Die Abzocker-Methoden der Mobilfunkkonzerne, oder: Die EU regelt an der falschen Stelle

Sebastian Trepesch
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Die klassischen Mobilfunkverträge wirken wie ein Relikt aus alten Zeiten – mit dem kundenorientierten Angeboten wie wir es von Apple, Amazon und Co gewohnt sind, haben die Abzock-Methoden nichts gemein. Ein Kommentar.

Die Abzocker-Methoden der Mobilfunkkonzerne, oder: Die EU regelt an der falschen Stelle

Die Roaming-Gebühren bleiben uns in Ländern der EU bald erspart, über das Handy telefonieren wir in London, Mailand und Porto bald genau teuer oder günstig wie in Leipzig. Die EU-Kommission sorgt sich um uns (und um sich selbst, die vielreisenden Abgeordneten). Ab Mitte 2017 können wir, wird der Vorschlag endgültig umgesetzt, im EU-Ausland ohne Zusatzgebühren telefonieren

Die Mobilfunkkonzerne haben aber noch andere Methoden, mit denen sie uns das Geld aus der Tasche ziehen. Und wir müssen gar nicht auf Abofallen durch Zusatzdienste zu sprechen kommen, vor denen die Verbraucherzentralen warnen. Nein, der normale Mobilfunktarif bietet genug Gefahren.

Augenwischerei statt Angebot: der Preis eines Tarifs

Viele Konzerne preisen ihre Tarife mit einer Monatsgebühr an, die nur vorübergehend gilt: der groß abgedruckte Preis gilt gerade mal drei, sechs, höchstens noch zwölf Monate. Anschließend steigen die monatlichen Grundkosten um 5 oder gar 10 Euro. Gilt mal ein Preis 24 Monate, steigt er oft genug bei der anschließenden (natürlich automatischen) Verlängerung.

Durchschnittspreise zumindest für die Mindestlaufzeit angeben zu müssen, das wäre mal eine sinnvolle Vorschrift.

Abzocke statt Service: die Datenautomatik 

Es klingt wie ein Service: Hat man das inkludierte Datenvolumen in einem Monat ausgeschöpft, erweitert es die Datenautomatik automatisch. Aber: Dies kann die Grundgebühr schnell verdoppeln, und der Kunde bekommt nicht einmal ein großes Datenvolumen. In Einsteigertarifen sind das zum Beispiel drei Mal 100 MB für je 2 Euro. Da zahlt man pro Monat dann schnell 6 Euro mehr, anstatt zumindest mit der (viel zu stark gedrosselten) Verbindung den Rest des Monats weiterzusurfen.

Wer eine Datenautomatik möchte, sollte die gezielt aktivieren müssen, anstatt aufgedrückt zu bekommen.

Kundenknebelung statt Kundenbindung: die Laufzeit

Noch immer sind Tarife mit 24 Monaten Mindestlaufzeit der Standard. Das ist für Angebote verständlich, bei denen es ein Smartphone mitgibt – über den Tarif wird die Hardware sozusagen in Raten abbezahlt. Bei Tarifen ohne Geräte ist es kundenunfreundliche Zwangsbindung.

Mit maximal einem halben Jahr Vertragslaufzeit sollten die Anbieter auch auf ihre Kosten kommen.

Peitsche statt Verlockung: die Kündigung

Die Mindestvertragslaufzeit versuchen die Konzerne durch unverständlich lange Kündigungsfristen noch zu verlängern: Wer es verpasst, mehr als ein viertel Jahr vor Ablauf der Laufzeit den Vertrag zu kündigen, muss ihn weitere ein oder zwei Jahre zahlen (oft teurer, siehe oben). Kaum vorstellbar, dass die Mobilfunkkonzerne eine Kündigung nicht schon in fünf Wochen abwickeln könnten.

Manch ein Konzern treibt hierbei ein perfides Spiel: Die Kündigung kann über die Webseite beantragt werden, muss aber noch telefonisch bestätigt werden. Wählt man dann die angegebene Telefonnummer, bekommt man eine Ansage à la: „Ihr Anruf kann aktuell nicht entgegengenommen werden, die Wartezeit beträgt 45 Minuten“. 

Die Bundesnetzagentur beobachtet o2 bereits wegen eines solchen Verhaltens. Seit Oktober müssen zudem derartige Verträge auch per Mail kündbar sein. Statt Peitsche sollte ein Unternehmen seinem Noch-Kunden lieber ein attraktives Angebot unterbreiten – wie es zum Beispiel Zeitschriftenverlage machen.

Apple, Amazon & Co zeigen, dass es kundenfreundlicher geht  

Aus anderen Bereichen wissen wir bereits, dass Kundenbindung auch kundenfreundlich möglich ist: Das Abo von Apple Music können wir bis 24 Stunden vor Verlängerung (monatlich) kündigen, ähnliches gilt für Amazon Prime. Und zwar per simplen Mausklick, gut zu finden in den persönlichen Account-Einstellungen.

Eine große Monopolstellung, das Mitspielen eines Konzerns in vielen Bereichen, muss man zwar generell mit Sorge betrachten. Trotzdem freut mich die heutige Nachricht, dass Amazon wohl in Europa Internet-Provider werden möchte. Es darf gehofft werden, dass der Versandhändler für Internettarife neue Konditionen durchsetzt. Auch Apple wäre es zuzutrauen, über eine in den iPhones programmierbare Apple-SIM neue Regeln im Mobilfunkmarkt durchzusetzen. 

Wenn wir schon nur bedingt auf die Politik hoffen wollen.

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