Es spielt und spielt und spielt

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Noch zur Jahrtausendwende war Napster das Synonym für Musik aus dem Internet, sah sich vor allem als unparteiische Tauschbörse und gab einer schon zuvor mehr von Gier als Kultur getriebenen Musikindustrie fast den Todesstoß. Als am 9. Januar 2001 iTunes 1.0 erschien, da war es zunächst nur eine von vielen Anwendungen zum Abspielen von MP3-Dateien, sollte jedoch gut drei Jahre später zum weißen Ritter der Musikindustrie werden. iTunes wurde letzten Sonntag zehn Jahre alt, dennoch kommt bei den Musikverlegern keine richtige Stimmung zum Feiern auf.

Dass ausgerechnet SoundJam MP, ein durch nichts herausragendes MP3-Abspielprogramm, als Basis dafür herhalten sollte, was iTunes heute alles ist, scheint mittlerweile kaum mehr vorstellbar. Aber die seit 1998 erhältliche Classic-Anwendung war auch gar nicht Apples erste Wahl, sondern sein flotterer Konkurrent Audion der Firma Panic, heute vor allem bekannt für Transmit. Da Panic sich jedoch während der Entscheidungsfindung Apples in Verhandlungen mit AOL befand, wechselte Apple auf seine zweite Wahl namens SoundJam MP. Tragischerweise brachte der Apple-Deal dem SoundJam-MP-Hersteller Casady & Greene kaum Vorteile, im Sommer 2003 schlossen dessen Tore – man hatte weder den Wechsel auf Mac OS X noch den Verlust des von Apple übernommenen Entwicklers Jeffrey Robbin überwunden.

Die größte Neuerung von iTunes war zunächst, dass es im Gegensatz zu Audion und SoundJam MP nichts kostete und trotzdem immer mehr konnte. Im Oktober 2001 wurde die Anwendung zum unabdingbaren Mac-Gefährten des neuen iPod. Im April 2003 wurde mit dem Music Store der kommerzielle Hintergrund von iTunes deutlich, sechs Monate später gab es iTunes denn auch für Windows Systeme. An (musikalischen) iTunes-Fähigkeiten seien unter anderem erwähnt der Import der eigenen CD-Sammlung auch ins verlustfreie Lossless-Format – samt Titelbenennung und Cover-Zuordnung, die Integration von Cover Flow zum bildhaften Durchstöbern der Musikbibliothek, eine redaktionell betreute Auswahl von Internet-Radiostationen sowie der Erwerb DRM-freier Musik seit April 2009. Auch die Zahl der musikfremden Ausstattungsmerkmale wuchs mit jeder neuen Version beträchtlich und machte aus iTunes die Software-Mastgans Apples. Bis heute können mit Bordmitteln aber weder eigene DVDs noch Musiktitel im populären FLAC-Format importiert werden, beides politische Entscheidungen.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist iTunes heute auf vielen privaten Computern (Mac wie PC) eine der am häufigsten genutzten Anwendungen und hat damit den kostenpflichtigen Musikerwerb übers Internet salonfähig gemacht. Dennoch hätte die Musikindustrie wohl zu gerne selbst die Zügel in die Hand genommen, es aber ohne die Hilfe Apples niemals geschafft. Alle Anstrengungen, die Marktmacht von iTunes zu reduzieren, scheiterten bislang. So gibt es trotz aller Kritik bislang weder einen gleichermaßen erfolgreichen Vertrieb im Internet noch eine damit einhergehende ähnlich zuverlässige alternative Anwendung. Die weiterhin klagende, kränkelnde und ideenlose Musikbranche wird aber langfristig auch von iTunes kaum mehr zu retten sein.

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