Gefaltete Lautsprecher

Nils Quak

Audio-Post­produktion für Film kann mühsam und kleinteilig sein. Dass es sinnvolle Abkürzungen gibt, zeigt Speakerphone. Der Allrounder für Lautsprecher und Raumsimulation verspricht tiefe Eingriffe ins Audiomaterial.

Audio Ease ist in Postproduktionskreisen ein renommierter Software-Hersteller. Besonders der Faltungshall Altiverb hat sich in Studios zum Standard in Sachen Convolution Reverb gemausert. Mit Speakerphone sorgte die niederländische Firma vor etwas mehr als einem Jahr für ein Postproduktions-Tool der besonderen Art. Mit diesem Plug-in, das sowohl als AU-, VST-, RTAS- als auch MAS-Version vorliegt, werden keine Räume im klassischen Sinn nachgebildet. Bei Speakerphone geht es vielmehr um die Simulation von Lautsprechern in verschiedenen Umgebungen. So wird es etwa möglich, die Sounds so klingen zu lassen, als würden sie von einem Anrufbeantworter in einem Hubschrauber-Cockpit oder in einem randvollen Sportstadion abgespielt. Dass hier nicht nur einfach ein bisschen am Equalizer gespielt wird und ein paar Originaltöne hinzugefügt werden, versteht sich bei Audio Ease von selbst. Bei der Lautsprecher- und Raumsimulation setzt Audio Ease voll auf seine erfolgreich umgesetzte Faltungshall-Technologie. Die Convo⁠lution- oder Faltungshall-Methode besteht da­rin, dass der Klang sehr kleinteilig in zwei ­Dimensionen zerlegt wird: Frequenz und Zeit. Für Hall-Anwendungen werden nun mit einem speziellen Verfahren die Schall­re⁠flektionen eines Raumes – oder im Fall von Speakerphone eines Lautsprechers oder Mikrofons – aufgenommen und dieser in zwei Dimensionen zerlegt. Diese Information wird Impulsantwort genannt. Möchte man nun einen Raum mit Hilfe eines Convolution Reverbs nachbilden, so werden die Informationen des Ursprungsklangs mit denen der Impulsantwort für die beiden Dimensionen Zeit und Frequenz miteinander verrechnet. So entsteht ein realistischer Eindruck, der so klingt, als wäre der Ausgangs-Sound in diesem Raum aufgenommen worden oder im Fall von Speaker­phone in diesem Raum und mit einem speziellen Lautsprecher abgespielt worden.

Raumklang

Die Nachbildungen der Klangräume und Lautsprecher lassen sich insgesamt in vier verschiedene Hauptelemente gliedern. Neben der Simulation des eigentlichen Lautsprechers wie etwa der Membran eines Telefons stehen Mikrofonart, Raum und Abdeckung des Lautsprechers zur Verfügung. Der Raum wählt aus, in welcher Umgebung der Lautsprecher steht, und bietet dafür die entsprechende Impulsantwort. Mit Mikrofon stellt man ein, ob mit einem hochwertigen Mikro aufgenommen wird oder etwa mit dem eines Telefons. Mit der Klangoption Abdeckung legt der Nutzer fest, ob sich der Lautsprecher unter einem Gegenstand wie einer Decke oder im Kofferraum eines Autos befindet. Hier kann noch einmal am Klang gedreht werden. Ein Verzerrer zum Bearbeiten von Übersteuerungen im Mikrofon- beziehungsweise Lautsprecherweg und ein
Vierband-Equalizer ergänzen das Ganze. Das Handbuch gibt einen detaillierten Überblick über die verschiedenen Simulationen. Die Informationen sind über ein Pop-up-Menü im Plug-in-Fenster abrufbar. Es stehen angefangen von Laptop-Speakern, etwa aus dem Powerbook, über verschiedene Mobil- und Festnetztelefone sowie Anrufbeantworter bis hin zu Fernsehern, Walkie-Talkies oder Gitarrenverstärkern eine Auswahl von 235 verschiedenen Lautsprechern zu Verfügung. Hinzu kommen 53 Raumsimulationen, 24 Mikros und 110 Lautsprecherabdeckungen. Eine Sample Bay ergänzt den Klangumfang mit Umgebungsgeräuschen, die über einen Sidechain-Compressor abmischbar sind. MIDI-Befehle werden unterstützt. Für Vielfalt sorgen knapp 4 GByte Samples und Impulsantworten.

Effektvoll

Eine umfangreiche Zahl kreativer Klangprozessoren stehen ebenfalls zur Verfügung. Mit einem Telefonverbindungssimulator, einem Gate, einem Kompressor und einem Delay sowie Bitcrusher ist eine hohe Anzahl an Pro­zes⁠soren vertreten. Ein Modulationseffekt für Phaser- und Flanger-Klänge, eine Leslie-Simula­tion, ein Schallplatten-Emulator sowie ein Radiotuner und ein Multi-LFO ergänzen das Setup. Insgesamt präsentiert Speakerphone neun Effekte und eine Modulationseinheit. Besonders die Modulationsmöglichkeiten wissen zu begeistern. Sie bestehen aus zwei Envelope-Followern und vier LFOs, die sich Parametern frei zuweisen lassen, um Soundbearbeitungen und Texturen zu ermöglichen. Besonders der Radio-Emulator und die Simulation von Mobiltelefon-Verbindungen bringen Spaß. Es zeigt sich, dass Speakerphone 2 weit mehr als eine Lautsprecher-Simulation für die Postproduktion ist. Als sehr vielseitiges Effektgerät bietet es auf einer aufgeräumten Oberfläche effizient und schnell Möglichkeiten zur kreativen Klangbearbeitung. Der Klang von Speakerphone 2 ist ausgezeichnet. Es macht unglaublich Spaß zu erleben, wie aus einer trockenen Stimmaufnahme in Windeseile eine ungemein realistische Telefonkonferenz oder ein Statusreport aus einem fliegenden Hubschrauber wird. Eine gute Ergänzung wären zusätzliche Soundpacks, die bestimmte Spezialbereiche genauer abdecken oder neue Lautsprecher und Räume bieten.

Fazit

Alles in allem ist Speakerphone 2 ein rundum gelungenes Werkzeug für die Postproduktion. Sei es, um Studioaufnahmen realistisch in Szene zu setzen oder bestimmte Klangquellen zu simulieren – mit diesem Tool werden beeindru­ckende Ergebnisse möglich. Auch Musiker bekommen hier nützliche Tricks zur Klangbearbeitung an die Hand. Einzelne Features sind sicherlich auch separat und günstiger zu haben, die klanglichen Qualitäten des Programms wissen jedoch besonders in Kombination mit den Modulations-LFOs zu überzeugen und liefern sehr vielseitige Ergebnisse. Nutzer finden hier ein kreatives und umfassendes Software-Tool, das obendrein jede Menge Spaß bereitet.    Nils Quak/huq

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