Android-Fragmentierung: Hört auf zu jammern! [Kommentar]

Frank Ritter
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In den vergangenen Tagen erreichten uns gleich zwei Wortmeldungen, die Android bescheinigten, hoffnungslos fragmentiert zu sein – was iOS-Fanboys in aller Welt zum Feixen bringt. Fragmentierung auf Basis von Versionsnummern zu vergleichen ist allerdings selten dämlich und verkennt die reale Situation völlig. Denn de facto hat Google einiges getan und ist in mancher Hinsicht sogar deutlich besser als Apple, was Updates angeht.

Android-Fragmentierung: Hört auf zu jammern! [Kommentar]

Fragmentierung ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit mobilen Betriebssystemen mit allerlei Bedeutungen aufgeladen ist. Deswegen sei eingangs erklärt, was in diesem Artikel mit dem Wort Fragmentierung nicht gemeint ist: Außen vor bleiben, zumindest größtenteils, Hersteller-Anpassungen, Geräte- und Hardwarekonfigurationen, Formfaktoren, Ökosysteme und Mobilfunkanbieter. Hier geht es vorrangig um die Verteilung einzelner Betriebssystem-Versionen.

Das Twitter-Motto von @krfraj lautet „iTest. iDevelop.“ In seinem Blog Fidlee.com beschäftigt er sich mit der Großartigkeit von Apple-Produkten und den Unzulänglichkeiten von Android-Geräten gleichermaßen. In einem zwei Wochen alten Beitrag vergleicht er die Support-Spannen der letzten iPhones mit denen einiger Android-Geräte, anhand von Major-OS-Versions, sprich: größeren Versionssprüngen.

Fiddlee.com: Android History of Support

Im iBereich ist also alles prima, die Android-Geräte verrotten auf alten Betriebssystem-Versionen.

Das US-Wirtschaftsmagazin Fortune komm in einer Untersuchung zu vergleichbaren Ergebnissen: Während die Android-Versionsverteilung (auf Basis der offiziellen Zahlen von Google) zwar suggerieren, dass neueste Versionen wachsende Verbreitung finden, ist die Rate, mit der iOS-Nutzer auf das neueste Betriebssystem aktualisieren (Datenbasis ist Chitika, ein Unternehmen für Online-Werbung), sehr viel höher. Nach dem Release von iOS 7 im August 2013 sind nun, im Dezember, nunmehr rund drei Viertel aller iPhone-Nutzer mit der neuesten Version des Betriebssystems ausgestattet.

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Ohne genauer hinzuschauen, ist der Fall klar: Wenn Apple eine neue Version von iOS herausbringt, sind innerhalb kürzester Zeit ein Großteil der iPod Touches, iPads und iPhones mit der neuesten Betriebssystem-Version versorgt. Bei Android sieht es völlig anders aus: Wenn Google eine neue Android-Iteration offiziell macht, vergehen Monate, mitunter Jahre, bis eine signifikante Menge an Nutzern auf dieser Version unterwegs sind. Selbst Top-Geräte hinken in Sachen Update-Versorgung oftmals eine oder mehr Versionen hinterher. Für Entwickler von Apps ist das eine Katastrophe, genauso wie für Nutzer, die auf älteren und nicht mehr gegen aktuelle Sicherheitslücken geschützten Android-Versionen unterwegs sind.

So geht die Litanei und schon seit Jahren. Aber ist das wirklich so?

Wir wagen, zu widersprechen. Tatsächlich ist Android ein Betriebssystem, das in mancher Hinsicht besser aktualisiert wird als iOS. Weshalb das so ist, und warum die ewige Nörgelei über Android-Fragmentierung endlich einmal aufhören darf, wollen wir im Folgenden näher betrachten.

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Update ist nicht gleich Update

Android 4.0 war eine Revolution, 4.1 in kleinerem Rahmen, 4.2, 4.3 und 4.4 brachten aber überwiegend Detailverbesserungen. Klare Sache: Versionsnummern geben keine Auskunft über das Featureset eines Updates, das wird in solchen Vergleichen wie den oben genannten gerne außen vor gelassen. Apple brüstet sich bei neuen Updates zwar gerne damit, mehrere hundert neue Funktionen integriert zu haben; dass viele davon unwichtiger Natur, etwa „Siri spricht jetzt japanisch“ oder Erweiterungen von System-Apps sind (dazu gleich mehr), wird gerne außen vor gelassen. Klar, auch unter Android gibt es Fälle, bei denen eine neue Major-Version nur wenige neue Features gebracht hat. Aber Google bringt auch pro Jahr durchschnittlich zwei große Android-Updates heraus, Apple nur eine. So oder so gilt, dass man Versionsschritte und deren Featureumfang nicht anhand einer einzelnen Nummer vergleichen kann – das ist unredlich und wird der Komplexität des untersuchten Themas nicht gerecht.

iOS und Android-Updates unterscheiden sich

Eines der wesentlichen Inhalte von großen iOS-Updates sind aktualisierte System-Apps. Hier wird Siri erweitert, da kann die Tastatur etwas Neues, da hat der Browser eine neue JavaScript-Engine und dort unterstützt der Mail-Client ein neues Protokoll.

Google hat hingegen in den vergangenen 2 Jahren einen Prozess in Gang gesetzt, dank dem immer mehr Apps losgelöst sind vom Betriebssystem und über den Play Store aktualisiert werden. Das bedeutet, dass praktisch im Wochentakt neue Funktionen für Google Maps, Gmail, den Chrome-Browser, den Kalender, die Google-Tastatur, die kombinierte SMS/Messaging-App Hangouts, den Sprachassistenten Google Now, Google+ mitsamt der neuen Galerie oder andere mitgelieferte Anwendungen für Android ausgerollt werden – meist sogar auf Geräte, die seit zwei Jahren kein Betriebssystem-Update erhalten haben. Apple-Nutzer müssen für solche Goodies beinahe immer auf ein OS-Update warten. Auch in puncto Sicherheit ist das Android-Modell das bessere: Wenn etwa der Chrome-Browser eine Sicherheitslücke aufweist, hat Google seinen Fix mutmaßlich schneller ausgerollt als Apple mit Safari.

Androids Geheimwaffe: die Google Play Services

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Daneben nimmt Google mittlerweile viele Plattform-Updates, für die früher eine neue Betriebssystemversion notwendig gewesen wäre, über die Google Play Services vor – automatisch im Hintergrund und ohne, dass der Nutzer davon etwas merkt. Neben sicherheitsrelevanten Funktionen wie dem Überprüfungsmechanismus für manuell per APK installierte Apps sind das untere anderem eine neue stromsparende Ortungs-API, das Gaming-Framework Play Game Services und der Android-Gerätemanager zum Orten verlorener Smartphones.

Sowohl in Bezug auf die „outgesourcten“ Apps als auch die Google Play Services hat Google einen cleveren Weg gefunden, sein Android-Betriebssystem zu aktualisieren, ohne klassische Updates zu verteilen und sich auf die chronisch unzuverlässigen Dritthersteller von Android-Geräten verlassen zu müssen.

Auch Apple-Geräte sind fragmentiert

Ja, auch auf älteren iDevices läuft iOS 7. Wie gut, sei mal dahingestellt – auf einem iPad mini zum Beispiel nicht allzu rund. Das Betriebssystem umfasst aber eben auch nicht den vollen Funktionsumfang wie auf neueren Geräten, so fehlen etwa Siri, AirDrop und diverse Kamera-Filter. Dies sollte in einer vergleichenden Betrachtung nicht außen vor gelassen werden.

Es hat überdies seine Gründe, dass es immer noch kein Android 5.0 gibt. Seit dem im Herbst 2011 veröffentlichten und durchaus revolutionären Android 4.0 Ice Cream Sandwich hat Google sein OS viermal mit einem größeren Versionssprung versehen, die als Ganzes gesehen durchaus das gesamte System noch einmal stark umgekrempelt und erweitert haben, vor allem in puncto Performance, neuer APIs und Komfortfunktionen. Trotzdem kann man nutzerseitig auch heute noch selbst mit einem Android 4.0-Gerät gut arbeiten. Noch wichtiger: Entwickler können in vielen Anwendungsfällen mittlerweile mit geringen oder völlig ohne Kompatibilitätsanpassungen Apps entwickeln, die auf einem Großteil der verbreiteten Geräte laufen – der Stern des über Jahre hinweg dominanten Android 2.3 Gingerbread sinkt nämlich endlich, laut den jüngsten Zahlen von Anfang Dezember ist Android 4.x auf 74,2 Prozent aller aktiven Geräte installiert.

Auf der anderen Seite bedeutet die hohe Verbreitung von iOS 7 noch lange nicht, dass Entwickler für Apple-Geräte nicht auch mit Fragmentierung zu kämpfen hätten. Denn weil iOS im Gegensatz zu Android keine responsive App-Entwicklung unterstützt, muss man als iOS-Entwickler idealerweise eigene App-Layouts für jede Bildschirmauflösung entwerfen: iPhone 3GS (480 x 320), Retina-iPhone (960 x 640), iPhone 5+ (1136 x 640), iPad 2/mini (1024 x 768), iPad 3+/mini Retina (2048 x 1536).

Wahlfreiheit

Oben haben wir geschildert, wie Google dank vom Betriebssystem entkoppelter Apps und Google Play Services die unzweifelhaft bestehenden Probleme mit der Update-Versorgung bei Drittherstellern an- und umgeht. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Google diesen Weg weiter geht und vertieft.

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Wer nun aber trotzdem Wert darauf legt, dass ein frisches Android auf seinem Gerät installiert ist, der kann sich immer noch ein Nexus-Device kaufen (auch wenn das Galaxy Nexus eine unrühmliche Ausnahme ist). Oder eine Google Play Edition. Oder ein Custom ROM wie die CyanogenMod flashen. Enthusiasten haben im Android-Ökosystem alle Möglichkeiten, up-to-date zu bleiben. Wer bei der Gerätewahl auf andere Dinge Wert legt, kann immerhin mit aktuellen Apps glücklich werden.

Fazit

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass es natürlich weiterhin ärgerlich ist, wenn Samsung, HTC, Sony und Co. ihre Geräte nicht zeitnah aktualisieren. Trotzdem sind das Ausmaß und die Auswirkungen dieser Tatsache bedeutend geringer als etwa noch vor zwei Jahren. Google hat die richtigen Schritte gegen die Fragmentierungs-Problematik ergriffen, und langsam greifen sie. Auch als eiserner iOS-Anhänger darf man das anerkennen.

Wie fragmentiert ist Android aus eurer Sicht? Eure Meinungen in die Kommentare.

Quellen: Chitika, Fidlee [teils via Android Community, Fortune, Phone Arena]

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