Anime-Review “Gargantia”: Wenn Waterworld auf Evangelion trifft

In meinem Vorstellungs-Post zum Backblog habe ich euch bereits versprochen, dass auch Filme und Serien hier ihr Zuhause finden werden. Dazu gehören selbstverständlich auch Animes. Nachdem ich an mehreren Stellen gehört und gelesen habe, wie gut das neue Anime “Gargantia on the Verdurous Planet“ (Original: Suisei no Garugantia, wörtlich übersetzt “Gargantia des grünen Sterns“) sein soll, habe ich mir die 13 Episoden zu Gemüte geführt und lasse euch nun wissen, warum auch ihr “Gargantia“ nicht verpassen solltet.

Anime-Review “Gargantia”: Wenn Waterworld auf Evangelion trifft

Die ersten 15 Minuten lassen ein actionlastiges Sci-Fi-Epos voller Aliens, Mechs und Laserwaffen erwarten. “Gargantia“ wirft mit völlig unbekannter Terminologie nur so um sich: “Startet den Telemocy Swing!“ “Greift die Hideauze an!“ “Aktiviert den Klauserpass!“ “Feuert den Dimenström ab!“ Währenddessen kämpfen Raumschiffe und Mechs gegen Tentakelwesen so groß wie Planeten, überall werden Waffen abgefeuert, von denen man keine Ahnung hat, was sie eigentlich tun.

Glücklicherweise lockt uns “Gargantia“ mit dieser Intro-Sequenz jedoch auf eine völlig falsche Fährte. Am Ende des Kampfes der Menschen gegen die Hideauze-Aliens wird der jugendliche Hauptcharakter Ledo mit seinem Kampf-Mech Chamber ausgeknockt, driftet sechs Monate lang durchs Weltall und wacht schließlich in einer völlig neuen Welt auf.
Ledo findet sich auf der Erde wieder, von der er bisher nur in Legenden gehört hat und dachte, sie wäre nur noch ein riesiger Eisklotz. Vor Tausenden von Jahren hat ein Großteil der Menschheit den Planeten im Angesicht einer neuen Eiszeit verlassen und schließlich vergessen. Mittlerweile ist das Eis jedoch geschmolzen und eine neue menschliche Zivilisation ist entstanden, die auf dem komplett mit Wasser bedeckten Planeten auf riesigen Schiffen lebt.

Worauf die Geschichte hinauslaufen wird, ist schon von Anfang an klar: Der technisch fortgeschrittene Ledo trifft auf ein Volk, das im Einklang mit der Natur lebt, will ihm zunächst dank militärischer Überlegenheit seinen Willen aufzwingen und erkennt schließlich die Vorteile des friedlichen Zusammenlebens. Die Geschichte hat man mit “Pocahontas“ “Der mit dem Wolf tanzt“, “Avatar“ und zahllosen anderen Filmen schon oft genug erzählt bekommen. “Gargantia“ schafft es jedoch, sie dank des frischen Szenarios erneut interessant werden zu lassen.

“Gargantia“ stellt eine einzigartige Mischung aus “Waterworld“ und “Evangelion“ dar und treibt das erwähnte Story-Konzept auf die Spitze. In Ledos Zivlisation wird jeder Mensch, der nicht in der Lage ist, zu kämpfen, getötet. Das Recht, private Besitztümer zu haben und ein eigenes Leben zu führen wird erst nach vielen Jahren der Kriegsführung gewährt. Ledo kennt nichts außer den Krieg gegen die “Hideauze“.
Nach Ledos Bruchlandung auf dem Schiffskomplex Gargantia erzählt der Anime lange Zeit keine wirklich zusammenhängende Geschichte. Stattdessen zeigt er, wie die Bewohner der Erde auf die plötzliche Ankunft dieses Mannes mit seinem übermächtigen Weltraum-Roboter reagieren und wie eine solche Massenvernichtungswaffe die soziale Balance schnell völlig über den Haufen wirft. Besitzansprüche werden geltend gemacht, andere Schiffskomplexe sehen die Gargantia plötzlich als Bedrohung an. Währenddessen versucht Ledo diese für ihn völlig neuartige Zivilisation zu verstehen und Kontakt mit seinen Befehlshabern aufzunehmen.

Dass “Gargantia“ bis zum Finale der Serie keine konkrete Geschichte erzählt, sondern sich vielmehr darauf konzentriert, Themen zu behandeln, das Serien-Universum aufzubauen und die Charaktere wachsen zu lassen, ist eine sehr willkommene Abwechslung – vor allen Dingen, weil die ersten Minuten ein so traditionelles Sci-Fi-Anime erwarten lassen. Stattdessen werden Themen wie soziale Verantwortung, Tod, Religion und militärische Abschreckung überraschend nüchtern und ernst behandelt.

Leider Gottes tappt die Serie jedoch in eine ganz andere Anime-Falle: Fan-Service. So, so viel Fan-Service. Es wird viel Zeit damit verbracht, die weiblichen Charaktere aufzubauen und zu charakterisieren. Tatsächlich sitzen viele von ihnen in Führungspositionen und tragen Verantwortung. Die jugendliche Amy ist die erste Person, die auf Ledo zukommt, statt ihn mit Misstrauen zu behandeln und wird als selbstständige, kluge Frau etabliert.

All die Charakter-Entwicklung wurde jedoch ad absurdum geführt , als man sich in der Mitte der Serie dazu entschied, zwei Folgen lang nichts als Fan-Service zu bieten. In einer Strand-Folge darf jeder weibliche Charakter einmal die meist eh schon sehr, sehr knappen Klamotten ausziehen und möglichst viel Sideboob zeigen – egal, ob es sich um die leitende Kommandeurin des Schiffes oder die geschätzt 15-jährige Amy handelt. Ein paar homophobe Witze dürfen anscheinend ebenfalls nicht fehlen: Ledo darf panisch vor einer Gruppe Transvestiten weglaufen, während sie ihm so unfassbar lustige Sätze wie “Dein Hintern ist einfach perfekt!“ hinterherrufen und ihn anscheinend gewaltsam in die Finger bekommen wollen.. In der Folge darauf dürfen wir Amy und ihren Freundinnen dabei zugucken, wie sie für ein Festival halbnackt auf einer Bühne tanzen, während die Kamera mehr Brüste und Hintern als Gesichter zeigt.

Selbst wenn die Frauen Klamotten tragen, sind das meist nur Miniröcke, damit die Kamera immer und immer wieder langsam und genüsslich an Beinen und Hintern entlangfahren kann. Während die Männer, abgesehen von Hauptcharakter Ledo, recht realistisch gezeichnet wurden – mal hässlich, mal dick, mal dürr sind – sieht absolut jede Frau wie perfektes Hentai-Material aus. Das wird durch die Piratin Lukkage auf die Spitze getrieben, deren Brüste doppelt so groß wie ihr Kopf sind und die ständig zwei kaum bekleidete Sex-Sklavinnen mit sich führt.

Die sehr interessante Welt, wunderschönen Animationen und zum Ende hin immer konkreter und spannender werdende Geschichte leiden zwar unter dieser Objektifizierung der Frauen, konnten mich jedoch trotzdem fesseln. Ein ziemlich erschreckender Twist stellt die Geschichte zudem im letzten Drittel komplett auf den Kopf und lässt die Charaktere viele neue, interessante Fragen stellen.

“Gargantia on the Verdurous Planet“ ist trotz seiner offensichtlichen Schwächen ein interessanter, unglaublich toll gezeichneter Anime, der es schafft, eine neuartige, spannende Welt größtenteils ohne Action aufzubauen. Die ruhige Erzählweise mag nicht für jeden etwas sein – wer sich darauf einlässt, entdeckt jedoch eine überraschend tiefsinnige Geschichte, die in der Mitte der Serie jedoch leider von Fan-Service etwas untergraben wird.

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