Review - Mirrors Edge

Leserbeitrag
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Abseits des üblichen Baller-Einerleis versuchen die Schöpfer der Battlefield-Reihe einem ganz anderen Genre frischen Atem einzuhauchen: dem des Jump ’n’ Runs. In Mirror’s Edge beobachtet man das Geschehen nicht von der Seite oder über die Schulter der Hauptfigur, sondern direkt durch die Augen der Protagonistin Faith. Wie sich Frust und Freude die Waage halten, erzähle ich euch in meinem Review von diesem ungewöhnlichen Spiel.

Kaum ein Spielerlebnis könnte widersprüchlicher sein als jenes, das ich beim Spielen von Mirror’s Edge erfahren habe. Am Anfang noch stolperte ich unbeholfen durch die Areale und legte nach jedem zweiten Sprung eine fette Bruchlandung hin, von Wandläufen ganz zu schweigen. Gefühlte tausend Versuche brauchte es, allein um den Weg zu finden. Der Druck auf den Orientierungsknopf, der einen immer direkt in Richtung Ziel dreht, hilft auch nicht viel. Denn zwischen dem eigenen Standort und dem Ziel liegen oft mehrere dutzend Meter Abgrund, und so weit kann Faith auch beim besten Anlauf nicht springen.

Also gilt es, einen möglichst direkten Weg zu finden, der sich die meiste Zeit tatsächlich als ziemlicher Umweg herausstellt, selbst wenn man den rot markierten Orientierungshilfen folgt. Im Spiel ist nämlich eine Runner’s Vision genannte Hilfe integriert, die hilfreiche Objekte rot hervorhebt. Das kann dann eine Sprungschanze sein oder eine Tür, auf jeden Fall etwas, was euch in dieser chaotischen Welt weiterbringt.Dennoch: Die Welt von Mirror’s Edge ist extrem steril. Weisse Wolkenkratzer und Betonböden, Glas, Stahl, ab und zu bunt gestrichene Wände, rote Türen, blaue Wasserleitungen, die meiste Zeit greller Sonnenschein und dominierende Primärfarben – mit der Düsternis und den matschigen Farben der meisten aktuellen Spiele hat Faiths Rennerei sehr wenig gemein. Geradlinig geschnitten und modern wirkt alles, auch wenn man sich in diesem Grossstadtdschungel anfangs ein bisschen verloren wähnt.

Über diese Verlorenheit helfen dann Mut zum Experimentieren und die Runner’s Vision, welche sich auf Wunsch auch abschalten lässt, hinweg. Also folgt man der offensichtlichen Strecke, welche allerdings oft nicht die kürzeste ist, aber das merkt man als Anfänger überhaupt nicht. Man ist viel mehr zu sehr erleichtert, überhaupt die Steuerung einigermassen im Griff zu haben. Von Eleganz ist aber nichts zu spüren. Stolpern hier, Stolpern dort, mal auf die Fresse fliegen, mal den Absprung verpassen und stetiges Neuladen. Dauert zwar nicht lange, das Laden, aber wenn man schneller vom Wolkenkratzer hüpft, als einem lieb ist, und vor allem schneller, als geladen wird, dann kann das schon zu einer durchgehenden Frustration führen.Und irgendwann kommt dann der Wendepunkt. Es lässt sich nicht ganz leicht beschreiben, aber man beginnt die Sprache der Umgebung zu verstehen, hüpft an der Wand hoch, anstatt die Treppe zu nehmen, und stösst sich von eben jener Wand ab, um dann einen Gegner mit einem beherzten Tritt ins Gesicht ausser Gefecht zu setzen. Alles in einer Bewegung, und selten ist Zeit, die Ergebnisse der eigenen Aktionen zu bewundern oder kurz zu verschnaufen, immer geht es direkt weiter. Stehenbleiben heisst sterben, vor allem, wenn man ständig von Polizei und Hubschraubern verfolgt wird und vor allen Dingen nie mit Schusswaffen ausgestattet ist. Diese lassen sich zwar von Sicherheitsleuten abknöpfen, behindern aber letztendlich nur bei der Bewegung. Wenn man will, kann man alle Gegner kurzerhand erschiessen, es ist sogar nicht so schwer, wie man glauben sollte – aber es fühlt sich im Kontext dieses Spiels einfach falsch an. Nicht etwa brutal oder unmenschlich, sondern einfach unelegant. Mit dieser Engine, mit diesem Spielprinzip könnte man sich sehr gut ein Matrix-Spiel vorstellen. Oder eins mit Batman. Dieser tötet ja auch aus Prinzip keine Verbrecher. Worum geht es eigendlich in Mirror’s Edge?

Also, kurz gefasst: In einer futuristisch angehauchten, an Shanghai erinnernden Grossstadt greift der Überwachungswahn eines totalitären Regimes immer mehr um sich und eine unbeobachtete Kommunikation ist unmöglich. Das ruft die Runner auf den Plan, welche Botschaften übermitteln, indem sie über die Dächer rennen, mit einer Kuriertasche über der Schulter. Eine dieser Runner ist auch Hauptdarstellerin Faith, welche eines Tages Geheimnisse aufdeckt, die sie lieber nicht aufgedeckt hätte, und nun von Staatsmächten verfolgt wird. Zu viel sollte an dieser Stelle nicht verraten werden, nur, dass Mirror’s Edge als Trilogie konzipiert ist und somit ein Cliffhanger-Ende auf euch wartet. Aber auch weitere Teile und vielleicht ein weiter verbessertes Spielprinzip.

Grafisch bietet Faiths Abenteuer eine sehr schlichte, aber effektive und verhältnismässig realistische Darstellung, welche aber niemals primitiv wirkt. Überall sind kleine Details versteckt, Tauben fliegen auf, wenn man über die Dächer rennt und ihnen zu nahe kommt, die Sichtweite ist hervorragend und wird nie durch Nebel oder dergleichen gestört. Anzukreiden wäre den Entwicklern lediglich, dass nirgends Passanten oder Büroarbeiter zu sehen sind – selbst wenn man nur einmal über einen Hausmeister stolpern würde, wäre das schon eine extreme Belebung der Umgebung, welche ansonsten einfach nur öde wirkt. Aber in Anbetracht des ansonsten fantastisch umgesetzten Spielprinzips lässt sich das locker verschmerzen.Die wirkliche Langzeitmotivation des Spiels nährt sich aus dem Time-Trial-Modus. Hier kann man alle Levels des Spiels erneut und ohne Gegner durchlaufen und muss dabei stellenweise bestimmte Zeiten unterbieten, um neue Gebiete oder Routen freizuschalten. Je nach Leistung gibt es einen, zwei oder drei Sterne. Manchmal ist es schon eine Herausforderung, überhaupt den ersten Stern zu erhalten. Für den zweiten muss man schon die ganze Route perfekt absolvieren und für alle drei Fünfzacker auf dem Konto – nun, dann müssen schon ordentliche Abkürzungen entdeckt werden, welche oft von der Lauftechnik her eine Herausforderung für sich sind.

Aber: Das Gefühl dabei, wenn alle Bewegungen nahtlos ineinander übergehen, man am Ende auch noch alle Abkürzungen gefunden hat und drei Sterne aufblinken, das ist unglaublich befriedigend, egal wie frustrierend die etlichen Anläufe waren. Übrigens: Auch wenn es keinen wirklichen Mehrspielermodus gibt, macht es doch Spass, mit einem Kumpel die gleiche Strecke immer wieder zu versuchen und sich dabei gegenseitig zu unterbieten, was die gebrauchte Zeit angeht. Auch kann man sich online mit anderen Spielern, genauer genommen mit ihren Bestzeiten messen und auf einer Weltrangliste um die Spitze rennen. Die Bestzeit lässt sich zudem auch noch komfortabel als Geistläufer dazuschalten, der euch dann als roter Schatten den Weg weist.Fazit: Vorweg: Mirror’s Edge ist nicht für jeden geeignet. Es ist auf keinen Fall eines der Spiele, das man nach dem integrierten Tutorial sofort kapiert und im Griff hat. Ich selber habe mich, bis ich alle Kniffe raus hatte, ziemlich dämlich gefühlt, wenn ich den Absprung verpasste und an die Wand oder auf den Boden klatschte. Oder wenn ich die Treppe hochrannte, statt über ein paar Kisten zu springen, welche mich ein Stockwerk höher gebracht hätten. Die ersten Spielstunden lang hatte ich das Gefühl, alles falsch zu machen, auch wenn ich immer mal wieder ein bisschen weiter kam. Aber dann machte es irgendwann in meinem Kopf Klick und alles ging wunderbar flüssig von der Hand. Meistens zumindest. Ein paar Frustmomente kamen immer wieder, aber viel weniger als am Anfang. Nach fünf bis acht Stunden mag man das Spiel durch haben, aber das kann man getrost als Übung bezeichnen für den zweiten Durchlauf, bei welchem dann alles perfekt sitzt. Kein Spiel für jedermann, aber für die Leute, die sich vorstellen können, stundenlang an einer Route zu feilen und diese dann umzusetzen, dürfte Mirror’s Edge das richtige sein, von der etwas schwachen und im Vergleich zum Spiel selbst arg verblassenden Story mal abgesehen.

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