Zukunft der Zeitungs-Apps: Klickibunti oder Klartext

Matthias Schleif
8

App der New York Times
Dass ein und derselbe Leser je nach Plattform unterschiedliche Erwartungen an seine Zeitung hat, lässt sich kaum logisch herleiten, geschweige denn belegen. Dennoch ist der Unterschied zwischen einer gedruckten Tageszeitung und ihrer Online-Ausgabe in der Regel riesengroß, weil statt Leser gewonnen Klicks generiert werden müssen.

Während die meisten grossen Zeitungen auf ihrer Website versuchen, möglichst viele Inhalte auf einen Blick sichtbar zu machen, konzentriert man sich beim Print auf einen Aufmacher und einige wenige Themen auf der Titelseite. Geschuldet ist dieses Design natürlich der Werbeindustrie, die nach Anzahl der generierten Page Impressions (Seitenaufrufe) bezahlt. Weder die journalistische Qualität, noch die Frage, wie lange denn der einzelne Leser auf der Seite war, spielen eine Rolle. Aber das könnte sich bald ändern.

Auch die Verlage sind ja an einer weiteren Verbreitung ihrer Erzeugnisse interessiert und prüfen regelmässig, über welche Kanäle wieviel Leser gewonnen werden konnten. Dies macht in Deutschland zum Beispiel die ivw (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.), welche justament die Anpassung ihrer Messgrößen angekündigt hat. Die reinen PageImpressions sind zwar noch immer entscheidend, werden aber bereits mit einer “Visits”-Statistik (Besuche) ergänzt, die mit größerer Wahrscheinlichkeit auf “echte Leser” schließen lässt.

Nutzer der Bild-Apps

Während sich hierzulande die Verlage (auch auf telefonische Nachfrage) mit Aussagen über die Nutzerzahlen und deren Verhalten schwer zurückhalten, hat die meistge-appte US-Zeitung “New York Times” sich in einem eigenen Artikel ausführlich mit dem Nutzerverhalten beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen, daß ihre Leser die Zeitung hauptsächlich kaufen, um zu lesen! Unabhängig vom Vertriebskanal. Das viele schöne Drumherum, das Design und die Werbebanner werden häufig nur als lästige Zugabe empfunden, weiterführende Links zu passenden Informationen dagegen vorausgesetzt. Dass eine reine Textseite zu unspektakulär aussieht, als dass sie sich am Online-Markt durchsetzt, mag eine Befürchtung sein. Der Umstand jedoch, dafür auf Werbeplätze und -einnahmen verzichten zu müssen, wiegt weit schwerer, denn dann muss ein anderes Finanzierungsmodell her.

Einer anderen Studie zufolge seien Leser im Schnitt bereit, zwei bis drei Euro monatlich für eine gute, werbefreie Zeitungs-App auszugeben, was ja einem alternativen Finanzierungsmodell entspricht. Für Qualitätsjournalismus könne man auch bis zu 4,- oder 4,50 Euro fünfzig verlangen, darüber hinaus würden die Kunden das aber als “zu teuer” empfinden. Ob sich für dieses Geld die Ansprüche realisieren lassen, ist noch fraglich, aber die meisten Waren sind ja etwas teurer als der Kunde sich das wünscht.

Bei wöchentlichen oder monatlichen Magazinen mag es etwas anders aussehen, da deren Leser unter Umständen viele bunte Bilder, Videos und Werbeangebote erwarten. Dennoch lässt der Abgleich mit dem wahren Leben vermuten, dass es am Ende zu einer Mischform kommen wird, wie sie jetzt schon in den Zeitungen existiert: Weniger oder etwas abseits platzierte Werbung hält die Zeitungs(-App) günstig. Dadurch, dass sich das Medium nicht vollkommen aus Werbung finanzieren muss, können dann auch Anzeigen zu angemessenen Preisen angeboten werden. So hätten dann wohl alle was davon.

Neue Artikel von GIGA SOFTWARE

GIGA Marktplatz