25 Jahre MACup

Stephan Selle

Stephan Selle, Mitglied der Ur-MACup-Redaktion, erinnert sich der Anfänge und blickt in die kommenden 25 Jahre.

25 Jahre MACup

Als MACup zur CeBIT 1985 mit der ersten Nummer herauskam, hatte ich gerade vier Monate lang meinen ersten Mac und damit meinen ersten Computer: Es ist schon etwas Besonderes, wenn Individualgeschichte und Weltgeschichte fünfundzwanzig Jahre gewissermaßen Hand in Hand schreiten.

Ein Blick zurück

Meine ersten bezahlten Jobs verdanke ich dem Computer und dem übergroßen Respekt, den die meisten Laien dem neuen Technikwunder entgegenbrachten. Ich habe für einen Scharlatan gearbeitet, der seine Kunden mit schicken Kalkulationen „aus dem Computer“ beeindruckte, hergestellt mit dem Excel-Vorgänger Multiplan. Ich musste die Tabellen „aufbauen“, seine Sekretärin hackte die Zahlen rein, dabei auch die Summen für Spalten und Zeilen: Den Rechner rechnen zu lassen war aus Sicht des Chefs, als würde man mit dem Ferrari Zigaretten holen fahren. Warum den wertvollen Computer rechnen lassen, wenn man Personal hat!
Wie der Computer, so steigt auch der Operator – in diesem Fall ich – zum Magier auf. Im August kann ich RAM noch nicht buchstabieren und im November werde ich an der Uni zu Problemen mit der Siemens-Nixdorf hinzugerufen. Während der Zuständige das Problem erklärt, versuche ich rauszufinden, welches von den herumstehenden Geräten die Heizung und welches der Computer ist. Im Juli dachte ich noch, alle Zeitungen weltweit würden mit einer einzigen Schrift in verschiedenen Größen gedruckt, im Dezember wollten gelernte Schriftsetzer von mir wissen, ob die Goudy Oldstyle auch schmaler durchlaufen kann. Im September hätte ich Übersatz noch für einen Begriff aus dem Sport gehalten, im folgenden Frühjahr eröffnete ich die Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik mit einem Vortrag über Desktop Publishing.
Fabelhaft! Ich werde zum Experten, obwohl ich nicht mal genau weiß, wer oder was da immer meinen Bildschirm von hinten so dekorativ anmalte. Aber Deutschland ist nicht umsonst das Land der Überholer: Nach weiteren zwei Jahren wimmelte es überall von Experten und das Computerland Oz verwandelte sich allzu schnell in ein ödes Gewerbegebiet.
Seit 13 Jahren ist Steve Jobs wieder Chef, seit 13 Jahren verdient Apple wieder Geld. In diesen 13 Jahren haben sich auch die letzten hartnäckigen Gläubigen von der Vision „Apple besiegt Microsoft“ verabschiedet, das Intel-Trauma überwunden und sich ganz leis daran gewöhnt, dass Apple kein Computer Inc. mehr ist. Statt Rechnern, die nur noch fünf Prozent des Umsatzes ausmachen, bringen tragbare Haushaltsgeräte das Geld. Der tolle Hardware-Hersteller ist dabei, einer der weltweit wichtig⁠s­ten Software-Händler zu werden. Alles, was digital ist und Geld bringt, kann bald im iTunes Shop gekauft oder konsumiert werden.
Doch wer von modernen Firmen redet, redet von Google und Apple, selten von Microsoft. Den Modernen kann es egal sein, ob wir nutzen oder kaufen. Wenn aus Produkten Services werden, macht das die Modernen nur noch reicher. Wenn sich das Internet in einen gigantischen App-Shop verwandelt, werden die Modernen davon profitieren.

Die nächsten 25 JAhre

Mal angenommen, die MACup und mich gibt es noch so lange auch gemeinsam. Jetzt geht es ja nicht mehr um schneller, höher, weiter, denn gerade die letzten Jahre mit iTunes, iPod und iPhone haben gezeigt, dass da noch viel liegt hinter dem vermeintlichen Horizont: Aus Computersicht steht die Entdeckung der Welt noch bevor, die Bilder laufen gerade mal sto­c⁠kend durch den Projektor, von Ton und Farbe noch keine Spur. Aus Monitoren sind schon fast Folien geworden, Mäuse sind beinahe nur noch bewegliche Trackpads, für Tastaturen fehlt, bis Sprache zum Eingabeformat wird, noch brauchbarer Ersatz. Und die Suche nach intuitiveren, direkteren Methoden der Ein- und Ausgabe hat gerade erst begonnen.
In 25 Jahren gibt es keine Laptops mehr, das Konzept ist dann schon historisch. Die Wirtschaft wird aus dem Allzweckgerät wieder einen Haufen von Spezialmaschinen gemacht haben, weil das der Faulheit der Benutzer und der Geldgier der Unternehmer entgegenkommt. Aus Apps werden Geräte mit möglichst wenig Text. Wir werden uns in Riesenschritten auf neue Formen der Oralität, der nicht-textgebundenen Kommunika­tion einlassen und uns damit auch von einer zweieinhalb Jahrtausende währenden Epoche des geschriebenen und gedruckten Worts verabschieden. Wir verwandeln uns in gebildete An­al⁠phabeten. Das Internet wird unsere Gehirne gewaschen, gebleicht und neu verdrahtet haben, und anstatt um den Zugriff zu allen Daten der Welt zu ­betteln, werden wir, um nicht in ihnen ersaufen zu müssen, viel Geld für wirkungsvolle Informationsbremsen ausgeben.
Schön wäre es doch, wenn aus der Globalisierungsmaschine und dem alles verbindendem Netz die Lokalisierungsmaschine und ein echtes LAN, ein Local Aera Network würde – Technologien und Techniken, die uns helfen, unsere nahe Umgebung und deren Wirtschaft, Kultur und Bewohner am Leben zu erhalten. Als alternder Hippie träume ich ja immer noch davon, dass eine neue Technologie mal nicht nur die Reichen reicher und die Mächtigen mächtiger macht.         Stephan Selle

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