Captain America: Kinokritik - Patrioten-Power in Strumpfhosen: Ziemlicher Käse, aber vergnüglich

Martin Beck
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In der Haut mancher Marketiers möchte man nicht stecken. Wie bringt man zum Beispiel einem vom zeitpolitischen Geschehen erschütterten Publikum bei, dass da gerade ein Superheld über die Leinwand springt, der für zutiefst amerikanische Wertvorstellungen kämpft? Und von oben bis unten in die Nationalfarben der USA gehüllt ist. Und "Captain America" heißt. Und Nazis vermöbelt. Wir sind gespannt auf die Werbekampagne in Russland…

Captain America: Kinokritik - Patrioten-Power in Strumpfhosen: Ziemlicher Käse, aber vergnüglich

Dass Marvel früher oder später auch den Captain aus den Tiefen des Comic-Kerkers entlassen müsste, war klar. Schließlich sollen 2012 die “Avengers” für Recht und Ordnung in Blockbusterhausen sorgen, und da gehört “Cap” (wie ihn Freunde – also wir – liebevoll nennen) nunmal zu den Gründungsmitgliedern. Trotzdem war’s eine schwere Geburt, immerhin geht es hier um ein Relikt aus einer Zeit, in der Nationalstolz und Kriegspropaganda noch zum daily business gehörten.


Inmitten des Zweiten Weltkriegs erdachten Jack Kirby und Joe Simon eine Figur, die den Kids als Leitmotiv gelten sollte, die Mut spendet und Kraft vermittelt. Der perfekte Amerikaner – immer ganz vorne an der Front, jederzeit bereit, sein Leben für das Vaterland zu lassen. Dabei aber übermenschlich stark, dem Feind jederzeit überlegen. Zusammengefasst also: tutiefst propagandistischer Scheiß.

Bevor man also eine Karte für Marvels letzten großen Einzelauftritt vor dem “Avengers”-Megahappening löst, muss man sich über eines im Klaren sein: Hier trieft und schmalzt es so arg nach vorn, dass einem die Stars & Stripes irgendwann fast aus den Ohren quellen. Alle wollen für Amerika sterben, Nazis sind scheiße und generell in schwarze Lederklamotten gehüllt, während die schönsten Frauen ausschließlich auf die Kerle mit dem guten Herzen stehen – auch wenn sie nur 1,50 Meter groß sind.


Wie schwer sich Marvel damit tut, dieses Relikt von Hintergrundgeschichte so gut es geht auszuschweigen, zeigt sich in den ersten Minuten: Da lernt der Zuschauer den schmächtigen Steve Rogers kennen, der unbedingt in den Krieg ziehen will. Nur die Army, die will nicht – “zu dünn, zu klein” befinden die im Musterungstest. Steve findet das doof, denn: “Da drüben, da sterben unsere Brüder. Und ich stehe hier tatenlos rum – das ist unfair.”

Warum sich der gute Steve unbedingt umbringen lassen will, wird nie klar. Die Marvel-Autoren mühen sich sichtlich, den patriotischen Anstrich in so wenigen Sätzen wie möglich abzuhandeln, was der Figur – so paradox es klingt – zwar zu Gute kommt, ihr aber letztlich doch an Tiefe nimmt. Womit wir dann auch beim Kern des Ganzen wären: “Captain America” war bereits in gezeichneter Form der blasseste und hohlste aller Comichelden – und er ist es auch auf Zelluloid.


Chris Evans, der in “” noch als charismatischer Feuerball Johnny die Fackel überzeugte, müht sich redlich, spielt aber gegen eine völlig hirnrissige Charakterzeichnung an – ein Wettlauf den man nur verlieren kann. Zu sagen hat er eh nicht viel und wenn, dann stammt es mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Floskelbuch für Heldenweisheiten. Dieser Captain ist so ekelhaft gut, dass es schon wieder nervt. Er hat keine Probleme, keine Seele, kein Profil – ganz im Gegensatz zu den Comics, wo man genau diesen Missstand irgendwann erkannte und intervenierte.

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