Warum Microsoft Skype gekauft hat: Taktisches Manöver unter Kontrollverlust

Flavio Trillo
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“Gibt es Skype bald nur noch für Windows?” So lautete die einzige Frage, die sich viele Apple-User gestellt haben, nachdem bekannt wurde, dass Skype von dem Software-Giganten übernommen wird. Doch interessant ist diese Transaktion auch außerhalb der Unterstützung verschiedener Plattformen. Was trieb Steve Ballmer dazu,  stolze 8,5 Milliarden US-Dollar für ein Unternehmen hinzublättern, das in den letzten Jahren keine überzeugenden Umsätze vorweisen konnte? 

Verschiedene Beobachter  haben hierzu verschiedene Meinungen, doch zum Teil überschneiden sich die Vermutungen auch. Wieso in aller Welt ist Microsoft bereit, mehrere Milliarden US-Dollar mehr zu zahlen, als Skype wert wäre? Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man die Akquisition sieht, gibt es divergierende Ansätze.

Besonders werde man sich bei den Bemühungen, den enormen Kaufpreis wieder zu erwirtschaften, auf Werbung konzentrieren, meint Mary-Jo Foley von ZDNet. Steve Ballmer und Tony Bates, ehemals Skype-CEO und der neue Präsident der Skype-Abteilung bei Microsoft, haben in ihrer Pressekonferenz mehrfach den Begriff “Advertising” fallen lassen.  Hauptgrund für die Übernahme sei die Vision, die aktuell 3 Milliarden US-Dollar jährlich, die Online-Werbung für Microsoft einbringt, weiter zu unterfüttern.

Als weiterer Faktor für die Entscheidung für Skype wird angeführt, dass die Marke selbst einiges mehr wert sei, als die Bilanzen des Unternehmens nahe legen. “Skypen” ist als Verb in den Wortschatz genau so eingeflossen wie etwa “Googlen”. Das allein sei wertbildend und habe wohl für Steve Ballmer eine Rolle gespielt. Bis “Microsoften” oder gar “Windowsen” den Weg in eine technik-geprägte Alltagssprache finden, werden wohl noch einige Jahre ins Land gehen.

Andere Motive hält man bei Computerworld.com für wahrscheinlich. Insbesondere für den Business-Markt habe Microsoft sich eine Video-Chat-Lösung ins Haus holen wollen. Als Ergänzung zur Enterprise-Kommunikation via Microsoft Lync soll Skype dem Unternehmen dazu verhelfen, Apples FaceTime kräftig Kontra zu bieten. Darüber hinaus erwartet Preston Gralla eine Verknüfpung mit der eigenen Suchmaschine Bing. Man könne “irgendeine Zwei-Wege-Verbindung zwischen Bing und Skype” erwarten.

Einen ordentlichen Schub werde auch Windows Phone 7 durch die Übernahme erhalten. Die Kooperation mit dem Hersteller Nokia soll die Integration einer Videochat-Variante der glücklosen Smartphone-Software auf die Füße helfen. Insgesamt, so urteilt auch Gralla, diene auch die Popularität der Marke Skype dazu, einen “Buzz”, also eine Art Begeisterung für den Namen Microsoft zu erwecken.

Nicht zuletzt kommt er zu dem gleichen Schluss wie Bob Cringely: Microsoft muss Skype für den Wucherpreis von 8,5 Milliarden US-Dollar kaufen, damit Google es nicht tut.

Was würde passieren, wenn Mountain View den VoiP-Anbieter übernähme? Die 663 Millionen Skype-Nutzer wären von einem Tag auf den anderen Googlemail-User. Und Google-Voice-Kunden. Somit würden Teile von Yahoo und MSN obsolet und das könne Redmond sich noch weniger leisten, als einen kurzweiligen Pessimismus der Investoren in Reaktion auf den Kauf.

Außerdem hätte Google das Know-How und die Reichweite, eine brilliante Skype-Version direkt in Android-Tablets und -Smartphones zu integrieren. Mobilfunkanbieter wären die Gekniffenen, denn ein Großteil der Anwender würde für Gespräche auf den vergleichsweise günstigeren Daten-Verkehr umsteigen. “Das ist Redmond-typisches Verhalten und wenn sich jemand so benimmt, so denkt Ballmer, dann soll es verdammt noch mal auch Redmond sein”, vermutet Cringely.

Wie Apple in diese Spekulationen hineinpasst? Gar nicht, und zwar aus einem einfachen Grund: Steve Jobs befinde sich auf einem völlig anderen Kurs als die anderen großen IT-Unternehmen. Apple wird nicht das nächste Microsoft, sondern Google übernehme diese Aufgabe. Apple wird überhaupt nichts, was mit aktuellen Phänomenen vergleichbar ist. Aus diesem Grund bleibt den “Normalsterblichen” nichts weiter übrig, als sich um die kümmerlichen Reste zu streiten, die Meister Jobs ihnen gnädigerweise überlässt.

Letztlich werde der Kauf von Skype dem Software-Riesen keinen phänomenalen Erfolg bescheren. Es nicht zu tun, hieße aber, Google diesen Brocken zu überlassen und in Mountain View wüsste man ganz genau, was zu tun wäre, um Microsoft erhebliche Schwierigkeiten zu bereiten. Es habe sich also lediglich um Maßnahmen der Schadensbegrenzung gehandelt. Die Kontrolle über das Geschäft hätten jedoch weder Microsoft noch Google.

Nach der Akquisition wahre Innovation oder technischen Fortschritt zu erwarten, hieße demnach, die Lage stramm zu verkennen.

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