Blackwood Crossing im Test: Eine schaurig-traurige Zugfahrt

Markus Grundmann

In der Steam-Beschreibung wird Blackwood Crossing als eine „bewegende Geschichte um Intrigen und Geheimnisse“ beschrieben. Gleich vorweg: Intrigen gibt es eigentlich keine und auch die Geheimnisse halten sich in Grenzen. Dennoch ist Blackwood Crossing eins der bewegende Spiele, die ich in den vergangenen Monaten spielen durfte. Seine Stärken, aber auch seine Schwächen, verrate ich Dir im Test.

302
Blackwood Crossing: Teaser-Trailer

Tagträume hab’ ich viele. Während ich in der U-Bahn über meinen Alltag grüble beispielsweise – dann stelle ich mir gern mal vor, ich sei im Urlaub und sehe vor meinem geistigen Auge Strände und Palmen. Vor meinem geistigen wohlgemerkt – nicht wirklich. Noch nie habe ich in einem Zug plötzlich ein menschengroßes Kaninchen gesehen, das zu mir gesprochen hat. Scarlett sieht so etwas schon und in deren Haut schlüpfst du im Adventure Blackwood Crossing. Spaß macht das nicht immer. Aber es berührt.

Selbstfindungsprobleme

Gleich zu Beginn des Spiels hatte ich den Eindruck, dass die Entwickler nur bedingt wussten, was sie hier schaffen wollten. Einen Walking-Simulator vielleicht oder doch ein klassisches Adventure? In Blackwood Crossing läufst du zwar relativ viel herum, immer wieder unterbrechen aber Rätsel die Narrative. Diese sind zwar nicht unbedingt kompliziert, aber manchmal schwer zu durchschauen. Soll heißen: Es ist einfach nicht recht klar, was zu tun ist. Die Folge ist schieres Ausprobieren.

Finde weitere Games im neuen Indie-Corner im Google-Store.

Dann, mehr und mehr, wird klar, dass tatsächlich die Geschichte des Spiels der Schlüssel zur Lösung seiner Rätsel ist. Scarlett ist auf der Suche nach ihrem Bruder und das in einem surrealen Zug. Dort befindet sich auch die Familie von Scarlett und ihrem Bruder – mit Masken. Mutter und Vater als Löwin und Löwe beispielsweise. Ordnest du deren Zitate richtig ein und bringst sie in den richtigen Kontext, öffnet sich das Spiel. Dabei kann es schon reichen, ein paar Dialoge in der richtigen Reihenfolge auszulösen.

E3 2017: Das sind die 9 besten Indie-Spiele der Messe

Surreale Szenerie

Ich denke, dass Blackwood Crossing ein bisschen besser geworden wäre, wenn die Entwickler auf Rätsel gleich ganz verzichtet hätten. Denn die Atmosphäre des Spiels ist absolut fantastisch. Es bleibt nicht dabei, dass Du durch den Zug läufst. Plötzlich breiten sich Pflanzen im Zug aus, der Efeu wächst über Wände und Boden, in der Lokomotive entsteht ein Gewächshaus und eine Strickleiter führt mitten durch die Wagon-Decke in ein Baumhaus.

Dieses Spiel lässt Dich an Deinen Entscheidungen zweifeln.

Dort kannst Du Dich dann mit deinem Bruder unterhalten, der das ganze Spiel über in einer Art Superman-Kostüm durch die Gegend läuft und nicht immer ganz freundlich ist. Er beschimpft Dich, er verlangt Aufmerksamkeit und er wird böse, wenn er sie nicht bekommt. Er ist kein Tamagotchi – Du musst ihn nicht streicheln, damit er freundlich bleibt, sterben kannst du sowieso nicht. Aber das Adventure schafft es doch, Finn, so heißt er, als lebendiges Wesen darzustellen. Mit Launen und einem nicht immer ganz einfachen Charakter.

Schwermütige Stimmung

Nicht nur aufgrund seiner Launen stellst Du in Blackwood Crossing bald fest: Mit dem Bruder stimmt irgendwas nicht. Das herauszufinden ist sozusagen Ziel des Spiels und je länger Du spielst, desto mehr verdichten sich die Hinweise. Tatsächlich entfaltet das Spiel aber schon von der ersten Sekunde an eine betont deprimierende Stimmung. Da stehen die Eltern mit Papiermasken stocksteif im Zug und reden in getragenen Worten über Alltagsprobleme, die Abteile sind leer, zurück bleiben nur Zeitungen mit Blindtext. Diese Stimmung aufzusaugen, ist ein Genuss, auch wenn sich die persönliche Stimmung dadurch nicht gerade verbessert.

Interpretationsspielraum

Am schönsten fand ich an Blackwood Crossing aber eigentlich den Interpretationsspielraum, den das Spiel bietet. Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte knackt es und die Entwickler verraten, was sie bisher verborgen haben. Stattdessen gibt es in der Spielwelt immer wieder kleine Hinweise zu finden, in Dialogen und in Gegenständen.

Blackwood Crossing
Entwickler: PaperSeven LTD
Preis: 10,39 €

So baust Du Dir am Ende selbst die Geschichte zusammen, die Scarlett erlebt – beziehungsweise die, die die Ursache ihrer surrealen Erlebnisse ist. Es tut überraschend gut, nicht mit einer Betroffenheitsgeschichte erschlagen zu werden, es macht Spaß, sich ihre Fragmente zusammenzusuchen. Am Ende greifen ein paar Puzzleteile ineinander – aber eben auch nicht alle.

Mein Test-Fazit zu Blackwood Crossing:

Blackwood Crossing ist ein berührendes Spiel. Gemessen an seinen Gameplay-Techniken ist es sicher mittelmäßig – die Rätsel sind teils nicht leicht zu erkennen und wenn, dann leicht zu lösen. Gemessen aber an seiner Geschichte und seiner Geschichte ist Blackwood Crossing ein absolut rührendes Spiel. Es lohnt sich, das zu erleben, vor allem aufgrund der vielen kleinen Details, die die Entwickler hier und da versteckt haben. Es dauert insgesamt nur rund drei Stunden, aber in Blackwood Crossing sind viele Gedanken geflossen, viel Detailverliebtheit, viel Engagement – und das spürt man.

Wertung

7/10
Getestet von Markus

Ein emotionales Spiel, das zwar an seiner Rätselstruktur etwas krankt, das aber insgesamt durch eine so intensive wie schwermütige Atmosphäre größtenteils wieder ausgleicht. Eine Freude für jeden Fan storylastiger Adventures.

Weitere Themen: Steam, LastFight, The Bunker

Neue Artikel von GIGA GAMES