Pro & Contra: Die Oscars - relevanter Preis oder nur eine Gala?

Philipp Schleinig
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Zum 87. Mal schon werden am Sonntag in Los Angeles die Oscars verliehen und die ganze Filmwelt blickt nach Westen. Die Oscars haben einen hohen Stellenwert im Film-Business und das sorgt nicht selten für einige Auseinandersetzungen über die Verleihung. Marek und ich werden heute eben dies einmal tun und uns fragen, welche Aussagekraft die Oscars wirklich haben.

Pro & Contra: Die Oscars - relevanter Preis oder nur eine Gala?

Jede Einschätzung der Bedeutung der Oscars ist zugleich eine wertende, die gegen einen verwendet werden kann. Spricht man von DER Preisverleihung des Filmgeschäfts, rennen Kunstfilmregisseure Sturm, spricht man den Academy Awards jegliche Bedeutung ab, gilt man schnell als Miesepeter. Dennoch versuchen wir heute mal, die Oscar-Verleihung von zwei Standpunkten aus zu sehen.

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Pro: Die Oscars sind ein wichtiger Bestandteil der Filmwelt (Philipp)

Besonders in meinem Studium der Filmwissenschaft stieß ich mit meiner Vorfreude auf die jeweilige Oscar-Veranstaltung des Jahres auf wenig Gegenliebe. Die Oscars seien ein abgekartetes Spiel, honorierten nur schlechte Filme, die der Mainstream frisst, seien politisch unterwandert und würden doch eh keine Aussagekraft über die Qualität des Films haben. Ich kann diese ganzen, haltlosen Kommentare schon nicht mehr hören – und jedes Jahr geht die Diskussion wohl von Neuem los.

Dabei werfen die Gegner mit ebenso haltlosen Kommentaren, wie die Hardcore-Befürworter der Oscars, um sich. Differenzieren sieht anders aus! Nehmen wir doch erst einmal die Fakten: Die Mehrheit der hierzulande konsumierten Filmgüter kommen aus den USA, genauer: aus der “Traumfabrik” Hollywood. Jenes Sonnenparadies ist zwar auch schon lange nicht mehr das, was es einmal war, doch seine Stellung ist unumstritten. Wieso? Weil dort ebenso wie in anderen Ländern Filme geschaffen werden, die Menschen zum Lachen, Schreien oder Weinen bringen und damit eine Kino-Erfahrung spürbar machen.

Natürlich produziert Hollywood auch Müll. Beispiele seien an dieser Stelle mal unterlassen, um den Fokus auf das Wesentliche zu lenken. Jene Werke finden allerdings auch bei den Oscars keine Beachtung! Vielmehr geht es – beispielsweise in diesem Jahr – um so großartige Werke wie “Boyhood”, “Birdman”, “Whiplash” und “The Grand Budapest Hotel”. Nun sage mir jemand, er hätte einen der Filme im Kino nicht genossen. Die Oscar-Verleihung versucht, diese Werke zu ehren und ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie definitiv verdient haben.

Und so ist es wohl die größte Stärke der Awards, an die Filme, die es verdient haben, zu erinnern und deren Macher zu ehren. Anders macht das selbst der kleinste Kunstpreis aus Buxtehude auch nicht. Dabei sei zudem an die Kategorie Bester fremdsprachiger Film erinnert. Wann schafft es ein Film aus Mauretanien mal, selbst dem Film-Desinteressierten ein Begriff zu werden? Die Oscars können dafür sorgen.

Hollywood inszeniert sich an jenem Abend natürlich und feiert auch ein Stück weit sich selbst. Doch unter den Party-Gästen sind neben Spekulanten und Querulanten auch wahrhaftige Gewinner, die mit diesem US-spezifischen Ehrenpreis ausgezeichnet werden.

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Contra: Die Oscars sind ein schöner Preis mit netter Gala, aber nicht das Maß der Dinge! (Marek)

Zuerst einmal sei folgendes gesagt: Ich habe nichts gegen die Oscars und schaue auch regelmäßig zu, wenn sich Hollywood einmal im Jahr selbst feiert und über den roten Teppich in das Dolby Theatre stolpert. Und natürlich fiebere ich auch mit meinen favorisierten Schauspielern und Regisseuren mit und freue mich sehr, wenn etwa Jeff Bridges für seine Leistung in “Crazy Heart” einen Oscar mit nach Hause nehmen darf. Über die Jahre wurden viele großartige Werke gewürdigt und die Academy hat manches richtig gemacht. Es wurden aber auch regelmäßig völlig unverständliche Entscheidungen getroffen und wahre Genies ihres Fachs übergangen. Wie oft wurden nochmal Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick als beste Regisseure ausgezeichnet? Ach ja, kein einziges Mal! Und Ennio Morricone für seine epischen Soundtracks? Auch Fehlanzeige!

“Citizen Kane” gilt  bei vielen Cineasten als bester Film aller Zeiten. Auch das ist natürlich eine objektiv kaum messbare Einschätzung, aber allen dürfte klar sein, dass es sich um ein Meisterwerk und einen der größten Meilensteine der Filmgeschichte handelt. Einen Oscar als besten Film des Jahres oder für Orson Welles als besten Regisseur gab es dennoch nicht, ebenso wie auch “Pulp Fiction” Jahrzehnte später in den Königsdisziplinen leer ausging. Ich will jetzt gar nicht anfangen, alle meine Lieblingsfilme aufzuzählen, die keinen Preis gewonnen haben und den beleidigten Arthaus-Nerd spielen, aber wenn es im Jahr nun einen Sieger geben kann und der ein oder andere Künstler irgendwann einen Oscar gewinnt, nur weil er einfach an der Reihe ist, dann kann dieser Preis gar nicht in einem halbwegs objektiven Ansatz alle Meisterwerke der Filmgeschichte angemessen würdigen. Oder will mir jetzt ernsthaft jemand erzählen, dass Martin Scorseses “Departed” um Längen besser ist als “Taxi Driver” oder “Wie ein wilder Stier”?

Ein Oscar ist eine schöne Anerkennung und eine wichtige, weil angesehene Würdigung von Künstlern und ihren Werken. Wie jeder andere Preis auch kann der Oscar dabei aber nicht als allerhöchste und vor allem unantastbare Macht angesehen werden, die allein über gut und schlecht urteilt. Von daher empfehle ich allen, auf dem roten Teppich zu bleiben, ein Sektchen zu trinken und sich an der schönen Gala zu erfreuen, mit seinen Lieblingen mitzufiebern und sich ärgern, wenn ein weniger favorisierter Star seine Dankesrede ins Mikrofon stammelt. Aber bei dem ganzen Glamour bitte ich, die durchaus vorhandene Relevanz des Preises nicht zu überschätzen und sich nicht ausschließlich von der Anzahl von Oscars leiten zu lassen, wenn es darum geht, sich für einen Film beim nächsten Kino- oder Videothekenbesuch zu entscheiden.

 

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