Ein Tag ohne Smartphone – Die Entzugserscheinungen

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Wie sehr man bereits vom Smartphone abhängig geworden ist merkt man erst, wenn man mal ohne unterwegs ist. Heute ist es mir zum ersten Mal passiert: Ich habe mein geliebtes Samsung Galaxy Note zu Hause liegen lassen und bin durch die Hölle gegangen.

Ein Tag ohne Smartphone – Die Entzugserscheinungen

Den ersten Schrecken habe ich schnell verwunden, aber gleich darauf kam der Gedanke: Wie verbringe ich jetzt die 1 ½ Stunden auf der Fahrt zur Arbeit? Dies war für mich das erste Indiz für meine Abhängigkeit vom Smartphone und da ich ja Zeit hatte mir Gedanken zu machen, kam ich zu dem Entschluss, meinen Entzug in einem Blogbeitrag zu verarbeiten.

Der Entzug beginnt

Ich benutze mein Smartphone, wie viele andere sicher auch, für alle möglichen Dinge. Morgens weckt es mich mit Vogelgezwitscher, bei der ersten Zigarette informiert es mich darüber, wer mir geschrieben hat und vor dem Zähneputzen erfahre ich die Neuigkeiten, die die Welt bewegen. Zum Glück ist mir mein Arbeitsweg inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen, denn dank Öffi und Google Maps finde ich mich in der Stadt zurecht. Nun sitze ich also im Bus und schaue aus dem Fenster. Ich frage mich, wann wohl der Blumenladen an der Ecke dicht gemacht hat und komme immer weiter ins Grübeln, ob so ein Smartphone wohl doch zu sehr von der Umwelt ablenkt. Scheinbar ja.

Ich schaue mich also im Bus um und bemerke, dass von den zehn Mitpassagieren drei auf ihre Smartphones schauen und weitere fünf gerade Musik hören, selbstverständlich via iPhone und Co.. Gesprochen wird gar nicht, auch wenn zwei sich offenbar kennen. Beide haben nur Augen für das Display (ürigens ein iPhone 4S und ein Samsung Galaxy S2). Das umsteigen in die U-Bahn läuft ab wie immer, wäre wohl auch zu gefährlich, wenn ich dabei nur mein geliebtes Note vor den Augen hätte, doch die Wartezeit auf dem Bahnsteig zieht sich gewaltig in die Länge. Die Ablenkung fehlt einfach. Die Zeit zwischen den Stationen kommt mir genauso länger vor, wie ich der Meinung bin, dass die U-Bahn einen Umweg fährt, erscheinen mir einige davon doch so relativ unbekannt. Auch hier starrt übrigens gut ein Viertel der Fahrgäste auf das Handy-Display. Ich gehöre heute nicht dazu.

Sozial abgeschnitten

Interessanterweise scheint die S-Bahn der Ort der Kommunikation zu sein. Die einen unterhalten sich, die anderen telefonieren oder tippen Nachrichten in ihr Smartphone. Hier fällt mir dann auf, dass mein Freund aus Wien heute gar nicht „Guten Morgen“ in GTalk sagen kann. Zumindest bekomme ich es nicht mit, mein Liebling liegt nämlich zu Hause auf dem Tisch und antwortet ihm nicht. Überhaupt merke ich gerade, wie viel meiner Kommunikation über das Smartphone abläuft. Nicht unbedingt telefonisch, da bin ich der Liebling aller Flatrate-Anbieter, sondern über die diversen Messenger wie GTalk, Skype, WhatsApp oder Google+. Auch sozial fühle ich mich nun ein klein wenig einsam. Irgendwie fehlen mir die Tweets und der Stream von G+. Ich erfahre nicht, dass Dennis gerade auf Arbeit angekommen ist oder dass Sven eine Einladung von Samsung nach New York bekommen hat. Oder, was immens wichtiger ist, welche S-Bahn gerade mal wieder ausgefallen ist. @SBahnBerlin bleibt heute für mich stumm. Ich gehöre bei weitem nicht zu denjenigen, die der Welt mitteilen müssen, ob ihr Stuhlgang heute regelmäßig ist, aber ich „unterhalte“ mich doch ganz gerne über diese sozialen Netzwerke. Dies wird mir bis zur Mittagspause, in der wir auch privat mal ins Internet dürfen, sehr fehlen.

An der Arbeitsstelle pünktlich angekommen, die S-Bahn ist also nicht ausgefallen, beginnt mein soziales Leben wieder. Man spricht mit Kollegen, telefoniert mit Kunden und arbeitet sein Pensum ab. Aber irgendwie ist es nicht das Gleiche. Hätte ich jetzt mein Note dabei, würde ich beim Kaffee holen oder einer geschäftlichen... äh... „Besprechung“ mal eben die Timeline checken, Fragen im Messenger beantworten oder auch den einen oder anderen Artikel querlesen. Doch all dieses fällt im Moment flach. Mein Gott, ich fühle mich so uninformiert.

Es gibt Nachholbedarf

In der Mittagspause versuche ich alles nachzuholen. Beantworte das „Moin Moin“ meines Freundes aus Wien, lese die E-Mail-Benachrichtigungen aus dem GIGA-Forum und rausche sowohl durch die Timeline von Twitter als auch durch den Stream von Google+. Das alles in 30 Minuten und fast vergesse ich sogar das Essen. Wollte ich nicht heute zur Baumarkt-Neueröffnung nebenan? Egal. Nun ist die Pause vorbei und ich bin wieder von der Außenwelt abgeschnitten, zumindest dem Gefühl nach.

Es beginnt der Endspurt Richtung Feierabend und nun weiß ich wenigstens, was ich auf der Heimfahrt mache. Ich schnappe mir einen Stapel Schmierpapier und einen Kugelschreiber (selbstverständlich nur leihweise) und packe alles in meine Tasche, um diesen Text vorab zu schreiben. So etwas mache ich sogar öfters, allerdings dann mit meinem Smartphone und Google Drive. Da habe ich den Vorteil, dass ich am Ende nicht alles abtippen muss. Außerdem habe ich, wie ihr auf dem Foto sehen könnt, eine dermaßen Sauklaue, dass selbst ich Probleme haben werde, das Ganze wieder zu entziffern.

Die Heimfahrt ist dann kürzer

Der Feierabend ist da, ich sitze in der Tram (Straßenbahn für Nicht-Berliner) und beginne mit dem schreiben. Gar nicht so einfach, muss man doch die Beschleunigungs- und Bremskräfte beim schreiben ausgleichen. Irgendwie ist tippen da einfacher, vor allem wegen der Wortersetzung von SwiftKey, die mir einiges an Arbeit abnimmt.

Immer wieder schweift mein Blick durch die Bahnen (ich fahre Tram, S-Bahn und U-Bahn auf dem Weg nach Hause) und ich komme mir so 80er vor. Auf der anderen Seite lasse ich mich auch nicht so einfach ablenken, nur weil mein Freund aus Wien gerade ebenfalls auf dem Heimweg ist und mich in GTalk anschreibt. Im Grunde ist es wahrscheinlich gar keine schlechte Idee, einen Smartphonefreien Tag in meinem Leben einzuführen. Immerhin hat es mich auf diesen Blog gebracht und mir die Zeit gegeben, meinen Gedanken ohne Ablenkung nachzugehen. Schließlich hatte ich bis vor drei Jahren auch nur ein sogenanntes Featurephone, mit dem ich allenfalls eine SMS schreiben konnte und das habe ich auch überlebt. Vielleicht kaufe ich mir auch mal wieder eines dieser Dinger, die aus zusammengeklebten und bedruckten Seiten bestehen. Wie hießen die nochmal? Ach ja, Bücher...

Ende gut alles gut

Nun bin ich endlich angekommen und habe mein geliebtes Samsung Galaxy Note wieder in die Arme geschlossen. Nebenbei habe ich einen Rekord aufgestellt: Der Akku ist noch zu 68 % voll, sonst sind es 8 % und der Messenger von Google+ zeigt mir 245 ungelesene Nachrichten an. Diese werde ich jetzt mal in Ruhe nachlesen und mir für morgen einen Zettel an den Spiegel kleben: NICHT DAS HANDY VERGESSEN! In diesem Sinne: Gute Nacht.

Bildquelle: Steedscomputers.com

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