Fragments of Him im Test: Ein Game(play) zum Heulen

Lisa Fleischer

Mitgefühl gefragt: In Fragments of Him erinnern sich drei verschiedene Personen an Will, einen jungen Mann, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Im Test erfahrt ihr, warum das Konzept spannend ist und weshalb ich trotzdem nicht mit dem Spiel warm geworden bin.

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Fragments of Him - Release-Trailer

Fragments of Him im Test:

Anfangs ist alles weiß. Lediglich ein kleiner Schrank und eine Tür sehe ich vor mir; und weil ich nicht weiß, wo ich sonst hingehen soll, gehe ich vorsichtig darauf zu. Ich sehe ein Telefon, ein paar kleine Figuren und einen Schlüssel, der Gelb leuchtet. Ich klicke zwar entgegen aller Regeln zuerst auf das Telefon, doch die nächste Sequenz löst ungefragt aus, was das Spiel möchte: Eine Person erscheint, greift nach dem Schlüssel, den ich hätte fokussieren sollen, und geht kurz darauf aus der Tür. Die Person heißt Will und ist für einen kurzen Moment mein Begleiter bei Fragments of Him; zusammen mit ihm gehe ich raus aus der Wohnung und hinunter ins Parkhaus. Wir steigen in sein Auto und fahren los. Kurz darauf:Ein Unfall. Der Bildschirm wird schwarz. Hier beginnt die Story von Fragments of Him.

Entwickler Sassybot führt mich in dem ungefähr zwei Stunden umfassenden Spiel durch verschiedene Erinnerungen aus Wills Leben. Erzählt werden diese von drei Personen: seiner Großmutter, der ersten Freundin und seinem Lebensgefährten. Dabei hält mir Fragments of Him gleichzeitig immer wieder meine eigenen, fast vergessenen Erinnerungen vor Augen. Mit den Charakteren erlebe ich den Einzug in mein erstes, viel zu kleines WG-Zimmer erneut; oder mein erstes Date im Kino, das gründlich daneben ging; und nicht zuletzt die Trennung von meinem Ex-Freund, die wirklich hart war – und das, obwohl ich genau wie Wills Freundin Sarah wusste, dass es unvermeidlich war.

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Das kann ganz schön bewegen. Als der noch junge Will einmal nicht einschlafen kann, weil er sich vor Geistern fürchtet, setzt sich seine Großmutter an sein Bett, damit er weiß, dass er nicht alleine ist. Das erinnerte mich so sehr an meine eigene Oma, dass ich das Spiel sofort pausierte, mein Telefon griff und mich bei ihr meldete – das erste Mal seit mehreren Wochen.

Trotzdem kann ich euch Fragments of Him nicht bedingungslos ans Herz legen. Denn so wunderschön traurig die Geschichte auch sein mag, einige Details – wie das Design des Spiels – stören die Atmosphäre. Natürlich passt zum hier präsenten Thema Trauer keine quietschbunt leuchtende Umgebung, aber so ganz Grau in Grau wirkt das Spiel unendlich trostlos und langweilig. In der Kapitelauswahl konnte ich zudem manche Szenen nicht öffnen.

Und auch, wenn ihr über diese beiden Punkte vielleicht noch hinwegblicken könnt, so gibt es leider einen wichtigen Aspekt, der Fragments of Him in einem schlechten Licht erscheinen lässt: das Gameplay. Da leuchten euch farbige Umrahmungen an jeder erdenklichen Ecke entgegen, die euch auf die aufdringlichste Weise zum Klicken auffordern. Das ist in einem Titel, der mit seiner Erzählung durch die Spielstunden führt, einfach fehl am Platz. Hier will ich zuhören und entdecken, und nicht an der Hand geführt werden. Innerhalb kürzester Zeit gerät das Spiel dadurch zu einem regelrechten Klickmarathon, der irgendwann so anstrengend wird, dass sich jegliches Interesse in Luft auflöst. Es ist außerdem echt schade, dass euch Fragments of Him zwar suggeriert, ihr könntet manche Dialoge selbst beeinflussen, und euch dann bei jeder Auswahlmöglichkeit immer mit den gleichen Phrasen abfrühstückt.

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Mein Test-Fazit zu Fragments of Him:

Auch, wenn ich gute Geschichten schätze und von den Erinnerungen, die das Spiel bei mir selbst ausgelöst hat, begeistert war: Das misslungene Gameplay von Fragments of Him hat mich letzten Endes nicht packen können. Durch das letzte Drittel des Spiels habe ich mich nur noch mühsam durchgeklickt, während ich mich wirklich bemühen musste, konzentriert zu bleiben.

Wer Fragments of Him wegen der Thematik anzocken möchte, kann einen Blick riskieren. Besonders all diejenigen, die emotionale Bücher und Filme im Stil von Nick Hornby mögen, sollten sich Fragments of Him anschauen. Denn für ein Spiel hat die Point-and-Click-Erzählung erstaunlich viel Tiefgang. Und davon könnten sich auch andere Entwickler eine Scheibe abschneiden. Wer hingegen einen spielerisch spannenden Titel erwartet, sollte besser zu einem anderen Game greifen.

Fragments of Him ist für 17,99 Euro auf Steam erhältlich. Es wurde von dem niederländischen Entwicklerstudio Sassybot entwickelt, die vor ihrem aktuellen Projekt auch Spiele veröffentlichten, in denen der Umgang mit Homosexualität thematisiert wird. Sie besetzen damit eine Nische, die in der Videospiel-Welt doch recht selten behandelt wird.

Fragments of Him
Entwickler: Sassybot
Preis: 9,99 €

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Wertung

5/10
Getestet von Lisa

Tiefgehende Geschichte mit anstrengendem Gameplay. Für alle, die sich mit der Trauer-Thematik in Spielen auseinandersetzen wollen, trotzdem einen Blick wert.

Weitere Themen: LastFight, The Bunker

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