu verlangen. Schließlich wollen viele diesen Chat nicht mehr missen.

 

Der Vorsprung zur Konkurrenz ist in der großen Nutzerbasis begründet, also dem direkten Netzeffekt. Der ist nicht so leicht aufzuholen.

Die Nutzerbasis dürfte sich mit der Jahresgebühr dennoch verringern. Vermutlich gibt es viele, die WhatsApp nur sehr sporadisch nutzen. Bei ihnen ist die Zahlungsbereitschaft gering, und sie werden sich abmelden. Für alle anderen Mitglieder sinkt somit der Nutzen von WhatsApp. Es wird sich jedoch in kleinem Rahmen halten: Wer WhatsApp rege nutzt, wird bleiben und zahlen. Die klein gestaltete Abogebühr (weniger als ein Euro pro Jahr) reicht nicht alleine aus, um WhatsApp stark zu schaden. Ganze Nutzergruppen müssten ihren Anbieter wechseln, um weiter im Gespräch bleiben zu können. Da ist das Zahlen der Gebühr der bequemere Weg.

Die Gefahr für WhatsApp droht von einer anderen Seite

Was ist aber, wenn jeder WhatsApp-Nutzer bei einem zweiten Chat-Dienst angemeldet ist? Dann fällt der Wechsel ungleich leicht.

Die größere Gefahr ist deshalb nicht die eigene Gebühr, sondern Facebook. Das Soziale Netzwerk hat bereits eine große Nutzerbasis, hier kommen Netzeffekte noch stärker zum tragen. Facebook baut seinen Nachrichtendienst immer weiter aus. Für den Chat gibt es bereits eine eigene Messenger-App, und erst diese Woche bekam die Standardanwendung neue Chat-Funktionen. Das Soziale Netzwerk vereint neben dem Messenger auch noch einen privaten Nachrichtenstream, Geburtstage, Kalender und Spiele unter einem Dach. Das kann WhatsApp nicht bieten. Wer mit seinen Leuten ausgiebig den Facebook-Chat nutzt, braucht kein WhatsApp – und schon gar nicht, wenn man für letzteren zahlen muss. Weitere Krux: Auf dem PC und Tablet steht nur das Soziale Netzwerk zur Verfügung, WhatsApp nicht (zumindest nicht offiziell).

Netzwerkeffekt  hin oder her – WhatsApp ist dennoch kein langes Leben garantiert. Denn wir ahnen schon: Ein Webportal oder Dienst muss nicht dauerhaft Bestand haben, nur weil es aktuell der Marktführer ist. Ein schlechtes oder veraltetes Konzept kann mittel- und langfristig genauso den Untergang bedeuten, wie starke Konkurrenz, die das bisherige überbietet. Erinnern wir uns an das schülerVZ, das einst DER Standard als Netzwerk in den Schulen war. Ende des Monats wird es eingestellt. Die Blütezeit von myspace ist ebenfalls längst vergangen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Untergänge trotz Netzeffekt.

Fazit

Wahrscheinlich befindet sich WhatsApp eben in seiner Blütezeit und befindet sich gegenüber gleichwertigen Konkurrenten trotz Jahresgebühr in einer komfortablen Situation, Stichwort Netzeffekt. Und trotzdem: So schnell, wie der Dienst aufkam, kann er dank ungleicher Konkurrenz – Facebook – schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Sofern das blaue Soziale Netzwerk nicht plötzlich seine Mitglieder durch Werbung im Chat vergrault, oder die Nutzer nicht mehr einem Anbieter alle Daten anvertrauen wollen.

Der Abo-Preis dürfte dabei aber nur eine Nebenrolle spielen.

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