Pro & Kontra: Apple will nicht mehr zur Macworld Expo

PRO: Endlich verlässt Apple die Nische
Apple hat kurz vor Weihnachten den überfälligen Schritt gewagt und einen Anachronismus aus der Welt geschafft. Auf Paris, Köln und anderen Städte folgt ab 2010 die Macworld Expo in San Francisco: Der Vorwurf, Europa werde von Apple vernachlässigt, ist jetzt obsolet.
Produktmessen sind ein unzeitiges Konzept
Das Konzept der Apple-Hausmesse ist Geschichte, Apple traut sich aus der selbstgeschaffenen Nische heraus und erkennt: Eine spezialisierte Messe ist nur dann sinnvoll, wenn man ein Nischen-Publikum ansprechen will. Oder waren Sie schon mal auf einer Sony World oder einer Dell-Expo? Eben!
Zum Glück ist der Mac-Hersteller jetzt präsent wie nie zuvor, in Elektronikmärkten, durch Werbung im TV und im öffentlichen Raum sowie im Internet. Strategisch fällt seine Entscheidung zudem mit der Eröffnung weiterer Apple Stores in Europa zusammen: Man muss als Kunde nicht mehr nach San Francisco schielen, der Erlebnisraum Apple hat nun über 250 Adressen weltweit. Für Entwickler wird es – spezialisiert, und das ist auch sinnvoll – weiterhin die WWDC geben.
Analysten und Medien: Apple unter Beobachtung
Mit Apples Wachstum in den letzten Jahren und der damit verbundenen Medienaufmerksamkeit sickern Keynotes an festen Terminen zu viele Details durch, selbst Frachtladungen mit Containern voller Apple-Produkte sind nicht vor den neugierigen Augen der Gerüchte-Öffentlichkeit sicher. Die Erwartungshaltungen sind inzwischen so hoch, dass Apple sie fast nur enttäuschen kann. Es gibt nur eine Chance, den Überraschungseffekt zu retten: In Zukunft darf Apple erst dann einen Keynote-Termin anberaumen, wenn etwas tatsächlich präsentabel ist. Das weicht den Termindruck auf, verschafft mehr Flexibilität und schützt vor Schnellschüssen. In den letzten Jahren war ohnehin nur selten ein Produkt zur Ankündigung auch verfügbar.
Phil Schiller wird statt Steve Jobs am 6. Januar die Keynote halten und Apple tut gut daran, sich vom Personenkult um den charismatischen CEO zu lösen. Die Diskussionen um die Gesundheit Steve Jobs” sind zynisch und geschmacklos: Ist Phil Schiller ein Jobs-Nachfolger? Das kann, muss er aber nicht sein. Ich wünsche mir schon bald wieder eine Keynote mit Steve Jobs, nur nicht von einer Messe. Am 6. Januar aber heißt es erst einmal: “Energie, Schiller!”
Marcel Magis
KONTRA: Apples Absage ist eine Frechheit
Nun auch noch die Teilnahme an der Macworld Expo in San Francisco aufzukündigen, setzt Apples wachsender Dreistigkeit die Krone auf. Frech ist das vor allem gegenüber Herstellern, Apple-Händlern und schließlich auch der ganzen Mac-Szene.
Gegenüber den Herstellern
Eine Messe ist immer auch eine Kontaktbörse. Etwa wollen dort Hersteller ihre Produkte vorstellen und die Medien darüber schreiben. Für solche Zusammentreffen gibt es in Europa bereits keine große Plattform mehr, seit sich Apple nach London und Köln schließlich auch von der Expo Paris zurückgezogen hat. Die vergangenen Jahre haben gezeigt: Eine Mac-Messe ohne Apple verliert nach kurzer Zeit meist ihre Existenzgrundlage. Fällt auch San Francisco, dann bleibt den Herstellern in Zukunft nur noch, sich auf Technik-Messen wie der CES in Las Vegas die Beine in den Bauch zu stehen und zu warten, bis jemand vorbeikommt, der sich für Mac-Produkte interessiert.
Gegenüber den Händlern
“We don”t believe in tradeshows”, ist inzwischen Apples Überzeugung und meist fügt der Hersteller noch hinzu, er habe ja jetzt die Apple Stores. Dorthin sollen die Anwender kommen, wenn sie echte Apple-Luft schnuppern und sich über Neuigkeiten informieren wollen. Von den existierenden Apple-Händlern werden die Kunden schamlos abgeworben – es fehlt nur noch, dass Apple die Keynotes live in die eigenen Stores überträgt. Der inzwischen so arrogante wie erfolgreiche Mac, iPhone und iPod-Hersteller hat vergessen, wie ihm gerade diese Händler in schwierigen Zeiten die Stange gehalten haben. Zu Hause ist er zudem ein wahrer Tyrann: Um in den Apple Store zu kommen, müssen andere Hersteller sogar ihre Produktboxen nach den Wünschen des Betreibers gestalten.
Gegenüber der Mac-Szene
Apple tut nicht recht daran, einen Kult zu begraben – “es ist so, als fiele Weihnachten aus”, sagen die Fans. Auf der Macworld Expo wird wohl die letzte Keynote vor großem Publikum stattfinden, alle weiteren dann nur noch vor geladenen Gästen. Das schließt all die begeisterten Apple-Anhänger aus, die bislang in Scharen zur Keynote der Macworld Expo gepilgert sind. Dort haben sie nicht nur für ein riesiges Medieninteresse gesorgt, sondern auch für einen Zusammenhalt, der die Marke Apple einzigartig machte. Außerdem waren unter ihnen viele Hubs: eingefleischte Fans, die im Bekanntenkreis von Apple-Produkten schwärmten und damit viele neue Anwendern überzeugten, auch als es um Apple schlechter stand.
Den Fans, den Herstellern und den Händlern die Treue zu halten, wäre nicht nur anständig gewesen. Um die Einzigartigkeit der Marke zu wahren, wäre es auch klug gewesen – zumal zum jetzigen Zeitpunkt, vor dem Hintergrund einer globalen Finanz- und Wirschaftskrise und rückläugiger Absatzzahlen. Der Kursverfall der AAPL-Aktie nach der Ankündigung spricht Bände.
Thomas J. Weiss
Bild: schwa23, “macworld day one – 13″. Some rights reserved. Flickr
