Passbook in iOS 6: Alles nur geklaut

Sebastian Trepesch
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Apple entwickelt Produkte, Apple klaut aber auch Ideen. Die Präsentation von iOS 5 war für einige App-Hersteller eine unangenehme Vorstellung: Manches ihrer Konzepte hat Apple nachgebaut und in das Betriebssystem integriert. Gleiches gilt für iOS 6 mit Passbook, findet zumindest ein deutsches Unternehmen – und bezichtigt Apple des Ideenklaus.

Passbook in iOS 6: Alles nur geklaut

„Wir waren relativ wenig begeistert“, formuliert es David Handlos, Geschäftsführer von Stocard, vorsichtig. Vor einer Woche stellte Apple auf der Keynote das kommende iPhone-Betriebssystem iOS 6 vor. Ein Bestandteil ist Passbook. Diese Idee kam Stocard verdächtig bekannt vor.

Passbook: Und Eintrittskarten werden papierlos

Passbook von Apple übernimmt die Funktion von Flugtickets, Coupons, Kundenkarten und ähnlichem. Die Barcodes sind im iPhone abgespeichert und werden zum Beispiel an der Kasse vom Handy-Display eingescannt. Das reduziert den Papier- und Plastikkram im Geldbeutel.

Passbook ist als App in iOS 6 integriert. Das neue Betriebssystem erscheint im Herbst.

Die deutsche Idee „Stocard“

„Apple klaut die Idee für Passbook App von deutschem Startup Stocard“, überschreibt das kleine Unternehmen selbstbewusst eine Presseinformation. Drei Studenten stecken hinter dem Startup. Sie sind mit einer Passbook-ähnlichen Idee schon seit Juni 2011  kann der Nutzer seine Kundenkarten abfotografieren und abspeichern. Kassen mit Bildscanner können den Barcode vom Handy-Display ablesen – die Plastikkarte kann also zu Hause bleiben.

160.000 Nutzer hat Stocard nach eigenen Angaben, vor allem in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Apple hat die App bereits zu einer der besten Anwendungen des Jahres 2011 gekürt.

Ideenklau und Auszeichnung in einem

Bislang ist Stocard in den deutschsprachigen Ländern mit der Idee weitgehend allein im App Store, lediglich in Frankreich gibt es ein ähnliches Konzept. „Wenn Apple mit Passbook in so einen Markt eintritt, ist das natürlich eine starke Konkurrenz“, sagt David Handlos, Geschäftsführer von Stocard, gegenüber GIGA. Der Konzern aus Cupertino hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Drittentwicklern: er kann die Apps einfach in das Betriebssystem von iPhone, iPad und iPod touch integrieren und damit für Verbreitung sorgen.  „Es ist ärgerlich, dass ausgerechnet unsere Idee dabei war“, findet Handlos. Andererseits zeige es den Entwicklern, dass ihre Idee Zukunftspotential habe. „Mit Passbook wurde Stocard sozusagen von höchster Stelle prämiert“, so der Handlos.

Stocard wird weiterleben

Mit Stocard wird es weitergehen, und die App wird weiterhin ihre Interessenten finden. Apple zielt eher auf Kooperationen mit großen Partner ab, die  dann 100-prozentig in die App integriert werden – so schätzt es zumindest Handlos ein. Die Kooperationen könnten zunächst mit US-Firmen entstehen. „Wir hoffen, dass Apple in Europa dafür etwas länger braucht, so dass wir die Aufmerksamkeit auf uns lenken können“, sagt der Entwickler.

Stocard unterstützt zwar auch Tickets, der Schwerpunkt liegt aber auf den Kundenkarten. Die Barcodes von großen Firmen können genauso integriert werden, wie von kleinen.

Für spezielle Händler-Kooperationen und Rabatt-Aktionen bieten die Deutschen zwei weitere Vorteile: Erstens, sie sind mit dem heimischen Markt und den Unternehmen vertraut. Zweitens, Händler können über die App die Besitzer sowohl von iOS-, als auch Android-Geräten erreichen. Denn für beide Systeme gibt es eine Anwendung, und eine Windows-Mobile-App ist in Vorbereitung.

Fazit: Es ist fraglich, ob das deutsche Produkt für die kalifornischen Entwickler nun wirklich der Ideengeber war. Für Stocard bedeutet es auf jeden Fall harte Konkurrenz. Doch vielleicht bekomt die deutsche App dank Passbook einen Aufmerksamkeitsschub. Auch WhatsApp wurde mit iMessage nicht überflüssig.

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