Internet Explorer vor dem Aus? Opentochoice beginnt in wenigen Tagen

Bernd Korz

In wenigen Tagen ist es soweit, 200 Millionen Windowsnutzer werden aufgefordert eine Wahl zu treffen. Eine Wahl die richtungsweisend sein kann und wahrscheinlich auch wird. Die Anwender sollen entscheiden, welcher Browser es in Zukunft sein soll.

Im OpenSource Lager verspricht man sich hier sehr viel und hofft natürlich auch, dass die Anwender diese Wahlmöglichkeit sehr ernst nehmen werden. Die EU hatte Microsoft nach einer Klage von Opera, dazu verdonnert den Schaden an Mozilla wieder gut zu machen. Vor vielen Jahren hatte man den Internet Explorer tief in Windows verwurzelt und mit dem System ausgeliefert. Der Mozilla (damals besser bekannt unter Netscape) hatte keine Chance mehr, sich hier gegenzustemmen und mit der Version 6.0 des IE wurde die Entwicklung mehr oder minder komplett eingestellt.

Erst der unermüdliche Einsatz der Mozilla Foundation und dem daraus resultierenden Firefox, haben das Rennen um den Browser wieder eröffnet. Mit Windows XP SP3 musste Microsoft schon soweit gehen, dass man den Internet Explorer entfernen konnte, wenn man eine Alternative verwenden wollte, nun ist die nächste und vielleicht am meisten entscheidende Phase eingeleitet.

Am 13. März muss Microsoft damit beginnen, den Anwendern eine Auswahl alternativer Browser anzubieten und das unaufgefordert. Die Auswahl muss auf jedem Computer der mit Windows läuft angezeigt werden. Der Anwender kann es dann auch nicht einfach wegklicken, sondern muss bewusst eine Wahl treffen. So stehen Browser wie der Chrome von Google der Opera Browser, Mozillas Firefox oder auch Apples Safari neben dem hauseigenen Browser, dem Internet Explorer zur Installation bereit.

Besonders beim Firefox und beim Chrome dürfte dies einen erheblichen Schub bringen,was den Safari und Opera angeht, so dürfte sich hier nicht viel ändern, da erstere jeweils OpenSource sind und eben so ein Szenario wie damals mit dem Internet Explorer möglichst vermeiden sollen.

Natürlich wissen alle auch um die Gefahr der faulen und trägen Anwender, die sich der Sachlage einfach nicht bewusst sind und das Fenster vielleicht sogar völlig entnervt wegklicken möchten. Hier könnte Microsoft drauf bauen und sich am Ende vielleicht sogar als Sieger sehen, obwohl sehr vielen klar ist, wie schlecht die Umsetzung eines Browsers durch den Internet Explorer – in jeder Version – vorgenommen wurde. Microsoft hat permanent versucht, eigenen Standards durchzudrücken und hat sich mehr oder minder nur zähneknirschend der w3c angeschlossen. Der gesamte Browser ist ein großer Kompromiss zwischen Machtauslebung, Zerstörung anderer Hersteller sowie einem großen Egotrip.

All das war Grund genug für uns, auf der CeBIT mit Kev Needham, einer der Menschen hinter den Kulissen von Mozilla Found. zu sprechen.

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yT: Kev, mit dem Firefox 3.6 kam auch sehr zeitnah der neue Chrome heraus, dieser setzt ganz fest auf den neuen Zug mit h.265 und HTML5, ihr hingegen habt diesen Trend verschlafen?

Kev: Nein auf keinen Fall! Das Problem ist hier, dass der h.264 ein propriäterer Codec ist und der Quellcode nicht zur Verfügung steht. Wir von der Mozilla Foundation haben eine Philosophie, alles was wir mit dem Firefox ausliefern, sollte auch Quelloffen sein. Dabei braucht es nicht einmal die GPL als Grundlage zu nehmen, unsere BSD/MIT Lizenz passt perfekt.

Die Gefahr ist hier vor Allem, dass urplötzlich Lizenzzahlungen fällig werden könnten oder sich die Entwicklung in eine Richtung bewegt, die wir nicht mit beeinflussen könnten, siehe Flash Uns ist es eigentlich am liebsten, wenn die Hersteller ein solches Plug-In anbieten würden.

yT: Für den normalen Endanwender ist es natürlich ein Problem, der will seine Videos schauen und den interessiert es im Grunde nicht, woher das kommt oder warum es geht. Weiter ist es auch so, dass der Google Browser Chrome/Chromium diese Technologie unterstützt, hier ist doch auch die Gefahr, dass ihr Kunden verliert, oder?

Kev: Das ist in der Tat ein Problem, wir haben das erkannt und auch intern schon so einige Diskussionen darüber geführt. Wir sehen das auch gerade hier auf der CeBIT, es gibt Kunden die kommen zu uns und beschweren sich exakt über diese Thematik. Aus Sicht des Kunden zurecht und es ist eine sehr ernst zu nehmende Angelegenheit. Wir werden sehen, dass wir so schnell als möglich eine verwertbare Lösung, die alle Aspekte berücksichtigt, präsentieren können.

yT: Thema Chromium. Kev, der Browser ist OpenSource, wie Firefox auch. Er wächst exorbitant, gemessen mit allen anderen Browsern. Im Grunde ist dieser Browser ein direktes Konkurrenzprodukt zu eurem Browser, wie steht ihr dazu?

Kev: Zum einen sind wir total Happy, und das meine ich ehrlich. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, dies einmal überspitzt ausgedrückt. Und der Chromium ist wie der Firefox OpenSource, steht unter der selben Lizenz und wir gehen absolut friedlich damit um. Es wird Zeit, dass andere uns dabei unterstützen einen neuen Weg für die Browser einzuschlagen und den Markt hier wieder in Bewegung zu bringen. Diese Unterstützung sehen wir genau in diesem Projekt von Google.

Eifersucht gibt es bei uns nicht, ganz im Gegenteil, wenn der Chrome Code vom Firefox verwendet, dann erfüllt uns das mit Stolz, denn gibt es einen besseren Beweis für seine Arbeit? Das genau ist ja auch die Idee, warum wir einen Browser machen der OpenSource ist, jeder soll daran partizipieren können.

yT: Wir haben festgestellt, dass Chromium um einiges schneller ist als der Firefox, kennt ihr um dieses Problem?

Kev: Das ist uns hier auf der CeBIT von diversen Anwendern zugetragen worden und wir stimmen dem auch zu. Aber es gilt auch, diese Tatsache zu analysieren, so wollten wir in einer Studie einmal herausfinden, was denn alles so an Extensionen mit dem Firefox installiert wird.

Dabei kam unter anderem heraus, dass die Anwender teilweise sehr viele Extensionen installiert haben, die die Performance natürlich stark beeinflussen können, aber die größte Erkenntnis war, dass ausnahmslos bei allen, die erhebliche Performanceunterschiede beklagten, der Firebug installiert war. Und es ist in der Tat so, dass wir hier einen echten Ressourcenfresser haben, was aber auch logisch ist. Der Firebug analysiert eine geladene Webseite und baut den gesamten Sourcecode davon, nebst css…, auf. Dies dauert seine Zeit. Hat man den Firebox einmal deinstalliert stellt man fest, dass die Browser sich keine spürbaren Unterschiede mehr geben in der Performance.

yT: Das Urteil der EU ist in der “Tatsachenvollstreckung” angekommen. Ab nächste Woche geht es los, es sollen Alternativen angeboten werden. Ihr selbst schreibt bei opentochoice.org, dass es Alternativen, wie auch den Chrome/Chromium gibt, die sich der Anwender installieren kann. Wie siehst du das, bringt euch das weiter nach vorne, bekommt ihr mehr Nutzer dadurch?

Kev: Naja, es ist natürlich nicht ganz so gelaufen wie wir uns das gewünscht und erhofft hatten. Aber es geht nächste Woche los und wir freuen uns trotzdem riesig über diese Tatsache. Wir hoffen inständig, dass die Leute diese riesen Chance wahrnehmen und sich eine Alternative zum Internet Explorer suchen. 200 Millionen Kunden werden aufgefordert, sich darüber Gedanken zu machen.

Ich gehe schon davon aus, dass wir und auch das Chromelager einiges an Anwendern dazu bekommen werden dadurch, dass hoffen wir jedenfalls. Es wäre für beide Lager eine Bestätigung dafür, dass all unser Handeln einen Sinn macht und die Menschen diese Alternativen auch mit der Nutzung würdigen.

Ferner finde ich, dass es die Mutter des Firefox, Netscape, verdient, dass endlich wieder was passiert und ein faires Geschäftsmodell auf dem Markt ist.

yT: Kev, seid ihr das erste Mal hier auf der CeBIT?

Kev: Also ich bin das erste Mal hier, aber mit der Mozilla Foundation sind wir nun das zweite Jahr hier. Der Andrang ist so stark, dass wir uns das in unseren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Das Interesse am Firefox ist anscheinend so stark, dass wir teilweise gar nicht mehr wissen, wohin mit all den Messebesuchern, unser Stand ist zu klein ;-)

Ich genieße das Ganze unheimlich und werde definitiv nicht das letzte Mal dabei sein.

yT: Amerikanische Unternehmen vernachlässigen den deutschen Markt permanent. Siehe Apple mit dem iPhone oder iPad, oder siehe Google mit dem Nexus One. Wir Deutschen sind gewiss einer der interessantesten Märkte der Welt und dürfen uns auch zu den ganz großen Ländern in der Wirtschaft zählen. Wie empfindet ihr das bei Mozilla, seht ihr denn Deutschland als wichtigen Markt, gibt es da Zahlen?

Kev: Oh ja! Eine der größten Anwenderzahlen haben wir in der Tat in Deutschland. 47% der Menschen, die im Internet unterwegs sind, surfen mit dem Firefox. Für uns ist der deutsche Markt neben dem amerikanischen einer der fünf größtem, global gesehen. Daher wissen wir um die Wichtigkeit, die Lokalisierung und landesspezifische Eigenschaften immer sofort mit dem Browser auszuliefern.

yT: Euer Marktanteil ist von 23% auf 24,7% Weltweit gesehen gewachsen, während der Chromium von 1.7% auf 5.8% gewachsen ist. Der Browser holt so richtig auf im Moment. Wie steht ihr dazu?

Kev: Ganz ehrlich, Firefix ist ein OpenSource Browser, Google Chrome Chromium ist ein OpenSource Browser. Google macht es richtig gut und für uns ist auch mit dem Chrome das Hauptziel erreicht, wir geben der Welt etwas zurück. Die Wachstumsraten beweisen, dass hier OpenSource definitiv der richtige Weg ist und deswegen haben wir da überhaupt gar keine Neidgefühle. Es ist einfach für die Browser und das Internet enorm wichtig geworden, was da derzeit passiert und sich bewegt.

yT: Wie siehst du das denn mit der EU, 200 Mio Anwender werden benachrichtigt. Vom Gefühl her sagen wir, dass sowohl der Firefox als auch Chrome/Chromium die beiden Gewinner sein werden.

Kev: Diese Prognose teile ich vom eigenen Gefühl her auch, beide Browser haben sich mächtig entwickelt und legen ständig zu. Natürlich ist da auch noch der Opera, aber er hat dasselbe Problem wie der Internet Explorer und der Safari, diese Browser sind alle ClosedSource und der Trend geht zum quelloffenen Browser. Der Markt wird sich vom Gefühl her schon mehr und mehr in Richtung dieser beiden Browser bewegen.

Natürlich hat der Safari dank des iPhones eine enorme Verbreitung erfahren, das ist klar. Aber auf dem Desktopmarkt wird es definitiv so sein, dass wir uns gemeinsam mit dem Chrome/Chromium oben ansiedeln werden.

yT:  Kev, du sprichst gerade den Opera an. Wir haben gerade die Version 10.5 Beta 2 für Mac OS X getestet und waren erschrocken, wie schnell der Browser geworden ist. Hast du dir auch schon einmal die Zeit genommen, ihn unter die Lupe zu nehmen?

Kev: Natürlich, ich habe mit den sofort runtergeladen. Ich wollte natürlich auch wissen, wie weit sie bei Opera mit dem 10.5er gekommen sind und ich muss sagen, es war ein “wow!” ist der schnell geworden. Die JavaEngine ist extremst schnell. Opera hat hier die Hausaufgaben gemacht und von der Performance her: Hut ab! Hier hat der Browser viel Platz gut gemacht.

Wir haben vier JavaEngines auf dem Markt derzeit, WebKit, Gecko, die hauseigene von Microsoft sowie die von Opera. Es wurde sehr viel an unserer Gecko wie auch am WebKit gearbeitet und die Performance hat erheblich zugelegt. Dieser Trend wird sich auch noch einige Zeit fortsetzen, hier ist noch einiges an Luft nach oben bezüglich der Entwicklung.

Ich bin da sehr guter Dinge, dass wir uns mit dem Firefox stetig und gesund weiter nach oben orientieren und die Anwenderbasis wird weiter ausgebaut und erweitert werden wird.

yT: Kev, wir bedanken uns bei dir, dass du dir die Zeit genommen hast für dieses Interview. Willst du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Kev: Leute! Denkt an opentochoice.org. Es ist ganz wichtig, dass ihr euch bewusst darüber werdet, welche Chance sich hier bietet und wie entscheidend eure Wahl für die Zukunft sein wird. Der Browser wird mehr und mehr das zentrale Element, seid euch dessen bitte bewusst!

Weitere Themen: Internet, Mozilla Foundation

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