E3 2012 Kommentar: Von einem, der auszog das Spielen zu fürchten

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Die Deutschen sind bekanntlich Weltmeister im sich Sorgen machen. Arbeitslosigkeit, soziale Kälte, Kriminalität oder die gesellschaftliche Entwicklung an sich  – unsere Ängste vor der Zukunft sind Legion. Die Entwicklung des Spielemarktes ist auf den statistischen Sorgenlisten  natürlich nicht vertreten. Um die Zukunft des Gamings sorgt sich nämlich kein Schwein. Warum eigentlich nicht? Die E3 2012 gab doch allerhand Anlass dazu. Grauenvolle Trends und furchtbare Veränderungen warfen dort ihren Schatten. Dieser Redakteur hat sich nach einer schlaflosen Nacht dazu genötigt, sich seinen tiefsten Ängsten zu stellen und sie mit euch zu teilen. Also bitte helft ihm, wieder ein sorgenfreier Gamer zu werden. Alles wird gut oder?

E3 2012 Kommentar: Von einem, der auszog das Spielen zu fürchten

Angst ist irrational. Sie macht aus einer harmlosen Mücke einen zähnefletschenden Elefanten mit tödlichen Fangarmen, glotzenden Spinnenaugen und giftigen Stacheldrüsen. Doch egal wie unbegründet die Angst auch sein mag, man hat sie halt trotzdem.

Mit der Entwicklung der digitalen Spielekultur ist es nicht anders. Wer seinem kulturpessimistischen Affen zu viel Zucker gibt, sieht irgendwann nur noch den Untergang des Abendlandes in Bullet-Time auf sich zu kommen. Dem Manifest der gespielten Monokultur soll hier auch gar nicht das Wort geredet werden. Wer sich auf dem Spielemarkt nach Wundern und Magie sehnt, der muss nur wissen, wo er zu suchen hat.

Die E3 war trotzdem schlimm

Schlimm war die E3 aber trotzdem. Mag sein, dass wir im Indie-Markt auf blühende Landschaften blicken und uns ein paar verlässliche AAA-Entwickler in schöner Regelmäßigkeit interessante Spiele wie „Watch Dogs“, „Beyond“ oder „The Last of us“ anfertigen – um den Massenmarkt steht es momentan dennoch sehr schlecht.

 

Nehmen wir das Beispiel Electronic Arts. Den Managern des einst marktführenden Publishers wurde 2009 plötzlich klar, dass sie keine Produkte im größten Wachstumsmarkt der Branche hatten. Die Rede ist natürlich von Online-Games und Spiele-Apps für iPhone, Android & Co. Die Chefetage tat, was Chefetagen in solchen Situationen nun einmal tun: investieren und konsolidieren. Fast zwei Milliarden Dollar ließ sich EA die neu eingekauften Entwicklerstudios und deren Marken kosten. Viel Geld, das man an andere Stelle natürlich einsparen musste. Also wurde im Gegenzug das klassische Core-Line-Up ausgedünnt und hauseigenen Top-Marken wie „Battlefield“ oder „FIFA“ auf dem Free-2-Play Markt denkbar uninspiriert zweitverwertet. Hinzu kamen etliche qualitativ fragwürdige Facebook-Spiele wie „Dragon Age Legends“ oder „Fifa Ultimate Team“, die man mit durchmonetarisierten Trash-Titeln wie „Need für Speed World“ flankierte. Die Folge: das Core-Segment von EA schlug 2010 mit nur einem wirklich guten Spiel zu Buche und das hieß „Crysis 2“. Ein guter Shooter mit einer miesen Story.

Erkennbare Muster? 

Wahrscheinlich ist es meine momentane Paranoia, aber man kann hier durchaus ein besorgniserregendes Muster erkennen, dass ich wie folgt zusammenfassen möchte: mehr Mist, weniger gute Spiele und gar keine neuen Ideen. Stimmt nicht? Platte Analyse? Mag sein. Außerdem habe ich ja „Medal of Honor“ und „All Points Bulletin: Reloaded“ vergessen – zwei ehh…weitere Spiele von EA aus dem Jahr 2010.

Ich kann mich also irren. Ja doch, sehr wahrscheinlich liege ich falsch und wir haben es nur mit Anpassungsphase zu tun. Sehen wir uns mal das EA Line-Up der diesjährigen E3 2012 an. Hmmm... kein einziger neuer Titel, nur Fortsetzungen etablierter Marken und  natürlich jede Menge „Battlefield“-Add-Ons. Statt in neue IPs zu investieren, schärft EA somit lieber das Profil der risikofreien Top-Seller und schiebt fast täglich neue Mobile Games in die App Stores und Google Plays dieser Welt. Von seltenen Ausnahmen wie „Dead Space Mobile“ einmal abgesehen, sind das meist lieblose Ports, die unter einer katastrophalen Steuerung oder an erschreckender Charmelosigkeit leiden. Na, immer noch kein Muster?

Ruhig bleiben, Herr Heidemann. Vielleicht packen sie die Sache auch vollkommen falsch an. Aus marktwirtschaftlicher Sicht wäre es schließlich reine Idiotie, wenn man als trendsicherer Publisher all diese Züge abfahren ließe. Vielleicht fließen die fetten Gewinne, die man Dank der Goldgräberstimmung im Browsergames-, App- und Facebook-Segment derzeit einfährt, irgendwann auch wieder in tolle neue Spiele. Außerdem muss man mit der Zeit gehen. Laut den Analysten von dfc Intelligence werden wir zum Beispiel schon im nächsten Jahr mehr downloaden und Online zocken, als an irgendwelchen gestrigen Konsolen und CD-Laufwerken herum zu hantieren. Die Hersteller haben ja gar keine andere Wahl, als ihre tradierten Geschäftsmodelle radikal zu überdenken. Warum jetzt mit kostspieligen Next-Gen-Konsolen und neuen IPs riesige Haushaltslöcher reißen, wenn man doch mit Facebook-Spielen, Micro-Transaktionen und billig produzierten Apps so schön Geld verdienen kann. Wer braucht schon neue Konsolen-Spiele, wenn man „The Sims“ oder „Tiger Woods PGA“ auf dem iPhone hat?

Wer braucht schon neue Spiele?

Ich! Ja, ich will neue Spiele. Aber wahrscheinlich mache ich aus der EA-Mücke einen zu großen Sorgen-Elefanten. Bei den Anderen sieht es bestimmt viel besser aus. Microsoft zum Beispiel. Gutes altes Microsoft, Bill und seine Redmonder, die Hüter der Xbox – ihr versteht meine besorgte Gaming-Seele doch bestimmt noch. Moment mal: ESPN auf der Xbox? Xbox Music? SmartGlass App? Internet Explorer? Paramount? Nickelodeon? EA Sports Active 2? Die Konsole als Entertainment-Center? Was soll ich mit all dem Kram? Ich will doch nur spielen!

 

Vielleicht war Microsoft auch ein schlechtes Beispiel. Wie steht es denn mit den kleineren Traditionsunternehmen? So etwas wie SEGA zum Beispiel. Die konzentrieren sich doch bestimmt auch weiterhin auf Spiele, wie ich sie mag, oder? „Kurz vor der E3 schockt die französische Spieleseite Gamekyo unter Berufung auf zuverlässige Quellen mit der Meldung, dass sich Sega aus dem Geschäft mit AAA-Titeln zurückziehen und sich fortan auf die Entwicklung von digitalen Titeln, insbesondere für Handys und Tablets, konzentrieren will.“ Ach, auch irgendwie ein blödes Beispiel. Konami? Was ist mit Konami? Die haben doch diese Pre E3-Show gemacht... und dort über die Zusammenarbeit mit Zynga gesprochen. Man habe einige der besten Game-Designer der Welt im Hause Konami und wolle deren Können in Zukunft auch auf die Entwicklung von neuen Facebook-Spielen und Browsergames konzentrieren.

Ist es hier gerade sehr kalt geworden? Mir ist irgendwie kalt. Denk an was Schönes, Tobi, etwas Unschuldiges, Reines und Gutes – an Nintendo, ja Miyamoto wird´s schon richten, denn wenn die letzte Plattform vernetzt ist, das letzte gute Franchise vergiftet, die letzte neue Idee verbraucht wurde, dann werdet ihr feststellen, dass man von schlechten Spielen nicht leben kann. Auf Mario ist immer Verlass, oder, Mario? Bitte was? Ich verstehe immer nur NintendoLand? Was ist denn mit Link, mit Samus und Kirby? Nicht da? Was soll ich denn mit diesem blöden Mii-Streichelzoo, wenn es keine guten Spiele gibt, über die man da reden kann?

Ich mache besser Schluss für heute und hole etwas Schlaf nach. Morgen sieht die Spielewelt bestimmt wieder ganz anders aus. Vielleicht träume ich ja was Schönes. Alles wird gut oder?

 

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Release

  • von Jonas Wekenborg

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Weitere Themen: Beyond: Two Souls Demo, Beyond: Two Souls, Watch Dogs, Battlefield 3: Armored Kill, Xbox 360, Destiny 2, Titanfall, Sunset Overdrive, Ryse - Son of Rome


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