Studie: HP und Lenovo stoßen iMac vom All-in-One-Thron

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Wie Beobachter in Asien errechnet haben, wird die Vormachtstellung des iMac im Bereich der All-in-One-Rechner im kommenden Jahr gebrochen. Von rückläufigen Wachstumsraten ist die Rede und mangelnder Produktvielfalt bei Apple. So wird begründet, dass Konkurrenten wie Lenovo und Hewlett-Packard sich auf der Überholspur befinden. Ausgerechnet deren “überragendes Design” soll dabei helfen – wenn das Jony Ive wüsste.

Insgesamt habe sich das Wachstum der All-in-One-Branche (AiO) seit 2009 zurückentwickelt. Lag die Quote zwischen 2009 und 2010 noch bei etwa 45 bis 50 Prozent, werden für dieses Jahr gerade einmal 31 Prozent erwartet. Die gesamten Verkäufe werden zudem im Jahr 2012 nur 15,8 Millionen Geräte erreichen und damit um weniger als 20 Prozent ansteigen.

Wintels bereiten dem iMac Sorgen

Besonders betroffen von dieser Rezession sei ausgerechnet Apples iMac. So genannte “Wintel”-PCs, also solche, die mit einer Kombination aus Intels Prozessoren und Microsofts Windows Betriebssystem ausgestattet sind, könnten mit niedrigeren Preisen locken. Aus diesem Grund hätten sie vor allem auf dem gigantischen chinesischen Markt eine bessere Chance.

Im Jahr 2011 sollen laut einer Studie der taiwanesischen DigiTimes etwa 13,5 Millionen AiO-PCs verkauft werden. Davon fallen geschätzte 3,7 Millionen auf den iMac, Hewlett-Packard und Lenovo können 2,4 und 2,9 Millionen erwarten. Das kommende Jahr werde eine knapper bemessene Verkaufszahlen Wachstumsrate bringen und Apple müsse sich mit 3,8 Millionen Geräten hinter Lenovo (4 Millionen) auf Rang zwei einsortieren.

Aufgrund der angestrengten Wirtschaftslage werde der Erfolg der Hersteller stark von Aspekten wie Design und Multimedia-Funktionen abhängen. Hier haben sich, so die Untersuchungen der DigiTimes, HP und Lenovo besonders hervorgehoben. Noch einmal: Es geht vor allem um das Design der Produkte. HP. Und Lenovo. Hervorgehoben.

AiOs von HP und Lenovo: Zum Fortlaufen

Nun ist Design und Ästhetik natürlich Geschmackssache, aber wenn ich die All-In-One-Desktoprechner aus dem Hause Hewlett-Packard sehe, überfällt mich das kalte Grausen. Bei Lenovo ist es zwar nicht ganz so schlimm, aber so richtig vom sprichwörtlichen Hocker reißt da auch nicht ein einziges Modell.

Als zweiten Kiesel, mit dem die Branchen-Davids den iMac-Goliath niederstrecken werden, nennt DigiTimes die mannigfaltigen Hardwarevariationen, die zudem auch noch leistungsstärker seien. Nun, das lässt sich rein nominell in einigen Fällen kaum abstreiten. Prozessoren mit höheren Taktraten, mehr Arbeitsspeicher und Festplattenkapazität zu geringeren Preisen – einverstanden.

Doch einerseits spricht vieles dafür, die Gesamtheit des vielbeschriebenen Ökosystems zu betrachten; die integrative Zusammenarbeit zwischen Hard- und Software. Und während bei HP und Lenovo in den Produktbeschreibungen unweigerlich „Genuine Microsoft Windows 7“ zu lesen ist, kann Apple nunmal beide Komponenten aus einer Hand liefern: iMac und OS X.

Das Paradoxon der Vielfalt

Vielleicht noch entscheidender ist aber diese Überlegung: Große Auswahl, wie sie bei der Konkurrenz ausdrücklich als Wachstumsgarant hervorgehoben wird, ist nicht unbedingt etwas Positives. Im Gegenteil sorgt eine überbordende Masse möglicher Varianten, Kombinationen und Farbnuancen eher für gesteigerte Unzufriedenheit beim Käufer. Paradox?

Nicht ganz, legen jedenfalls diverse psychologische Untersuchungen nahe. Sieht der Konsument sich einer großen Anzahl Auswahlmöglichkeiten gegenüber, geht er, wenn auch unbewusst, davon aus, dass eine dieser Varianten die perfekte Wahl für ihn sein muss. Schließlich gibt es ja genug. Die Chance, dass der Traumcomputer dabei ist, dürfte also recht hoch sein.

Dass dem nicht so ist, leuchtet wohl jedem ein. Dennoch stellt sich eine unvermittelte Unzufriedenheit ein, bemerkt man zu Hause nach dem Auspacken und Ausprobieren die ersten kleinen Problemchen. Hatte man doch so hohe Erwartungen an das minutiös konfigurierte und durchgeplante Produkt. Selbstverständlich währen die Fehler auch bei geringerer Auswahl aufgetaucht und das soll auch keineswegs heißen, dass Apple-Rechner bar jeden Bugs sind.

Man nimmt bei einer eingeschränkten Auswahl dagegen quasi in Kauf, dass das gewählte Produkt nicht das Non-Plus-Ultra ist – schließlich konnte man ja nur zwischen einer Handvoll Varianten wählen. Wer kann da schon verlangen, dass die perfekte Rechenmaschine dabei ist? Diese Prozesse finden nicht im Bewusstsein statt, beeinflussen aber dennoch erwiesenermaßen unsere Kaufentscheidungen. Nachlesen kann man das zum Beispiel in dem wundervollen Buch* des US-amerikanischen Psychologen Barry Schwartz.

Spaß beiseite: Der iMac hat’s schwer

Aber zurück zu der Studie aus Taiwan. DigiTimes prophezeit für den europäischen und den US-amerikanischen Markt, dass Apple sich besser wird halten können als im Rest der Welt. Dies wird hauptsächlich mit Stabilitätsproblemen bei HP, dem größten Konkurrenten für Tim Cooks Unternehmen in diesen Gegenden begründet.

Insgesamt werde Cupertinos Anteil am AiO-Markt im kommenden Jahr von 27 auf 24 Prozent sinken. Seit 2008 sinkt dieser Wert, damals lag Apples Anteil mit dem iMac auf dem Höchststand von 64 Prozent.

Es lässt sich bei aller Polemik kaum leugnen, dass die Wachstumsrate der Desktop-Macs (näher spezifiziert Apple die Verkaufszahlen seiner Computer nicht) in der jüngeren Vergangenheit nicht nur zu Freudensprüngen animierte. Um gerade einmal knapp 3 Prozent stiegen die Verkaufszahlen im vergangenen gegenüber dem Vorjahresquartal. 2011 verkaufte Apple nur 51.000 Desktop-Macs mehr als im Vorjahr, was einem Zuwachs von gerade einmal 1,1 Prozent entspricht.

Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten weltweit dürfte hierfür auch eine verstärkte Konzentration auf den boomenden Mobil-Markt und damit iPad und MacBook Air verantwortlich sein. Tablets nagen an den Desktop-Zahlen, aber bei Apple laut Tim Cook nicht so stark, wie bei anderen Wettbewerbern.

Für das nächste Upgrade der iMacs werden neue Ivy-Bridge-Prozessoren erwartet, eventuell auch größere Festplatten sowie neue SSD- und Grafik-Optionen. Vor allem aber scheint Apple mit dem Design seiner Produkte zufrieden zu sein – auch zusätzliche Produktvarianten scheinen wenig wahrscheinlich. Apple kennt das Prinzip der künstlichen Auswahl-Verknappung, daran besteht kein Zweifel. Und Chef-Designer Jonathan Ive weiß, was er tut.

Nicht nur rosige Aussichten also für den iMac. Welchen Einfluss HP und Lenovo mit ihren Design-Bestien auf diese Entwicklung haben, darüber darf man getrost streiten.

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