Moment mal: Es gibt Facebook-Seiten für Klopapier?

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Moment mal: Es gibt Facebook-Seiten für Klopapier?

Die Idee für diesen Artikel entstand auf dem Klo. Auf meinem Klo um genau zu sein. Das mag manch einer jetzt vielleicht etwas anrüchig finden oder vom Entstehungsort ausgehend gar voreilige Schlüsse auf die Qualität des nachfolgenden Textes ziehen wollen. Aber was soll ich machen, auf dem Klo hat nun mal alles begonnen. Mein Blick war geradeaus gerichtet und fiel aus Mangel an visuellen Alternativen – jemand hatte einfach so meine Comics entfernt – plötzlich auf die Verpackung eines Toilettenpapierherstellers. Ich musterte sie ausführlich und las dort Dinge, die mich unfassbar wenig interessierten. Doch dann verfing sich mein gelangweilter Blick plötzlich an einem bunten Etikett. „Besuchen Sie uns auch auf Facebook“ war dort zu lesen.

Ich ließ diesen Satz eine Weile sacken. Wer würde eine eigene Facebook-Seite für Klopapier erstellen? Was würde man dort posten? Viel interessanter, wer würde eine solche Seite jemals besuchen? Und schließlich, kaum auszudenken, wer würde jemals ein Fan dieser Seite werden? Keine Ahnung warum, aber in diesem Moment beschloss ich, genau das herauszufinden.

„Viel Gutes für den Po“

Eine kurze Warnung vorweg: Wer hier doppeldeutige Fäkalwitzchen erwartet, wird ganz sicher enttäuscht. Mein Erkenntnisinteresse an der digitalen Fankultur deutscher Analhygiene war authentisch. Ich wollte wirklich wissen, wer seine Likes in dieser mysteriösen Schattenwelt verteilt.

Meine Reise durchs Netz begann mit einer kleinen Enttäuschung. Der Sollinger Hygieneartikel-Hersteller Stefan Tobias war mit seinem aktuellen Top-Produkt, dem „Tobi-Paper“, nicht auf Facebook vertreten. Doch auch andere, sehr viel bekanntere Markennamen wie Zewa oder Renova, ließen eine Internetpräsenz in dem sozialen Netzwerk vermissen. Sogar weltweit bekannte Brands wie Tempo waren nirgends zu finden. Sollte mein Klopapier die absolute Ausnahme sein? Ich recherchierte weiter und fand zunächst nur große Firmennetzwerke wie SCA, die Facebook ausschließlich dazu nutzen, ihr vermeintliches Umweltengagement und ihre Bewerbungsvideos auszustellen.

Fast hätte ich meine Suche aufgegeben, doch dann stieß ich auf Charlotte, die offizielle Markenbotschafterin für Hakle® Feucht. Meine erste heiße Spur.

Charlottes mutige Reise durch Deutschlands Toilettenkultur beeindruckte mich zutiefst. Ich sah mir alle Folgen von „Hakle Feucht TV“ an, wurde Zeuge, wie Charlotte auf Raststätten versteckte Kameras installierte, wie sie beim Speed Dating mit ungewöhnlichen Fragen aufzutrumpfen wusste und wie sie schließlich, sichtlich erschöpft vom Botschaften für die Analhygiene, ihre Reise durch Deutschlands Klokultur abbrach. Das alles war höchst aufschlussreich, doch wer waren die Menschen, die ihr folgten? Wer waren ihre Fans?

Auf der Facebook-Seite von Hakle Feucht ließ sich das zunächst nur erahnen. Dort stellen die Betreiber regelmäßig Fragen zu den Stuhlgang-Gewohnheiten der treuen Hakle-Fans.

So wird man hier zum Beispiel gefragt, was zu einem ordentlichen Toilettengang so alles dazu gehört. Zur Auswahl standen dort: Etwas zum Lesen, ausreichend Zeit, feuchtes Toilettenpapier, trockenes Toilettenpapier, Musik, ein Bidet oder ein Fenster? Die Hakle-Gefolgschaft antwortete artig mit einer kurzen Nennung von Eins bis Sieben. Manch einer nimmt sich aber auch etwas mehr Zeit und antwortet ausführlich: »Für einen perfekten Toilettengang brauche ich: mein Handy, eine Zeitung, flauschiges Toilettenpapier und für danach zum Händewaschen wohlriechende Seife oder für die schnelle Händereinigung Sterilium…« Aha.

Feuchtes oder trockenes Toilettenpapier?

Die Sache stank zum Himmel. Die Beiträge schienen mir einfach zu sauber für eine Seite, auf der es in erster Linie um Stuhlgang geht. Ich schrieb fünf der insgesamt 20.000 Fans persönlich an und bat um ein kurzes Interview. Keine Antwort. Niemand wollte mit mir über die Likes auf „Hakle Feucht“ sprechen. Ich begann mein Unterfangen zu hinterfragen. War ich etwa nur ein verirrter Störenfried im toten Paradies einer komplett „gekauften“ Facebook-Seite? Waren die echten Klopapier-Fans nur eine Chimäre?

 

Nein! In den älteren Beiträgen änderte sich das idyllische Bild, das sich mir zunächst geboten hatte, plötzlich. Dort tobte ein kleiner Shitstorm, der sich mit Charlottes YouTube-Kampagne befasste.

Ein finsterer Gedanke zwang sich mir auf. Wird man nur dann Fan von Klopapier, wenn man den Betreibern mal richtig groß auf die Seite machen möchte? Die Beweise waren erdrückend. Ich entschloss mich, Hakle Feucht und allen anderen deutschen Klopapier-Seiten den Rücken zuzukehren. Eine letzte Frage umtrieb mich: Wie machen es die Amerikaner?

Kurze Zeit später stand fest: Besser! Zumindest legen Seite wie „Charmin“ diesen Schluss nahe. Hier fliegen mir poppige Instagram-Shots von, nun ja, Toiletten entgegen. Hier ist der Umgangston sehr viel lockerer, hier wurde von hippen Events berichtet, auf denen Charmin als Charity-Akteur für eine bessere Welt kämpft. Doch auch die fast 800.000 Charmin-Fans lassen ihrer Popflege hier freien Lauf, lachen gemeinsam mit dem offiziellen Maskottchen, einem blauen Bären, über dessen lustige Bilder.

Ich spürte, dass ich alles gesehen hatte. Doch auch wenn mich die Antwort auf meine Frage nach den Fans von Toilettenpapier unbefriedigt, fast schon enttäuscht, zurückließ, so hatte das Ganze doch auch einen seltsamen, neuen Hunger in mir geweckt. Was ist noch alles da draußen? Gibt es Facebook-Seiten für Zahnstocher? Für Schuheinlagen? Für Wäscheständer? Vielleicht hatte meine Reise gerade erst begonnen.

 

Bildmaterial: Via Charmin, Hakle Feucht, SCA, Tobi Paper

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