Google Daydream View im Test: Nicht ganz da

Frank Ritter
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Eine der wichtigsten Neuerungen von Android 7.1 Nougat ist Googles neue VR-Plattform Daydream. Dazu bringt Google auch gleich eine neue VR-Brille raus, die mit den Pixel-Geräten und künftig weiteren Smartphones genutzt werden kann: Im Test zur Daydream View erklären wir, was an Googles VR-Rundumschlag gut funktioniert – und wo noch Nachholbedarf herrscht.

Google Daydream View im Test: Nicht ganz da

Die drei Probleme von VR

Virtual Reality muss sich aktuell drei großen Herausforderungen stellen: Zum einen sind die technisch hochgezüchteten Konsolen- und PC-gebundenen Lösungen zu teuer, um einfach so im Impuls gekauft zu werden. Zum Zweiten muss man VR selbst erleben, um zu wissen, wie gut VR funktioniert und ob einem dieses totalimmersive Konzept des Medienkonsums überhaupt zusagt – das macht Werbung für VR schwierig. Zum Dritten gibt es bislang nur wenig langanhaltend faszinierenden Content für VR. Googles Lösung dafür: Man nimmt Smartphones zu Hilfe. Denn die enthalten in der Regel die wichtigsten Sensoren und ausreichend hochauflösende Displays, sodass man sie nur in einen „Käfig“ mit zwei optischen Linsen stecken muss und damit bereits Virtual Reality erleben kann. Und dank der mittlerweile vielen 360-Grad-Bilder und -Filme bei YouTube und Google Maps hat Google theoretisch sogar mehr als genug Content in petto.

Die erste Stufe von Googles VR-Attacke war Cardboard: Preiswerte Sets aus Pappe oder Plastik mit zwei Glaslinsen, in die man sein Smartphone hineinstecken konnte und mit denen man zumindest in einigen Apps 3D-Inhalte anschauen konnte. Google gab die Cardboard-Spezifikationen vor, sodass andere Hersteller eigene Headsets auf deren Basis bauen konnten, trotzdem existierten proprietäre Insellösungen wie die GearVR-Headsets, die jeweils nur mit bestimmten Samsung-Geräten funktionierten, aber auch VR-Headsets für Smartphones, die mit Cardboard nicht zusammen funktionierten, weil sie – wie OnePlus‘ VR-Brille Loop – keinen Button für die Steuerung an der Brille mitbrachten.

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Introducing Daydream View – VR Headset by Google: Commercial

Daydream-Werbeclip (Quelle: Google)

Mit Android 7.1 Nougat und der integrierten Daydream-Plattform legt Google nun eine Schippe drauf. Zum einen ist Daydream eine direkt in das Betriebssystem integrierte Plattform, zum zweiten müssen Smartphones und Apps bestimmte Bedingungen erfüllen, um eine Daydream-Zertifizierung zu erhalten. Gegenüber Cardboard hat Daydream also den Vorteil, dass Entwickler für ihre Apps bestimmte Features – etwa Support fürs performante Vulkan-API – voraussetzen können, dass diese über ein vereinheitlichtes Interface im VR-Raum aufgerufen werden können und, vor allem, die Daydream Remote. Dabei handelt es sich um eine zuverlässige und vielseitige kabellose Steuerungsmöglichkeit. Googles Referenz für die Plattform sind die neuen Pixel-Smartphones als erste offizielle „Daydream-ready“-Smartphones und Daydream View als VR-Brille, in die die entsprechenden Smartphones eingelegt werden können.

Wir haben von Google sowohl die Daydream View als auch ein Pixel XL als Testgerät zur Verfügung gestellt bekommen. Vorweg: Unser erster Eindruck ist durchwachsen.

Daydream View – die Hardware

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Die Brille selbst besteht aus Hartplastik, das aber mit Stoff überzogen ist. Das fühlt sich ganz angenehm an im Vergleich zum baren, harten Plastik der meisten anderen VR-Brillen. Verschmutzungen sind hier freilich nicht einfach abwaschbar, zumindest das Polster im Inneren kann aber abgezogen und separat gewaschen werden. Das Nasenteil ist gepolstert, das breite Gummiband, mit der die Brille am Kopf gehalten wird, kann in der Größe verstellt werden. So richtig angenehm sitzt die überraschend kleine Daydream View trotzdem nicht auf meinem slawischen Kartoffelgesicht, Kollege Amir mit seinen beneidenswerterweise deutlich feineren Gesichtskonturen fand aber keinen Grund zur Beanstandung.

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Ich konnte Daydream View auch mit meiner normalen Brille nutzen. Ob mit oder ohne Sehhilfe muss man jedoch von außen hereindringendes Licht und Reflexionen im Bild ertragen – an der Stelle kann Daydream View mit einer dezidierten VR-Brille wie Oculus Rift und HTC Vive einfach nicht mithalten. Der Mechanismus, über den man das Smartphone in der Brille befestigen kann, ist etwas ausgefeilter als bei Cardboard mit seinen Klettstreifen: Ist das Handy eingelegt, wird die Stoffklappe hochgeklappt und per elastischem Band arretiert, das Smartphone sitzt nun bombenfest.

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Die Auflösung geht in Verbindung mit dem Pixel XL in Ordnung. Zudem werden Kopfbewegungen schnell und ohne spürbare Verzögerung umgesetzt – was im Bereich VR bekanntermaßen enorm wichtig ist. Negativ fiel mir auf, dass das Pixel XL spätestens nach etwa 20 Minuten der Nutzung extrem heiß wurde. So heiß, dass man es auch in der Brille spürt und tatsächlich zu schwitzen beginnt. Zum anderen sonderte die Daydream View bald einen unangenehmen chemischen Geruch ab, der vermutlich auch durch diese Hitze verursacht wurde. Bei der zweiten Nutzung war das nicht mehr so schlimm – empfehlenswert ist es aber dennoch, gerade am Anfang regelmäßige Pausen einzulegen, damit das Headset „auslüften“ kann und man sich daraus resultierende Kopfschmerzen erspart.

Daydream Remote

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Gelungen und ein großer Fortschritt gegenüber Cardboard ist die mitgelieferte Daydream Remote. Sie bietet eine komfortable Steuerungsmöglichkeit im virtuellen Raum. Die Steuerungsoptionen sind vielfältig, da die Remote über eigene Lagesensoren, ein Touchpad, zwei separate Buttons und sogar Lautstärketasten verfügt. Die Remote kann per USB-C-Port geladen werden und wird per Bluetooth mit dem Smartphone gekoppelt.

Im Hauptmenü der Daydream-App sieht man eine virtuelle Repräsentanz der Remote; mit einem „Strahl“, der von ihr ausgeht, kann man sofort erkennen, auf welchen Menüpunkt man klicken würde. Leider wird diese intuitive Art der Steuerung in den meisten Apps nicht genutzt. Sinnvoll wäre es, wenn Google sie obligatorisch macht.

Die aus Plastik gefertigte Remote ist solide verarbeitet, ihre Buttons sind problemlos erfühlbar, haben keine zu schwammigen Druckpunkte und sie liegt dank ihrer abgerundeten Rückseite komfortabel in der Hand. Man merkt zwar, dass man kein Premiumprodukt in der Hand hält, für den Preisrahmen ist die Qualität aber angemessen. Dank einer Schlaufe, die an der Remote befestigt wird und die man zusätzlich ums Handgelenk schlingen kann, verhindert man, dass sie im Eifer des Gefechts aus der Hand flutscht und die teure chinesische Mingvase zerstört, die wir alle in unseren Eigenheimen ausstellen. Cool ist außerdem, dass man die Remote in der Brille verstauen kann, wenn man sie nicht benötigt.

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Daydream-Software und VR-Ökosystem

Gestartet und eingerichtet wird Daydream über die Daydream-App auf dem Smartphone. Das Ganze geht dank automatischer Erkennung des Headsets per NFC, automatischer Arretierung des Displayinhalts an der „Mitte“ und der von der App gestützten Kopplung der Remote schmerzlos vonstatten.

Der Launcher selbst präsentiert dem Nutzer bereits installierte Daydream-kompatible Apps und Medien, bietet aber auch die Installation von Anwendungen über ein einfaches Play-Store-Frontend an. Egal, in welcher App man sich befindet – über den großen Homebutton auf der Remote kommt man stets zurück in den optisch wirklich gelungenen Daydream-Launcher. Ein Langdruck auf Home zentriert die Perspektive sofort.

Als erstes VR-Erlebnis teasert Google im Daydream-Launcher derzeit das VR-Video zum Rhomaleosaurus an, das über eine eigene VR-Variante der YouTube-App angezeigt wird. Das ist dann wirklich auch eine beeindruckende Demo, nur leider endet es an der Stelle schon fast. Google bietet auch die Erforschung von 360-Grad-Panoramen berühmter Sehenswürdigkeiten in Street View an. Das ist durchaus ebenfalls nett und beeindruckend – nur kein echtes VR, dafür fehlt es an Stereoskopie, also 3D-Informationen. Einfach gesprochen befindet man sich in einer Street-View-Sphäre, die zwar Taj Mahal, die höchsten Wolkenkratzer und andere Bauwerke „in Lebensgröße“ darstellt, nur ist das letztlich auch nur ein begehbarer 2D-Raum ohne echte Tiefe. Zudem kann man all diese Erfahrungen auch mit Cardboard machen – ein Alleinstellungsmerkmal stellen YouTube und Street View mit Daydream keinesfalls dar.

Kunstfreunde können mit der neuen VR-App des Google Art Project berühmte Gemälde genau anschauen, das bietet aber auch nicht viel Mehrwert gegenüber der Betrachtung in einem gewöhnlichen Browser.

Das kostenlose Spiel Wonderglade lässt den Nutzer in Comic-Optik durch einen Themenpark wandern, in dem es diverse Minispiele zu absolvieren gilt. Die Steuerung findet in der Regel über das Touchpad sowie die Lagesensoren statt, ist aber meist etwas zu empfindlich. Die App des Wall Street Journal ist eine Art VR-Reader mit einem integrierten Player für speziell angefertigte 360-Grad-Reportagen.

Über die Play-Store-Integration kann man komfortabel weitere Daydream-kompatible Apps herunterladen. Das Daydream-VR-Ökosystem ist aber derzeit noch nicht allzu stark ausgebaut, was sich mit dem offiziellen Marktstart von Daydream sicher peu a peu verbessern wird. Google hat bereits angekündigt, dass auch sämtliche an Cardboard angepassten Apps bald Daydream-kompatibel sein werden.

Test-Fazit zu Daydream View

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Daydream als Plattform ist eine gute Idee. Zwar bietet das Ökosystem noch bei weitem nicht die ausreichende Vielfalt an Apps, um länger als einen Abend zu unterhalten, aber irgendwo muss ja ein Anfang gemacht werden. Die Software-Umsetzung ist solide, mit mehr Daydream-kompatiblen Apps wird das bald sicher noch interessanter.

Daydream View eignet sich absolut, um sich einen ersten Eindruck von VR im Allgemeinen zu machen. Als Produkt konnte mich die Brille nicht überzeugen. Klar – die Remote ist wohldurchdacht und ein großer Vorteil gegenüber der Point-and-Click-Steuerung per Button direkt am Helm, mit denen man Cardboard und GearVR bedient. Nur sitzt die VR-Brille für mich unbequem, mich nerven die Gerüche und die besorgniserregende Hitzeentwicklung in Verbindung mit dem Pixel XL. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es für mich, abgesehen von der Remote und dem etwas erhöhten Komfort, keinen Vorteil gegenüber einer herkömmlichen Cardboard-Brille. Mal abwarten, wie sich das Ökosystem entwickelt.

Test-Wertung zu Daydream View

  • Verarbeitung: 3/5
  • Tragekomfort und Ergononomie: 3/5
  • Steuerung: 5/5
  • Software und Ökosystem: 3/5
  • Abzug: -1 Punkt (starke Geruchsbildung nach Inbetriebnahme)

Gesamt: 65 %

bewertete "
Daydream
" mit
65 von 100 Punkten
(11. November 2016)

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