Aserbaidschan: Zero Points. Der Eurovision Song Contest 2012 und die Menschenrechte

M. Göbel
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Aserbaidschan: Zero Points. Der Eurovision Song Contest 2012 und die Menschenrechte

Auch wir wollen uns nicht so einfach von dem Glanz und Glamour des Eurovision Song Contest 2012 blenden lassen. Die Veranstaltung propagiert Freude und Völkerverständigung – aber das Gastgeberland Aserbaidschan hat massive Probleme mit der Einhaltung der Menschenrechte.

Der Eurovision Song Contest 2012 ist für Aserbaidschan eine riesige Chance, sich der westlichen Öffentlichkeit zu präsentieren: Stimmt, da ist noch was rechts unten auf der Landkarte, die Kaukasus-Republiken gehören auch zum Eurovision Contest und irgendwie auch zu Europa. Und Aserbaidschan hat auch etwas zu bieten, im Gegensatz zu den ärmeren Nachbarstaaten Armenien und Georgien: Öl und Gas.

Auf dem Papier ist Aserbaidschan eine Präsidialrepublik, aber der Präsident Ilcham Alijew regiert autoritär. Die Opposition wirft ihm Wahlfäschung vor. Für den Bau der Crystal Hall, Austragungsort des Eurovision Song Contest (Kosten: zwischen 120 und 140 Millionen Euro), wurden Anwohner zwangsumgesiedelt – und haben teilweise noch keine Entschädigung erhalten.

Amnesty International: “Mindestens 17 politische Häftlinge”

Gestern veröffentlichte Amnesty International seinen Jahresbericht – diesem zufolge sind in Aserbaidschan derzeit mindestens 17 Menschen aus politischen Gründen in Haft. Der Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion, Wolfgang Grenz, erwähnte auch ausdrücklich die Verantwortung der europäischen Öffentlichkeit in Zusammenarbeit mit dem Eurovsison Song Contest: “Der Contest muss genutzt werden, um Druck auszuüben und ihre Freilassung zu erreichen. Die Ausrichter von Großveranstaltungen wie dem ESC oder auch der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine dürfen nicht zur Verletzung grundlegender Menschenrechte schweigen.” Wichtig sei es, auch nach dem Eurovision Song Contest 2012 die Lage in Aserbaidschan weiter im Auge zu behalten.

Auch die Organisation Reporter Ohne Grenzen beschäftigt sich mit Aserbaidschan, widmet dem Thema sogar eine eigene Website: “Unser Star für Baku: die Pressefreiheit” heißt es dort. Offiziell gibt es in Aserbaidschan keine Zensur, doch seit Jahren werden kritische Reporter und Blogger eingeschüchtert und unter Vorwänden inhaftiert. Sie bekommen anonyme Briefe mit Drohungen oder werden heimlich beim Sex gefilmt – was dann im Internet auftaucht, um sie zu diskreditieren, wie es der Journalistin Khadija Ismayilova geschah, die für den Internetsender Radio Liberty arbeitet. Oder dem Blogger Emin Milli, der lange im Gefängnis saß. Mehr dazu auch in einem Artikel auf Stern.de: Das Imperium schlägt zurück. Oder auf Spiegel Online, wo das Schicksal des Journalisten Eynulla Fatullajew beschrieben wird: “Lebe und kämpfe ohne Hoffnung”.

Auch Homosexualität ist ein schwieriges Thema für Aserbaidschan. Das Land ist islamisch, hier ist Homosexualität gesetzlich nicht verboten, aber gesellschaftlich geächtet. Das Auswärtige Amt warnt, dass ein öffentliches Zeigen von Homosexualität als Provokation gewertet werden könne und von der Polizei mit einer “Abmahnung” geahndet werden könne. Und das, wo der Eurovision Song Contest gerade auf schwule Schlagerfans besonders anziehend wirkt. Viele machen es sich zum Hobby, jedes Jahr den Austragungsort zu besuchen. Noch schwieriger ist es für die Schwulen und Lesben in Aserbaidschan selbst: Die wenigsten können offen zu ihrer Homosexualität stehen und führen ein Doppelleben. Mehr Infos zum Beispiel auf Spiegel Online: “Bitte nicht stören”.

Doch in allem sind sich fast alle einig: Den Eurovision Song Contest deswegen abzusagen oder ihm fernzubleiben wäre auch keine Lösung gewesen. So richtet sich immerhin die Öffentlichkeit auf eine kleine autoritär geführte Republik am Rande Europas. Vergessen wir das auch nach dem ESC 2012 nicht.

Aktuelles über Teilnehmer, Livestream und Gewinner findet ihr auf unserer Übersichtsseite zum Eurovision Song Contest 2012 in Baku.

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