Mac OS X Lion: Bedienoberfläche & Fazit

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Zum Abschluss unserer Artikelreihe zu Mac OS X Lion wollen wir die wichtigsten Änderungen an der Bedienoberfläche vorstellen und ein Fazit ziehen. Eigentlich sind insbesondere die grafischen Feinheiten der Bedienoberfläche ja nur das Sahnehäubchen eines Betriebsystems, aber oft wallen hier die Emotionen der Nutzer am stärksten, gerade so, als handele es sich um den Kern des Ganzen. Vielleicht liegt das schlicht daran, dass die grafische Bedienoberfläche natürlich als Allererstes ins Auge fällt; vielleicht hat es andere Gründe. Jedenfalls haben wir uns die entsprechenden Informationen bewusst bis zum Schluss aufgespart, um die substanziellen Änderungen in Mac OS X Lion davon nicht zu überdecken.

Rollbalken

Die Rollbalken – oder besser gesagt: deren Fehlen, wenn statt einer Maus ein Trackpad benutzt wird – ist sicherlich die größte und meistdiskutierte Änderung an der Bedienoberfläche von Lion und auch die, wo sich iOS am meisten in Erinnerung bringt. Doch gleich zu Beginn sei zur Beruhigung gesagt: das bisherige Verhalten lässt sich in Systemeinstellungen > Erscheinungsbild ebenfalls einstellen:

Zwar ist bei Rollbalken einblenden: in Lion Automatisch je nach Eingabegerät voreingestellt, aber Immer stellt das bisherige Verhalten auch für den Fall wieder her, dass ein Laptop benutzt wird oder ein Trackpad angeschlossen ist.

Allerdings: Aussehen tun die Rollbalken auch dann vollkommen anders als bislang, so wie in iOS eben:

Das ist ästhetisch sicher eine unausgegorene Entscheidung, so nachvollziehbar der Wunsch zu optischer Vereinheitlichung mit dem iOS auch sein mag. Zwar gehört das superschlichte Design der Rollbalken als „grauer Strich“ wohl kaum zu den herausragenden Merkmalen von iOS, doch ergibt es dort durchaus Sinn: Denn auf der einen Seite spart das bei der Darstellung kostbare Ressourcen, auf der anderen Seite sind die Rollbalken in iOS eben ohnehin immer nur für kurze Augenblicke sichtbar (was angesichts der kleinen Bildschirmfläche dort erneut ein nachvollziehbarer Ansatz ist).

Bei Balken als permanent sichtbaren Objekten kollidiert deren „platter“ Charakter aber völlig mit der sonst vor feinen Farbverläufen und dreidimensionalen Details nur so strotzenden Bedienoberfläche von Mac OS X. Besonders deutlich sichtbar wird das im Finder in der Cover-Flow-Ansicht, wo „altes“ und neues Rollbalkendesign aufeinandertreffen:

Hier ist zu hoffen, dass auf Dauer auch die iOS-Rollbalken zu etwas mehr Plastizität finden.

Die dauerhafte Anzeige der Rollbalken hat in komplexen Arbeitsumgebungen ja ihren guten doppelten Sinn: Nicht nur ermöglicht sie das rasche Scrollen des Fensterinhalts mit der Maus, sie erlaubt vor allem, auf einen Blick die Größe eines Dokumentes abzuschätzen, das die Größe des Dokumentenfensters übersteigt. Diese Kontrollfunktion werden viele Anwender auf keinen Fall missen wollen, und das müssen sie in Lion wie gesagt auch nicht.

Wer hingegen das iOS-Verhalten bevorzugt, kann dies durch die Wahl von Beim Scrollen in den Systemeinstellungen auch tun. Dann geht der Dokumenteninhalt, obwohl abgeschnitten, bis zum Fensterrand:

Beim Scrollen mit der Maus (das man mit einem „blinden“ Klick in den Randbereich des Fensters beginnen muss) oder dem Verschieben des Fensterinhalts mit dem Trackpad werden dann wie im iOS die Rollbalken sichtbar, die nun aber dünner sind als bei dauerhafter Anzeige, und die wie beim iOS den Fensterinhalt überlagern:

Die dritte und voreingestellte Einstellmöglichkeit in den Systemeinstellungen, Automatisch je nach Eingabegerät, klingt leider intelligenter als sie ist. Hier wird nämlich nicht zwischen den beiden anderen Verhaltensweisen umgeschaltet je nachdem, ob man zuletzt Maus oder Trackpad benutzt hat (also quasi dynamisch), sondern statisch nach den am Mac angeschlossenen Eingabegeräten. Dabei ist ein Trackpad stärker gewichtet als eine Maus; mit anderen Worten: Bei jedem Mac mit eingebautem oder angeschlossenen Trackpad entspricht Automatisch je nach Eingabegerät stets der Einstellung Beim Scrollen; nur, falls die Maus das einzige verfügbare Eingabegerät ist, wird daraus Immer.

Apropos Trackpad: Der logische Fehler bei der Verschieberichtung, der Apple bislang beim Einsatz von Trackpads in Mac OS X (im Gegensatz zu iOS) unterlaufen ist, ist in Lion behoben. In Snow Leopard wurde ein „Greifen“ eines Dokuments mit dem Trackpad ja genauso behandelt wie das Scrollen; sprich, eine Bewegung nach oben verschob das Dokument nach unten. Was für die Metapher des Scrollens (des Verschiebens eines „Fensterrahmens“ auf dem Dokument) aber korrekt ist, ergibt bei der Metapher, das Dokument selbst mit den Fingern zu „greifen“, natürlich keinen Sinn. Hier muss sich das Dokument in Richtung der Finger bewegen, und in Lion ist das (wie in iOS) auch der Fall.

Graustufen-Icons

Das letzte iTunes hat es angekündigt, und in Lion tritt es nun voll in Erscheinung: viele Icons, insbesondere in Seiten- und Symbolleisten, verlieren jegliche Farbe; der Finder macht es in der Seitenleiste vor:

Das ist funktional betrachtet eine sehr zweischneidige Entscheidung. Sicher lenkt eine farblose Umgebung weniger von dem Fokus auf die eigene Arbeit ab, gerade auch bei farbkritischen Arbeiten im Bereich der Bildbearbeitung. Aber für letzteren Fall wäre schon der graublaue Hintergrund der Finder-Seitenleiste streng genommen problematisch, da das Auge sich auf diesen Farbton als Neutralgrau einstellen könnte.

Vor allem aber wird man im Finder oder in Programmen wie Mail ohnehin keine farbkritischen Arbeiten verrichten, während andererseits hier die Signalwirkung der Farbe fehlt, die hilft, eine Vielzahl von Funktionen rasch zu erfassen und zu unterscheiden. Schmerzlich erfahrbar wird das insbesondere bei den ergrauten Icons in Mail:

Die beiden rechten Icons in dieser Symbolleiste eines Fensters zum Verfassen einer E-Mail erlauben das Umschalten zwischen formatiertem und reinen Text. Nur: Wer kann hier noch unterscheiden, welches der beiden Icons für was steht? Zum Vergleich dieselbe Ansicht in Snow Leopard:

Obwohl in diesem Bildschirmfoto das Icon für formatierten Text gerade das deaktivierte ist, ist durch den selbst dann verbleibenden Rest an Farbigkeit dem Auge dennoch sofort eine Unterscheidung von dem Icon für reinen Text möglich; in Lion können Menschen ohne Adleraugen eigentlich nur noch raten. Eine vollständig durchdachte Designentscheidung war der Schwenk zu Graustufen-Icons also wohl nicht.

Nebenbei bemerkt zeigt der Vergleich der beiden Bildschirmfotos aus Lion und Snow Leopard, dass Fenster in Lion entschieden stärkere Schatten werfen, selbst nach oben.

Fenstergröße verändern

In Lion kann die Größe von Fenstern an ihrem gesamten Rand verändert werden; der Mauszeiger nimmt dabei die aus grafischen Programmen bekannte Form für die Größenveränderung von Rahmen an:

An den vier Fensterecken können Fensterhöhe und -breite zugleich verändert werden:

Die bisherige Markierung an der rechten unteren Ecke wird damit überflüssig und entfällt.

Tabulatoren-Schiebeschalter

Wurden verschiedene Darstellungsebenen bislang mit „Druckknopf“-Tabulatoren umgeschaltet, so wird daraus in Lion ein Schiebeschalter, der in der Tat mit der Maus auch hin- und hergeschoben werden kann. Klicken funktioniert aber ebenfalls; dann läuft der Schalter animiert an diese Stellung. Hier am Beispiel der Systemeinstellungen:

Das greift nicht nur den Schiebeschalter von iOS auf, sondern hat auch den Vorteil, dass die ausgewählte Einstellung jetzt diejenige ist, die hell hervorsticht, statt dunkel zurückgesetzt zu sein.

Quick Look

Als in Mac OS X Leopard schwarze Werkzeugfenster und schwarze Quick-Look-Fenster auftauchten, sahen viele die Zukunft von Mac OS X schon in einer schwarzen Bedienoberfläche à la Pixelmator und prognostizierten schwarze Mac-Hardware. Stattdessen rudert Apple jetzt wieder zurück und macht die Quick-Look-Fenster weiß:

Das neue Quick-Look-Fenster bietet rechts oben eine Taste an, die eine jeweils zu dem dargestellten Objekt passende Aktion ermöglicht.

Vollbild-Ansicht

Menschen wollen immer, was sie nicht haben. Nachdem Bildschirmauflösungen mittlerweile endlich so hoch sind, dass selbst auf einem kleinen Laptop problemlos Fenster mehrerer Programme nebeneinander platziert werden können, sehnen sich offenbar viele nach der guten alten Zeit zurück, als man froh war, wenn ein Drittel eines Dokuments auf den Bildschirm passte. Apple erfüllt diesen Wunsch mit einem (von den einzelnen Programmherstellern für ihre Programme umzusetzenden) Vollbildmodus, dessen Aktivierungs-Icon in der rechten oberen Fensterecke leider der Knopf zum Ausblenden der Symbolleiste zum Opfer fiel:

Zurückkehren aus dem Vollbildmodus kann man mit der Escape-Taste oder durch Bewegen der Maus in die rechte obere Bildschirmecke:

Fazit: Ein Löwe im Schafspelz

Als Steve Jobs Lion zum ersten Mal vorstellte, gab es etliche lange Gesichter: Das sollte alles sein? Bis heute reden sich enttäuschte Macianer ein, die bislang veröffentlichten Versionen von Lion seien ja gar keine schon vollständigen Betaversionen, sondern „nur Entwickler-Previews“, und selbst die sonst so kompetente c't orakelte in ihrer kurzen Lion-Besprechung, dass Apple in den verbleibenden wenigen Monaten bis zur Veröffentlichung von Lion nachlegen könne und müsse.

Wer so denkt, lässt sich dadurch täuschen, dass der Löwe ohne das eine „Killer-Feature“ angeschlichen kommt (und auch das nur scheinbar). In Wahrheit wird Lion für den Nutzer ein so spürbarer Sprung nach vorne sein wie bislang nur Mac OS X 10.4 Tiger in der Geschichte von Mac OS X. In Lion dreht sich alles um Synergien; kein einzelnes der neuen Merkmale mag für sich genommen weltbewegend klingen; in ihrem Zusammenspiel verbessern die Neuheiten von Lion aber Bedienungskomfort, Effizienz und Sicherheit entscheidend.

Exemplarisch hierfür mag die vielfach redundante Absicherung von Lion gegen Datenverlust stehen: Eigentlich kann schon dank Auto Save überhaupt keine Arbeit durch Programmabstürze mehr verloren gehen. Falls Auto Save nicht greift, lässt sich durch die Fehlertoleranz bei Abstürzen die gerade verrichtete Arbeit vielleicht dennoch retten. Geht auch das nicht, so bleiben die jüngst gespeicherten Versionen. Versagen diese ebenfalls, kann man auf lokale Schnappschüsse zurückgreifen. Und am Ende bleibt immer noch Time Machine. Damit spinnt Lion ein denkbar dichtes Sicherheitsnetz. Das Killer-Feature in Leopard zum Beispiel war Time Machine; Lion knüpft gleich ein ganzes Netz solcher Mechanismen.

In anderen Bereichen sieht es ähnlich gut aus: für Profis eröffnen sich für die Kooperation in lokalen Netzwerken mit den mitgelieferten Server-Programmen und dem entscheidend verbesserten Screen Sharing ganz neue Möglichkeiten, während Anfänger sich insbesondere durch das Verschwinden des Dateisystems ermutigt fühlen werden. Dazu kommen für alle Anwendergruppen noch viele andere hilfreiche Details. Wer etwa viel in Sprachen schreiben muss, die immer wieder Sonderzeichen jenseits der eigenen Tastatur erfordern, der wird Lion schon allein wegen der neuen, komfortablen Möglichkeit zur Eingabe von Sonderzeichen lieben, die der Kommunikation in einer globalisierten Welt endlich Rechnung trägt.

Kurz: Der Löwe mag im Schafspelz kommen, aber, allen Unkenrufern zum Trotz: Es wird ein wahrer Löwe sein ...

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