Wahrheit vs. Fiktion - Basierend auf einer wahren Geschichte?

Leserbeitrag

Gerade läuft in den deutschen Kinos die Actionkomödie “30 Minuten oder weniger” passiert folgendes: Das Leben des trägen Pizza-Lieferanten Nick wird aus den Fugen gerissen, als er von zwei Kriminellen gekidnappt wird. Das Gangster-Duo schnallt ihm eine Bombe um den Bauch und zwingt den armen Kerl dazu, für sie eine Bank zu überfallen. Ansonsten explodiert der Sprengsatz und der Pizzabote gleich mit. Zusammen mit seinem besten Kumpel versucht Nick, diesem Riesen-Schlamassel aus Polizei, Auftragsmördern und Amateur-Gangstern zu entkommen und dabei die Bombe an seinem Körper unverletzt loszuwerden.
Klingt soweit wie das Setup für eine richtig flotte Komödie voller Action, flotten Sprüchen, irren Verwicklungen und zündender Spannung, oder?
Dann habe ich hier noch eine zweite Variante dieser Geschichte für euch:
Am 26. August 2003 betritt in Erie, Pennsylvania ein Pizza-Lieferant namens Brian Wells eine Filiale der PNC Bank. In der Hand hält er eine Shotgun-Attrappe, außerdem hat er einen schachtelartigen, schweren Gegenstand um den Hals hängen. Er gibt dem Bankangestellten einen Zettel, auf dem steht, dass er eine Bombe bei sich trage und 250000 Dollar verlange. Der Angestellte kann dem vermeintlichen Bankräuber nur 8700 Dollar in bar aushändigen. Der Mann nimmt das Geld, verlässt die Bank und fährt in einem Auto davon. Eine Viertelstunde später wird er von der Polizei auf einem nahegelegenen Parkplatz entdeckt und umstellt. Der Pizzabote erzählt den Polizisten, er sei von einer Gruppe Männer überwältigt worden, die ihn mit vorgehaltener Waffe eine Bombe umgebunden und ihn dazu gezwungen hätten, den Banküberfall zu begehen. Er habe 55 Minuten dafür Zeit, bevor die Bombe um seinen Hals explodiert. Der verzweifelte Mann redet auf die Polizisten ein, er ist überzeugt von der Echtheit der Bombe. “Ich lüge nicht, das Ding wird hochgehen!” ruft er ihnen zu. Ein Bombenkommando wird verständigt, die Polizisten gehen hinter ihren Einsatzwagen in Deckung, TV-Kameracrews treffen ein, Brian Wells sitzt im Schneidersitz auf dem Gehsteig. 25 Minuten vergehen. Plötzlich fängt der Kasten um seinen Hals an, einen immer schneller werdenden Piepston zu erzeugen. Der Mann versucht, die Bombe von seinem Körper wegzureißen, da explodiert der Sprengsatz und tötet Brian Wells 46 Jahre alt, Pizzabote, an Ort und Stelle. Das Bombenkommando trifft 3 Minuten später ein. Wells letzte Frage an die Polizisten war, ob sie seinen Chef benachrichtigt hätten, er wollte nicht den Eindruck erwecken dass er die Arbeit schwänzen würde.
Auf einmal ist das alles nicht mehr so lustig, nicht wahr? Es ist schon interessant, wie Fiktion und Wahrheit manchmal aufeinandertreffen. “30 Minuten oder weniger” dürfte einer der wenigen Filme sein, die sich mit dem Prädikat “Based on a true story” nicht schmücken möchten. Ruben Fleischer, Regisseur von “30 Minuten oder weniger” behauptet sogar, die Autoren des Films hätten die reale Story überhaupt nicht gekannt. Alles nur Zufall also, was man allerdings angesichts der vielen Parallelen, die die Filmstory mit der realen Geschichte aufweist, nicht wirklich glauben kann.
Darf man aus einer so tragischen Geschichte eine flotte Hollywood-Comedy machen, in der am Ende natürlich niemand Unschuldiges in die Luft gesprengt wird? Was denken sich wohl die Angehörigen von Brian Wells dabei?
Gerade beim Thema Biopic wird mit der Wahrheit nicht immer zimperlich umgegangen, oft auch, um es dem Publikum einfacher zu machen, die Helden der Filme sympathischer zu finden, als sie in der Realität waren. Menschen, vor allem, die, über die es sich lohnt einen Film zu drehen, passen selten in Schubladen.
Der Film “A beautiful Mind” ist hier für ein gutes Beispiel. Für die Biographie des amerikanischen Mathematikprofessors und Nobelpreisträgers John Nash, der mit schwerer Geisteskrankheit zu kämpfen hatte, gab es 2002 den Oscar für den besten Film, Hauptdarsteller Russel Crowe nahm auch noch einen Goldjungen als “Bester Schauspieler” mit nach Hause. Doch die Geschichte des John Nash, die wir im Kino zu sehen bekamen, ist eine zahme, sehr beschönigende Version, die mit der Realität wenig zu tun hat. So litt der reale Nash zwar an paranoider Schizophrenie, hatte aber nie visuelle Halluzinationen, so wie im Film dargestellt. Weitere Seiten von Nash’s Persönlichkeit waren Hollywood dann erst recht zu heiß: Der Mathematikprofessor hatte ein dubioses Liebesleben und lebte seine homosexuellen Neigungen wohl heimlich aus, außerdem äußerte er oftmals antisemitische Ansichten. Ein Schwuler und Judenhasser? Der passt nicht als Heldenfigur in einen Film, in dem ein Mann mithilfe der Unterstützung und Liebe seiner Frau lernt, mit seiner Geisteskrankheit zu leben und am Schluss eine rührende Rede auf der Nobelpreis-Bühne hält. Leider ist auch das komplett unwahr. John Nash erhielt zwar 1994 den Nobelpreis, durfte aber bei der Verleihung keine Rede halten – die Organisatoren hatten wohl Angst, dass der schizophrene Wissenschaftler auf der Bühne einen Ausraster erleiden würde. Und seine Frau war auch nicht da, denn von ihr hatte er sich bereits 1963 wieder scheiden lassen.
In “A beautiful Mind” kann man gut die Beschönigung sehen, die Hollywood betreibt, wenn die reale Geschichte dem filmischen Ideal nicht nachkommen kann. Wo jemand liebenswerter gemacht wird, al s er in der Realität vermutlich war. Im Oscarhit des letzten Jahres “The Social Network”, über den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg passiert das Gegenteil.

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