Im Kino: Being Julia

Leserbeitrag

(Onur) Es ist eine der traurigen Gesetzmäßigkeiten im Filmbusiness: Bist du eine Frau und wirst 40, bist du so gut wie raus aus dem Geschäft. Der Schönheits- und Jugendwahn der Branche trifft Frauen noch wesentlich stärker als Männer, und für Schauspielerinnen in den besten Jahren gibt es sozusagen keine anständigen Rollen mehr. Deswegen muss sich zum Beispiel Meg Ryan inzwischen mit unausgegorener Mittelmaß-Ware wie Die Promoterin herumschlagen, deswegen hat sich jemand wie Michelle Pfeiffer so gut wie zurückgezogen. Und deswegen haben sich wahrscheinlich Dutzende von bewährten Leinwanddiven gierig die Finger geleckt nach der Rolle der Julia Lambert im neuen Film von Istvan Szabo, denn dies ist nicht nur ein brillant geschriebener Part für eine Frau dieser Altersklasse, sondern thematisiert auch genau dieses Dilemma: Das würdige Bestehen in einem Geschäft, das dich nicht mehr sehen will, sobald du Falten bekommst.

Im Kino: Being Julia

Dass dieses Problem ein zeitloses ist, beweist das Setting von “Being Julia”: Basierend auf der gut 70 Jahre alten Novelle “Theatre” von W. Somerset Maugham erzählt der Film die Geschichte von Julia Lambert (Annette Bening), umjubelter Theaterstar im London der frühen 1930er Jahre. Obwohl von ihrem Publikum geliebt und in einer bequemen Ehe mit Theaterdirektor und Regisseur Michael Gosselyn (wie immer very british: Jeremy Irons) beruflich bestens abgesichert, fühlt Julia die beruflichen als auch privaten Lebensgeister schwinden – das Feuer ist raus, das Alter macht sich bemerkbar. Da kommt der junge Tom Fennel gerade recht: Ein von ihrer Berühmtheit geblendeter Landbursche, dessen eindeutige Avancen zu schmeichelhaft für Julia sind, um ihnen lange zu widerstehen. Sie beginnen eine Affäre, die Julia neuen Elan verleiht – und die sich dieses Abenteuer darum bald mehr zu Herzen nimmt, als sie sollte. Als Tom sich bald für eine jüngere, hübschere Schauspielerin interessiert, scheint das demütigende Ende für Julias zweiten Frühling gekommen zu sein. Muss sie sich der Kraft der Jugend beugen?

Während “Being Julia” auf die eine Art ein Film über alternde Schauspielerinnen im Speziellen ist, ist er auf die andere ein Film über Schauspieler im Allgemeinen. Wie die Bühne das Leben reflektiert und das Leben von der Bühne beeinflusst wird. Wie Schauspieler so sehr in ihrer Profession aufgehen können, dass irgendwann nicht mehr zu unterscheiden ist, wann man eine Rolle spielt und wann man man selbst ist. Julia ist so routiniert, dass sie sogar ihren besten Freunden ständig dieselben Vorstellungen vorspielt, und sich von ihrem eigenen Sohn sagen lassen muss, dass sich ihre privaten Gespräche anhören wie aus einem Stück zitiert.
Dank der famosen Annette Bening gelingt dieses Portrait einer Schauspielerin, für die Leben und Bühne längst eins sind (und die dementsprechend auch wie eine Löwin darum kämpfen wird) ganz vortrefflich, und ihre Julia ist eine der schillerndsten und faszinierendsten Frauenfiguren, die es in jüngerer Zeit auf der Leinwand zu sehen gab. Bening wirft sich mit soviel Elan, Frische und (jawohl!) jugendlicher Energie in die Rolle, dass es eine pure Freude ist, ihr zuzusehen – ihre Golden Globe-Auszeichnung war auf jeden Fall hochverdient, und auch der Oscar wäre nicht verkehrt gewesen. Ihr hat der 40. Geburtstag bisher auf jeden Fall nicht geschadet, im Gegenteil: Nach “American Beauty” beweist sie erneut ihr Ausnahmetalent und empfiehlt sich weiterhin als perfekte Besetzung für die ach so raren Traumrollen für Frauen im Oil of Olaz-Alter. Der Oscar ist da eigentlich auch nur eine Frage der Zeit.
Während Bening ein furioses, begeisterndes Feuerwerk abbrennt, kann der Rest des Films leider nicht ganz mithalten: Etwas zu behäbig bewegt sich “Being Julia” auf routinierten Bahnen, nimmt die Affäre ihren absehbaren Verlauf. Die anderen Hauptcharaktere neben Julia bleiben oberflächlich – was im Falle von Tom Fennel und seiner neuen Geliebten Avice vielleicht noch gewollt ist, spätestens jedoch bei Ehemann Michael und Sohn Roger ganz sicher nicht mehr.
So gelingt es der Geschichte leider nicht, ihr Publikum richtig zu packen. An sich als Komödie deklariert, schwimmt die Story über weite Strecken in eher dramatischen Gewässern und kann nur selten die frivol-komische Spiel- und Lebenslust zur Geltung bringen, die dann zumindest den Showdown zu einem herrlichen Vergnügen voll sprühendem Witz macht. Denn erst, wenn Julia das Drama ihres Privatlebens auf die Bühne holt und in einem brillant-elegant boshaften Racheakt noch einmal klar stellt, wer die Chefin im Hause (und vor allem: wer die bessere Schauspielerin) ist, erreicht “Being Julia” das mitreißende Tempo, das der Film ansonsten vermissen lässt.

Als Film übers Theater, über Schauspieler und über das schon recht abgegriffene Thema zweiter Frühling ist “Being Julia” also nicht viel mehr als ordentlich, als Showbühne für eine begeisternde Annette Bening in einer der besten Frauenrollen der letzten Jahre aber schon allein das Eintrittsgeld wert. Sisters are doing it for themselves. Rock on, girl!

Quelle: Filmszene.de

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