Scrollen unter Lion: Nachtigall, ick hör' Dir trapsen

Flavio Trillo
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Entwickler berichten fast täglich von neuen Funktionen und Merkmalen des nächsten Mac OS X 10.7 Lion. Neue Backup-Möglichkeiten, Vollbildfenster und umgekehrte Scrollrichtung sind nur wenige der vielen Änderungen an der Oberfläche und unter der Haube. Wer als “Normalsterblicher” schon einmal ausprobieren möchte, wie es sich von oben nach unten, also eigentlich von unten nach oben – nein, anders – jedenfalls aber umgekehrt scrollt, sollte auf die kostenlose App Scroll Reverser zurückgreifen, das ganz nebenbei auch noch zu Gedanken über die Zukunft von Apple anregt.

iOS-Anwendern dürfte die Umstellung nicht all zu schwer fallen, schließlich rollt auch dort der Inhalt in die Richtung aus dem Bild, in die man ihn schiebt. Alles andere wäre bei solch einer direkten Bedienung nicht intuitiv und schließlich ist “intuitive Bedienung” eines von Apples wichtigeren Mottos.

Beim Scrollen in alle Richtungen, wie etwa auf breiten Webseiten oder großen Bildern, fällt der Wechsel von recht auf links schon etwas weniger leicht. Aber was tut man sich im Interesse des Fortschritts nicht alles an, da wird schonmal ein über Jahre antrainierter Instinkt gezähmt.

Auf Macs wurde man seit langem daran gewöhnt, dass ein Wischen nach oben den Fensterinhalt nach unten bewegt. Hierbei scheint sich nicht Inhalt, sondern Betrachter in die gleiche Richtung zu bewegen wie die beiden Finger auf Touchpad (magisch wie festeingebaut) oder Magic Mouse. Als führe man bäuchlings auf einem Schlitten, den Blick durch den gläsernen Boden auf ein langes Dokument gerichtet und mit zwei Fingern die Rollrichtung des Schlittens kontrollierend.

Da Apple sich nun offenbar dafür entschieden hat, Mac OS X und iOS optisch stärker aneinander anzunähern und auch die herkömmliche Maus langsam aber sicher obsolet wird, ist dieser Schritt nur konsequent. Fortan ist also der angezeigte Inhalt maßgeblich für die Ansicht, nicht der Betrachter. Das lässt die vielbeschworene Grenze zwischen “Content und User” schmaler werden.

Ganz im Sinne von Steve Jobs tritt so die Hardware als “Erfahrungs-Mittler” in den Hintergrund. Die Software sowie die Art und Weise ihrer Bedienung machen ein Gerät aus, nicht Gigahertz und Megabyte. Damit können sich viele Vertreter der Konkurrenz nicht anfreunden und stellen mangels einheitlichen Ökosystems immer noch auf Arbeitsspeicher, Grafikpower und Frontside-Bus ab.

Doch zurück zum eigentlichen Kernthema: Das Tool Scroll Reverser aus der Feder von Nick Moore erlaubt auch Versionen von Mac OS X ab 10.5 einen Vorgeschmack auf den kommenden Richtungswechsel. Praktisch auch für Entwickler, die ständig zwischen den beiden Betriebssystemen wechseln und sich nicht jedes Mal in eine andere Richtung scrollen wollen. Wem die althergebrachte Variante besser gefällt, kann natürlich das Tool weglassen und unter Mac OS X Lion einfach in den Systemeinstellungen die Scroll-Richtung ändern.

Auf lange Sicht wird diese scheinbar unbedeutende Änderung dazu beitragen, dass in den Augen der Anwender die verschiedenen Gerätekategorien Notebook, Desktop, Smartphone und Tablet, immer stärker miteinander verschmelzen. Ein taktisches Manöver, das den User darauf vorbereiten soll, bald vollends auf Multitouch-Bedienung umzusteigen, auch auf dem Mac? Möglich. Die entsprechenden Patentanträge lassen Beobachter seit langem spekulieren, wann der erste iMac mit berührungsempfindlichem Display daher kommt. Vielleicht bringt ja die Lösung der Produktionsschwierigkeiten bei hochauflösenden Touch-Displays für das iPad den ersehnten Durchbruch.

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