Gratis-Adventure: Dieses witzige Spiel zeigt das Leben mit sozialen Phobien

Sebastian Moitzheim
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The Average Everyday Adventures of Samantha Browne ist ein kostenloses Adventure für PC und iOS. Erfahrt, wie das Spiel von Entwicklerin Andrea Ayres die Probleme von Menschen mit sozialen Phobien nachvollziehbar macht – und dabei auch noch ziemlich witzig ist.

Gratis-Adventure: Dieses witzige Spiel zeigt das Leben mit sozialen Phobien

Jeder kennt wohl das alte Klischee eines Videospielers: Er verbringt den Großteil seiner Zeit allein, sieht selten Tageslicht und noch seltener Menschen – wenn überhaupt, dann kommuniziert er online. Vor sozialer Interaktion im echten Leben hat er eher Angst.

Heute wissen wir natürlich, dass Videospiele eine viel breitere und vielfältigere Zielgruppe haben. Dennoch bleiben Videospiele ein beliebtes Hobby für diejenigen, die soziale Kontakte meiden oder Schwierigkeiten damit haben. Ist es da nicht seltsam, dass dieser Typ Mensch selten selbst in Videospielen vorkommt – obwohl es ihn, auch wenn nicht alle Gamer so sind, durchaus gibt?

The Average Everyday Adventures of Samantha Browne ist in gewisser Weise ein Spiel über diesen Typ Mensch.

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The Average Everyday Adventures of Samantha Browne - Trailer

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Jeden Tag ein Abenteuer

Für gewöhnlich spielen wir in Videospielen Helden. Oder zumindest Menschen, die unvermittelt in ein Abenteuer verwickelt werden und so zu Helden werden. Menschen, die nicht aus dem Haus gehen, bieten sich nicht so Recht für solche Geschichten an.

The Average Everyday Adventures of Samantha Browne ist das genaue Gegenteil: In diesem Spiel passiert nichts. Absolut nichts. Das offensiv langweilige Papers Please wirkt im Vergleich mit Samantha Browne so spektakulär wie ein Michael Bay-Film. Es handelt sich um ein Adventure über die titelgebende Samantha Browne, die sich eine Tasse Haferbrei in der Küche ihres Studentenwohnheims machen will. Das ist alles. Und es ist großartig.

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In den letzten Jahren wurden einige Spiele veröffentlicht, die sich mit psychischen Krankheiten und Störungen auseinandersetzen. Sie tauschen die spektakulären Abenteuer der meisten Videospiele gegen Alltagssituationen und persönliche, emotionale Probleme. Samantha Browne ist aber nochmal eine Spur kleiner, noch unspektakulärer: Hier geht es nicht um eine depressive Tiefphase (wie in Actual Sunlight und Depression Quest), und die psychischen Probleme der Hauptfigur werden auch nicht als Monster oder grauenhafte Albträume dargestellt (wie in Papo & Yo oder Neverending Nightmares). Es geht um die alltäglichen Probleme einer Person mit einer psychischen Störung, und die nerven oft eher, als dass sie in die Verzweiflung treiben. Aber nerven tun sie.

Samantha hat eine soziale Phobie. Diese Störung ist noch schwerer zu fassen, anderen noch schwerer zu erklären als zum Beispiel eine Depression, Panikattacken oder eine Zwangsstörung. Ich weiß das aus Erfahrung.

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Die Idee, dass man echte Angst empfindet, wenn man einer alltäglichen sozialen Situation begegnet, ist schwer zu vermitteln. Es geht nicht um Situationen wie zum Beispiel eine Präsentation zu halten oder auf einer Bühne zu stehen. Für mich (nicht für jeden, der unter sozialen Phobien leidet) sind solche Situationen sogar einfacher als die alltäglichen, und wenn man in einer solchen Situation doch Stress empfindet, ist das wohl für fast jeden nachvollziehbar und rational erklärbar.

Das größere Problem sind eben die alltäglichen Situationen: sich einer Gruppe fremder Menschen vorzustellen, vielleicht gar – gruselig! – Smalltalk zu führen; jemanden anzurufen (besonders jemanden, den man nicht kennt, aber zumindest für mich ist jedes Telefongespräch eine Überwindung); oder eben: sich in einer gemeinschaftlichen Küche etwas zu Essen zuzubereiten und/oder mit/vor anderen zu essen. All das ist mit großer Überwindung verbunden, und hinterher mit Sorgen, ob man das Richtige getan hat. Man fühlt sich, als hätte man Regeln missachtet, die niemand erklärt hat. Alltagssituationen werden so zu einem kleinen Abenteuer, wie das von Samantha. (“Jeden Tag ein Abenteuer” klingt erstmal super, aber selbst Indiana Jones hätte wohl keine Lust, jeden Tag von einer riesigen Steinkugel wegzurennen)

Ein so frustrierendes wie witziges Spiel

The Average Everyday Adventures of Samantha Browne gelingt es hervorragend, diese Gefühle in sehr kurzer Zeit einzufangen (wenn man sich sehr viel Zeit lässt, dauert es vielleicht eine halbe Stunde, das Spiel durchzuspielen). Es beginnt damit, dass Samantha tief in der Nacht in ihrem Wohnheimszimmer sitzt – sie ist so lange wach geblieben, in der Hoffnung, dass vielleicht spät nachts die Küche leer ist. Während ihrem “Abenteuer“ (in die Küche gehen, Essen warm machen, zurückgehen) fragt Samantha uns regelmäßig um Rat: Welche Sorte Haferbrei soll sie nehmen? Soll sie die anderen Studentinnen in der Küche grüßen oder stumm bleiben? Was soll sie machen, während sie wartet, bis die Mikrowelle fertig ist – putzen oder sich verstecken? Und vorher natürlich: Soll sie jetzt das Zimmer verlassen und in die Küche gehen? Also, soll sie wirklich jetzt in die Küche gehen? Wirklich? Jetzt!?

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Das ist genauso frustrierend wie es klingt, und das ist der Punkt: Eine soziale Phobie zu haben ist ziemlich frustrierend. Man redet ununterbrochen mit sich selbst, man muss über jede Entscheidung nachdenken, als würde das eigene Leben davon abhängen – aber natürlich weiß man selbst, wie albern das ist.

Es wird noch frustrierender durch Samanthas Stressleiste: Das Spiel sagt uns nie, wie genau wir vermeiden könnten, dass diese Leiste voller wird. Wie unfair ist das bitte? Wie kann es bei der Entscheidung zwischen Haferbrei-Sorten eine falsche Entscheidung geben, und warum zur Hölle stellt das Samantha unter Stress? Was hat es mit Samanthas Sozialleben zu tun – warum sollten sich ihre Mitmenschen dafür interessieren, welche Geschmacksrichtung sie mag?

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Aber genau so fühlt sich eine soziale Phobie an: Als gäbe es keine richtigen Antworten. Egal, ob man tatsächlich etwas falsch gemacht hat oder nicht – man fühlt sich in jedem Fall so. Stress ist immer vorprogrammiert.

The Average Everyday Adventures of Samantha Browne ist gut, weil es diese Probleme nachvollziehbar abbildet. So richtig großartig wird es allerdings erst dadurch, dass es Samantha nie auf ihre Störung reduziert – was in einem so kurzen Spiel eine beachtliche Leistung ist. Samantha leidet durchaus unter ihrer Störung – nicht nur emotional, sondern auch physisch, immerhin verzichtet sie auf Essen, um Kontakt mit anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. Aber gleichzeitig weiß sie auch, dass ihre Gedanken albern sind – albern, und damit irgendwie auch lustig. Wir lesen Samanthas Gedanken, was uns einerseits ihre Probleme nachvollziehbar macht, andererseits aber auch einfach Spaß macht, weil Samantha ihre Gedankenspiralen sarkastisch kommentiert. Auch weiß das Spiel, dass eine soziale Phobie nicht bedeuten muss, dass man Misanthrop ist oder keine Freunde hat: Das Spiel beginnt damit, dass Samantha mit einem Freund/einer Freundin chattet (wobei sie sich auch hier überwinden muss, dem Gegenüber die Wahrheit zu sagen, warum sie noch nichts gegessen hat).

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The Average Everyday Adventures of Samantha Browne ist also nicht reine Frustration. Es ist kein reines Message-Spiel, sondern auch ein unterhaltsamer Zeitvertreib. Es könnte euch helfen, einen Menschen in eurem Umfeld etwas besser zu verstehen (zwischen 2 und 10% der Bevölkerung sind Schätzungen zufolge von sozialen Phobien betroffen). Es könnte euch aber auch einfach ein paar Mal zum Lachen bringen. Beides nicht schlecht für ein Spiel über das Erhitzen eines Fertiggerichts.

Samantha Brown ist kostenlos auf Steam, itch.io und im erhältlich.

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