Behind the Scenes: Hinter unserem Zeitraffer-Video vom Deutschen Filmpreis

Ben Miller
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144 Stunden reduziert auf etwas mehr als zweieinhalb Minuten. Wie wir die Aufbauten zum Deutschen Filmpreis mit mehreren iPhones 6 und iPhone 6 Plus im Zeitraffer aufgenommen haben, zeigen wir euch hier.

Behind the Scenes: Hinter unserem Zeitraffer-Video vom Deutschen Filmpreis

Vergangenen Freitag ging der Deutsche Filmpreis in Berlin über die Bühne. Rund 1200 Menschen waren hinter den Kulissen an der wichtigsten Preisverleihung des deutschsprachigen Films beteiligt. Eine Woche vor der Gala ging es richtig zur Sache. Dutzende Trucks lieferten Tonnen an Material an, mit dem die Halle 20 der Messe Berlin von Hunderten Technikern, Messe- und Gerüstbauern in Tag- und Nachtschichten in ein riesiges Fernsehstudio mit Bühne und Tribüne verwandelt wurde. Meine Aufgabe war es, diese sechs Tage mit mehreren iPhones 6 und iPhone 6 Plus im Zeitraffer festzuhalten. Die einzige Vorgabe war, dass ich nur die Standard-Kamera-App von iOS 8 verwenden sollte.

Hier zunächst das Resultat:

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Deutscher Filmpreis – Making-of – Zeitraffer gefilmt mit iPhone 6 und iPhone 6 Plus

Die Tücken der Einfachheit

Die Zeitraffer-Funktion der Kamera-App von iOS 8 ist auf einfache Bedienung getrimmt. Dadurch kann jeder unkompliziert und schnell schöne Zeitraffer-Videos erstellen. Diese Einfachheit hat aber auch ihre Tücken, besonders wenn man mit mehreren iPhones parallel ein Motiv aus mehreren Perspektiven aufnehmen möchte.

So bietet die Zeitraffer-Funktion keine Einstellungsmöglichkeiten für den Aufnahme-Intervall, also wie viele Bilder pro Sekunde oder Minute aufgenommen werden sollen. Wie viele Einzelbilder im Video verbleiben, entscheidet der Algorithmus der Zeitraffer-Funktion im Nachhinein je nach Länge der Aufnahme.

Eine 20-minütige Aufnahme beispielsweise resultiert in einem 20-Sekunden-Clip, der aus 600 Frames besteht. Stoppt man die Aufnahme hingegen bei 19 Minuten und 55 Sekunden, verbleiben rund 1200 Frames im resultierenden Zeitraffer-Video, welches dann mit rund 40 Sekunden auch doppelt so lange ist. Im 20-Minuten-Clip vergeht die Zeit also schneller als im 19-Minuten-Clip. Menschen bewegen sich schneller und Aufbauten gehen schneller vonstatten. Filmt man mit nur einem iPhone, ist diese Besonderheit des Algorithmus nicht so dramatisch. Filmt man hingegen mit mehreren iPhones gleichzeitig ein Motiv und möchte die vielen Perspektiven dann zu einer Video-Spur zusammenfügen, sollten alle Zeitraffer-Videos zumindest ungefähr dieselbe Geschwindigkeit aufweisen. Fotograf Dan Provost hatte vor einiger Zeit dem Algorithmus auf den Zahn gefühlt und diese Tabelle angefertigt, an der ich mich grob orientierte.

Um das besser zu verdeutlichen: In 6 Tagen habe ich rund 160 Zeitraffer-Clips aufgenommen. Keiner dieser Clips ist, ungeachtet wie lange die jeweilige Aufnahme dauerte, länger als 40 Sekunden. Die meisten Clips sind zwischen 25 und 40 Sekunden lang.

Ein iPhone war auf dem Funkturm montiert und nahm fast zwei Tage durchgehend auf (die Aussichtsplattform war wegen schlechten Wetters und starken Böen, die man im folgenden Video bemerkt, gesperrt, weswegen ich das iPhone nicht wie geplant abmontieren und die Aufnahme stoppen konnte). Selbst dieses Zeitraffer-Video dauert nur 36 Sekunden und ist gleich lang wie eine 19-minütige Aufnahme.

Die einzige Möglichkeit, den Algorithmus und somit den Aufnahme-Intervall zu beeinflussen, ist also die Aufnahme-Dauer zu timen. Das war mitunter die größte Herausforderung bei diesem Projekt.

Deutscher Filmpreis 2015 – Zeitraffer

Bis zu 6 iPhones mussten gleichzeitig in und um Halle 20, in der unzählige Menschen rund um die Uhr arbeiteten, die sich ständig veränderte und in der kein Kubikzentimeter unberührt blieb, so koordiniert werden, dass sie erstens keinem im Weg waren, aber dennoch mindestens 1 Stunde an ihrem jeweiligen Ort stehen bleiben und das gewünschte Motiv aufnehmen konnten.

Deutscher Filmpreis 2015 – Zeitraffer

Nach dieser Erläuterung könnte man meinen, dass die integrierte Zeitraffer-Funktion der Kamera-App vieles komplizierter, statt einfacher gemacht hat. Doch eigentlich war das Gegenteil der Fall. Die Aufnahmedauer war im Grunde das Einzige, um das ich mich kümmern musste. Schon nach kurzer Zeit war ich im Rhythmus, und jedes Mal, wenn ich die Aufnahme bei einem iPhone gestartet hatte, hob ich mein Handgelenk und bat Siri auf der Apple Watch darum, mich doch bitte in beispielsweise zwei oder vier Stunden daran zu erinnern, die Aufnahme bei dem jeweiligen iPhone zu stoppen.

Deutscher Filmpreis 2015 – Zeitraffer

Die automatische Belichtung und Fokussierung hat Apple so gut gelöst, dass in den rund 160 Zeitraffer-Clips keiner dabei ist, der fehlbelichtet oder falsch fokussiert ist, obwohl die Lichtverhältnisse teilweise sehr schwierig waren (wie man im finalen Video sieht) und die Motive sich ja auch andauernd veränderten.

Deutscher Filmpreis 2015 – Zeitraffer

Man kann die Belichtung und den Fokus in der Zeitraffer-Funktion manuell definieren und sperren, so wie in den normalen Foto- und Video-Funktionen auch. Doch das war schlicht nie notwendig und hätte wohl zu schlechteren Ergebnissen geführt.

Deutscher Filmpreis 2015

Dass lange Zeitrafferaufnahmen den iPhone-Speicher bis oben hin füllen, braucht man übrigens nicht befürchten. Keine meiner Aufnahmen, auch nicht jene, die über zwei Tage durchgelaufen sind, sind größer als 100 Megabyte. Das liegt unter anderem an der Full-HD-Auflösung des jeweils resultierenden Clips. Noch während der Aufnahme verarbeitet der Algorithmus der Zeitraffer-Funktion die einzelnen Frames und komprimiert die Aufnahmen. Wenn man Zeitraffer-Apps aus dem App Store verwendet, sieht das natürlich schon anders aus. Mit diesen Apps kann man aber auch eine höhere Auflösung erzielen. Mit dem iPhone 4s nahm ich 2012 beispielsweise einen Zeitraffer-Clip in (fast) 4K-Auflösung auf.

Eine Frage der Perspektive

Ob Fotografie oder Videografie – außergewöhnliche Perspektiven machen eine Aufnahme besonders sehenswert. Am besten ist es natürlich, wenn man schon vorher weiß, wie die Location aussieht und wann was wo passiert. Bei Zeitraffer-Aufnahmen mit dem iPhone sollte man den Bildausschnitt beachten. Dieser unterscheidet sich nämlich von der Video- und Foto-Funktion der iPhone-Kamera. Wenn man also Perspektiven ausprobieren will, sollte man immer den Zeitraffer-Modus auswählen.

Das Setup

Für dieses Zeitraffer-Video kamen nur handelsübliche Stative, flexible Halterungen (GorillaPods) und reguläre Zusatzakkus zum Einsatz. Ein iPhone 6 hatte ich für „besonders risikoreiche Aufnahmen“ abgestellt und in eine Outdoor-Schutzhülle von gesteckt. Mit für 6 Euro das Stück montierte ich die iPhones auf den Stativen. Wollte ich ein iPhone an einem Gerüst, der Tribüne, einer Traverse oder an einem Rohr anbringen, verwendete ich eine Halterung namens „“ von Arktis. Da deren Klemme aber nicht ganz so fest zupackt, wie die MENGS, verwendete ich die Black Mambas nur für Indoor-Aufnahmen.

Deutscher Filmpreis 2015 Zeitraffer

Die Stative waren  von Manfrotto. Sie sind klein, kompakt und vielseitig, aber nicht so fragil, dass sie jeder kleine Windhauch ins Schwanken bringt. Wenn es aber mal sein musste, konnten sie auch auf bis zu 1,55 Meter in die Höhe wachsen. Gebraucht gibt es das Compact Action auf Amazon schon für 39 Euro. Ich hätte auch unsere deutlich teureren und schwereren Studio-Stative verwenden können, doch Studio-Equipment für dieses Video zu verwenden, wäre irgendwie Schummeln gewesen. Ich wollte Equipment verwenden, dass entweder jeder bereits hat, oder günstig anzuschaffen ist.

Hatte ich die Halterung oder das Stativ an der gewünschten Stelle montiert, musste das iPhone noch waagerecht auf das gewünschte Motiv ausgerichtet werden. Dies geschah mithilfe der Kompass-App von iOS 8, die ja auch eine Wasserwaage integriert hat. Dann wurde der Akku angeschlossen und im letzten Schritt die Display-Helligkeit des iPhones runtergedreht.

Dieser letzte Schritt, das Runterschrauben der Display-Helligkeit, hat mich sehr viele Nerven gekostet. Das Kontrollzentrum von iOS 8 verbirgt sich bekanntlich am unteren Bildschirmrand hinter einer winzigen Lasche. Selbst im normalen Alltag will sich das Kontrollzentrum nicht immer anstandslos öffnen lassen.

Jetzt versucht das mal über Kopf bei einem iPhone, das in 8 Meter Höhe direkt an der Wand an einem Stahlrohr von der Decke hängt, während ihr auf einer ausgefahrenen, wackelnden Scherenbühne balanciert. Im Nachhinein hätte ich die Display-Helligkeit wahrscheinlich gar nicht ganz runterschrauben müssen, um Strom zu sparen. Die integrierte Zeitraffer-Funktion ist überraschend stromsparend und meine Zusatzakkus hatten alle mehr als 10.000 mAh. Ich wollte aber kein Risiko eingehen.

Für die 360-Grad-Zeitraffer-Aufnahmen schraubte ich eine meiner Smartphone-Klemmen auf einen Zeitraffer-Stativ-Kopf namens , welches eigentlich für GoPros konzipiert ist. Hierbei handelt es sich im Grunde um eine Eier-Uhr aus Metall, die mit einer Stativ-Schraube versehen ist. Wer will, kann sich so etwas auch selbst basteln.

Für den Fall der Fälle, denn das Messegelände ist im Grunde frei für jeden zugänglich, waren die iPhones noch mit Prepaid-SIM-Karten von Base bestückt. Davon abgesehen waren aber alle Hintergrunddienste bis auf Find my iPhone deaktiviert (dazu zählt u.a. Hintergrundaktualisierung, die Synchronisation der iCloud, etc.). Der Nicht-stören-Modus war aktiv. Ein Anruf stoppt aber eine laufende Zeitrafferaufnahme nicht.

Apropos Akkus

Schuko-Steckdosen waren in der Messehalle Mangelware und Verlängerungskabel waren bei den ständig wechselnden Aufbauten, Motiven und Perspektiven keine Alternativen. Notgedrungen mussten also alle iPhones über die gesamten 6 Tage per Zusatzakkus mit Strom versorgt werden.

Deutscher Filmpreis 2015 Zeitraffer

In den vergangenen Jahren als reisender Blogger hatte ich mit unzähligen Zusatzakkus zahlreicher Hersteller zu tun und ich kann euch sagen, dass es da draußen wahnsinnig viel Schund gibt – auch von bekannten Marken. Die Margen bei den Akkus sind teilweise so gut, dass viele Hersteller den schnellen Reibach wittern und sich einfach in China einen 0815-Fabrikanten suchen und dann ihr eigenes Logo draufklatschen.

Braucht man einen Zusatzakku nur mal ab und zu, kann man schon auf so einen 0815-Akku für 20 Euro zurückgreifen. Da macht sich die etwaig mangelnde Qualität nicht sonderlich bemerkbar. Wenn man sich aber darauf verlassen muss, dass ein Akku auch unter stressigsten Situationen (für den Akku und einen selbst) funktioniert, sollte man schon etwas mehr Geld in die Hand nehmen. Das ist meine persönliche Meinung.

Ich hatte insgesamt sechs Akkus im Gepäck, zwei No-Name-Produkte mit 10.000 mAh, die wir in der Redaktion herumliegen hatten, zwei mit 15.000 mAh, einen mit 21.000 mAh, den ich damals 2010 für meine erste WWDC gekauft hatte, und ein mit 5200 mAh für mich selbst.

Einer der zwei No-Name-Akkus ist mir am Tag 3 abgeraucht und ließ sich nicht mehr laden. Der zweite No-Name brauchte einen ganzen Nachmittag, um wieder auf Touren zu kommen. Die Xtorm Powerbanks hatte ich mir speziell für dieses Projekt zugelegt und nach 6 Tagen im Dauereinsatz (damit meine ich 24 Stunden pro Tag permanentes Laden und Entladen) kann ich sie nur wärmstens empfehlen (das ist keine bezahlte Werbung!).

Man möchte ja nicht glauben, wie kompliziert ein Zusatzakku konzipiert sein kann. Die zwei No-Name-Akkus hatten jeweils dedizierte Ein- und Ausschalter und sogar einen „Pause“-Modus. Weiß der Geier warum. Die Xtorm schalten sich einfach selbstständig ein oder aus, je nach dem ob ein Stromverbraucher angehängt ist oder sie geladen werden. Sehr wichtig war mir auch, dass sich die Akkus schnell wieder aufladen lassen. Mit einem iPad-Netzteil waren die Xtorm dank 2A Eingangsleistung in ungefähr drei Stunden wieder voll und hielten dann ein iPhone 6 Plus bei durchgehender Zeitraffer-Aufnahme (alle paar Stunden wurde die Aufnahme gestoppt und sofort wieder gestartet) fast zwei Tage am Leben.

Deutscher Filmpreis 2015 – Zeitraffer

Die Xtorm-Akkus kosten 60-80 Euro. Das ist viel Geld für nur 15.000 mAh. Dafür bekommt man auf Amazon drei No-Name-Akkus mit gleicher Kapazität. Die Unterschiede finden sich aber im Detail. Für den höheren Preis bieten die Xtorm mehr Eingangsleistung (2 Ampere statt meist nur 1 bis 1,5 Ampere) und 3,1 Ampere Ausgangsleistung (statt meist nur 1 bis 2,1 Ampere).

Keine Tricks

Apple Watch – Bewegungsziel
Dieses Zeitraffer-Video zu erstellen, war keine Hexerei. Es war anstrengend, 16-17 Stunden pro Tag diese Baustelle aus allen Blickwinkeln aufzunehmen, besonders da ich alleine dafür unterwegs war. Aber es kam kein teures Profi-Equipment zum Einsatz. Es gab keine Film- oder Marketing-Crew, die irgendwas vorbereitet hätte, und auch nur einen groben Drehplan, den ich mir zwei Tage zuvor auf Basis des Aufbau-Zeitplanes in Evernote zusammengeschrieben hatte. Wie oben erwähnt hatte ich zwei 39-Euro-Stative, eine Stativ aus meinem Bestand, pro iPhone einen Zusatzakku und drei flexible Halterungen. Ach, und eine Rolle Duct Tape und ein Säckchen Kabelbinder. Die Zeitraffer-Aufnahmen wurden dann chronologisch hintereinander gelegt, ohne etwaige Farbkorrekturen oder sonstige Gimmicks. Musik drunter. Das war’s.

Weitere Themen: Apple iPhone 6 Plus, iPhone 6, VICTORIA, Honig im Kopf