Webcam-Spion geht für 10 Jahre in den Knast

Matthias Schleif
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Schuldig in allen Punkten der Anklage, so lautete am Ende das Urteil für den bemitleidenswerten Dharun Ravi, den 20jährigen, srilankinischen Studenten von der Rutgers University in New Jersey, USA, der mit einem kleinen Softwaretool die Webcam seiner Mitbewohner ausgespäht hatte. Das an sich hätte man ja noch als “dummen Jungen-Streich ” durchgehen lassen können, doch die Geschichte hat sich leider dermaßen dumm entwickelt, dass die Bezeichnung “Hollywood-Justiz“, die einige Kommentatoren den Vorgängen gegeben haben, sich am Ende vielleicht noch bewahrheiten und den Täter reich machen könnte. Denn filmreif ist die Story allemal:

Webcam-Spion geht für 10 Jahre in den Knast

Sicher, die juristische Bewertung darüber, dass jemand mit einem Dietrich (Malware/Virus) in ein Haus einbricht und unerlaubt und heimlich Fotos schießt und diese auch noch veröffentlicht und darüber ablästert, fällt leicht: das ist schlicht verboten, ist eine Verletzung der Intimsphäre beziehungsweise der Würde des Opfers und üble Nachrede ist es auch. Doch wäre es nur dies, was dem Täter zur Last gelegt wird, er hätte wohl nur 5 Jahre Höchststrafe zu erwarten gehabt, doch wegen der “besonderen Schwere” und der “homophoben Motivation” dahinter drohen ihm nun sogar 10 Jahre, also mal eben das Doppelte. Dass ihm zusätzlich eine Abschiebung in seine alte Heimat droht, mal ganz außer Acht gelassen.

Es wäre ja auch alles nicht so schlimm gewesen, hätte der betroffene Ge-Disste sich nicht gleich die George Washington-Bridge hinunter gestürzt. Da dies wohl relativ kurz nach der Veröffentlichung eines Tweets von Dharun passierte, in dem er sich über das rein männliche Schäferstündchen dieses Mitbewohners, den 18jährigen Tyler Clementi, das er ja über die Webcam sehen konnte, lustig gemacht hatte, wurde ihm im Prozess “schwulenfeindliche” Motivation unterstellt, wenngleich der Zusammenhang zwischen dem Tweet und dem Selbstmord selbst wohl nicht weiter in Frage gestellt wurde.

Aus diesem Tweet lasen die Richter und Geschworenen jedenfalls eine besondere Niedertracht der Absichten heraus. Doch genau das darf wohl bezweifelt werden, denn offensichtlich hatte Dharun bereits selbst gemerkt, dass er wohl einen Schritt zu weit gegangen war. Dementsprechend hat er sich hingesetzt und eine E-Mail mit einer anständigen Entschuldigung geschrieben, von der jedoch nicht klar ist, ob Tyler sie vor seinem Freitod überhaupt gelesen hatte. Daran, dass dieses Schreiben vor Gericht praktisch keine entlastende Wirkung mehr hatte, sieht man wohl, wie wichtig den Beteiligten das Gesinnungsurteil war.

Auch in Deutschland ist die Absicht nicht unentscheidend und niederträchtig handelnde Täter werden auch hierzulande schwerer bestraft, als fahrlässig handelnde. Die Betonung liegt jedoch auf “handelnde”, denn die Niedertracht der Absicht muss schon auch in der Tat selbst (z.B. Überfall von hinten) oder am gewünschten Ergebnis (Zuteilung der Lebensversicherungssumme) erkennbar sein, was eben auch bedeutet, anhand von Fakten zu urteilen. Die Veröffentlichung privater Details andrer Leute kann man wohl auch als niederträchtig bezeichnen, hat aber nichts mit der sexuellen Ausrichtung des Opfers zu tun, ist also nicht zwingend “schwulen-feindlich” motiviert.

Doch was die US-Justiz da abzieht grenzt wirklich an eine Posse: gewissermassen durch die Hintertür führen sie die “Gesinnungs-Polizei” wieder ein, denn es wird ein Urteil aufgrund der “vermeintlichen” Absichten des Täters gefällt. Er hätte sozsagen “unbedingt einen Schwulen schädigen” wollen, doch genau das geben die Fakten eigentlich gar nicht her. Dass das für ihn entlastende Schreiben da keine weitere Beachtung findet, ist eine Schande für das Gericht und hinterlässt zusätzlich den schalen Beigeschmack, das Gesinnungsurteil sei genau das Ziel gewesen.

Ich will hier nichts klein schreiben; mit Sicherheit hat Dharun eine Strafe verdient, denn ein solcher Übergriff geht einfach zu weit. Die US-Justiz, die den jungen Mann wegen seiner Intoleranz gegenüber den Homos abstraft, aber auch. Wegen seiner “homophoben Motivation” wurde die Strafe wie erwähnt verdoppelt, ohne dies in den Taten eindeutig ablesen zu können. Man hat seinen Beteuerungen einfach “nicht geglaubt”, sondern ihm weiter die “falschen Gedanken” unterstellt. Dass einem da in Zukunft auch noch weniger “Übeltäter” entgehen hat man wohl auch gleich noch eine neues Abhörzentrum eingerichtet.

Wir rechnen mit einem Release des Kinofilms “The Tyler Clemeti-Story” Anfang 2014. Eine open-end-Story, die mit folgendem Satz enden könnte: “Denn wenn Toleranz das höchste Gut ist, dann muss man auch so tolerant sein, den Intoleranten tolerieren zu können.”

Weitere Themen: O&O ShutUp10, W10Privacy, Win10 SpyStop

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