Sex, Lügen und Videospiele: #GamerGate und der Gestank von Urin (Kommentar)

Leo Schmidt
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Es gibt Themen, an denen notwendigerweise alles anwidert, und ich kann nicht behaupten, mich darauf zu freuen, einen Kommentar zu der als „GamerGate“ bekannt gewordenen Posse abgeben zu dürfen, die in den letzten Wochen den englischsprachigen Teil des Internets erfasst hat. Denn wenn ich Stellung beziehe, dann weiß ich gerne, wo die Grenzen verlaufen. Hier aber verlaufen die Fronten ungefähr so klar wie beim Gruppensex mit tollwütigen Waschbären.

Sex, Lügen und Videospiele: #GamerGate und der Gestank von Urin (Kommentar)

Der Anfang der Misere geht so: Ein Blogger erzählt, wie seine Exfreundin untreu war und sich ihm gegenüber anschließend sehr verletzend verhalten hat. Er belegt ihre Untreue und fragwürdige Handhabung des Themas mit Chatprotokollen der beiden. Der Knackpunkt: Die Dame ist Spielentwicklerin und mehrere ihrer Bettgeschichten waren Games-Journalisten, die für Seiten arbeiteten, auf denen ihre Spiele positive Beachtung gefunden hatten.

Was zunächst nach einem Fall von Interessenkonflikt, schwarzen Schafen und üblen Einzelfällen aussah, schaukelte sich auf dem Narrenschiff, das wir Internet nennen, schon bald zu einer Schlammschlacht sondergleichen hoch. Es gibt mittlerweile derartig viele Positionen und Gegenpositionen zu dem Thema, dass es müßig wäre, sie alle zu nennen – jeder Partikular-Wirrkopf hat seine ganz eigene wertlose Perspektive.

Die paar Vernünftigen, die sich der Sache annahmen, waren bald übertönt. Wo am Anfang zu Recht Fragen aufgeworfen wurden, was genau passiert sei, kamen schnell Vorwürfe, man müsse die an dem Fall Beteiligten in jedem Fall abstrafen, zumindest aber im Auge behalten. Beteiligte mit einer gemäßigten Position hatten, big fucking surprise, langfristig keine Chance.

Es kam im Zuge der ganzen Sache als nächstes heraus, dass Zoë Quinn, so der Name der Gamedesignerin, wohl auch versucht hatte, die Bemühungen von Konkurrenten zu sabotieren. Mit dieser zu dem Zeitpunkt bereits erdrückenden Indizienlast war klar, dass sich in der Hauptsache niemand mehr auf ihre Seite würde schlagen können. Da aber die johlende Masse nicht gerade zimperlich ist, stürzten sich auch nicht eben wenige statt auf den Tatbestand der Korruption sondern auf den der Untreue – dabei unfähig zu erkennen, dass Bestechung durch Sex dennoch einfach Bestechung ist.

Das nun wieder rief tatsächlich Leute auf den Plan, die Quinn verteidigten, weil es plötzlich nicht mehr um ihre ausgenutzten Kontakte zu gehen schien, sondern aus irgendeinem Grund um ihre Bettgeschichten. Die, da hatten die Verteidiger recht, gehen eigentlich nur sie und ihre Partner etwas an. Natürlich war die Form, in der die ganze Sache ursprünglich öffentlich wurde, privat, und es war offenbar von einem Haufen erwachsener Menschen zu viel verlangt, sich nur das herauszupicken, was sie wirklich zu interessieren hatte.

Die Verteidigung wurde dann aber auch gerne mal wieder zu einem Rundumschlag und richtete sich eben nicht nur gegen die Leute, die Quinns Privatleben mit in die Sache zogen, auch ihre berechtigten Kritiker wurden mit „Das geht niemanden etwas an!“ abgestraft – womit die Verteidiger denselben Dummfug verzapft hatten wie ihre Gegner. Im Fahrtwasser dessen gab es dann feministische Stimmen – einige gingen gegen tatsächliche Frauenfeindlichkeit, andere waren wieder nur Deckmantel für Empörung.

Eine Spirale aus giftigster Anfeindung einerseits und militantem Gutmenschentum andererseits schraubte sich immer weiter nach oben. Gäbe es das Wort „Clusterfuck“ noch nicht, hätte man es extra für diese Gelegenheit erfinden müssen. Es ging gleichzeitig um Frauenfeindlichkeit, professionelle Standards, Privatsphäre, emotionale Bindungen, die Integrität von Spieledesignern und Games-Journalisten und und und.

Plötzlich gab es so viele Positionen, dass das eigentliche Ziel in den Hintergrund trat und treten musste. – Quinns Fehlverhalten und das ihrer Partner öffentlich zu machen und damit sie und die Redakteure bzw. ihre Magazine (eine ihrer Affären ist u.A. Redakteur bei Kotaku und Rock, Paper, Shotgun) in ein ehrlicheres Licht zu rücken, sodass die Öffentlichkeit sich ein Bild machen kann. Was tatsächlich passierte, dürfte niemanden wundern: Die Angeklagten wurden derartig gehetzt, dass man sie nun wirklich schützte. Viele Gaming-Seiten, teils aus Angst, teils aus Rücksichtnahme, rührten das Thema erst gar nicht an. Wer das tat, war sofort mitschuldig und wurde mit in den Sack gesteckt, auf den gehauen wurde. Man konnte in dem Sumpf nicht mehr trennen, wo berechtigter Ärger aufhörte und unbändige Aggression begann.

Und wenn mich nochmal jemand fragt, warum ich kein Pluralist bin, hab ich dank der darauf entstandenen Hetze zukünftig ein schönes weiteres Beispiel, auf das ich stumm deuten kann. Alle Hexenjagden funktionieren ja nach dem Schneeballprinzip: Erst wird mit dem Finger gezeigt, dann wird der Pranger angekarrt und während noch das faule Obst fliegt, wird im Hintergrund schon der Galgen gebaut. Und es reicht der Meute niemals, nur die (vermeintlich) Schuldigen aufzuknüpfen.

Wer also musste, abgesehen von Quinn, Kotaku, RPS und einigen anderen Magazinen noch dran glauben? Die völlig heterogene Masse aus pöbelnden Tastatur-Kreuzrittern gelangte, natürlich nicht geschlossen, weil wie auch, zu dem wahnwitzigen Urteil: Der Gaming-Journalismus ist tot. An sich. Ganz prinzipiell.

Und das, weil Games-Journalisten auch nur Menschen und als solche größtenteils Schwachköpfe sind, löste den entgegengesetzten Beißreflex aus: Plötzlich meldeten sich Gamesseiten dann doch zu Wort und behaupteten, die Identität des Gamers sei hinüber, die Games-Kultur befinde sich am Rande eines schon lange abzusehenden Zusammenbruchs. Daher die Wut, daher die infantile Bockigkeit über solche Affären. Sie mussten nur mit dem Finger darauf deuten, welche Drohungen Quinn erhalten hatte. Oder, denn ausgerechnet das passierte auch noch in den folgenden Tagen, wie massiv Anita Sarkeesian nach ihrer neuen Folge „Tropes vs. Women in Video Games“ angegriffen wurde – massiv genug, als dass Sarkeesian zu Freunden flüchtete.

Alles Elend muss plötzlich instrumentalisiert werden. Ich stecke ungefähr tausend Worte in einen Text, der bislang nur davon handelt, wie die Fehltritte einzelner Menschen als Ausrede für erneute Fehltritte herhalten müssen, und am Ende verschmilzt alles zu einer ekelhaften, aus Geifer und Pisse bestehenden Pampe, in der sich jeder der aktiv Beteiligten suhlt und keiner, aber auch wirklich keiner mehr umhin kann, mit Dreck zugekleistert zu werden.

Daher freue ich mich sehr, dass mein Statement zu dieser ganzen widerwärtigen Angelegenheit, die unter dem ebenso unkreativen wie bekloppten Namen „Gamergate“ bekannt geworden ist, schön kurz ausfällt: Ich mache nicht mit.

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Nicht, weil die einzelnen Themen nicht wichtig wären. Korruption und Gamesdesign und journalistische Maßstäbe und Privatsphäre und Frauenrechte und Aufklärung und alle weiteren Nuancen dieses Skandals sind allesamt wichtig. Aber man kann sie nicht alle auf einmal angehen. Es ist, als ob man eine neue Sprache lernt und alle Vokabeln gleichzeitig an den Kopf geworfen kriegt. Oder, als ob man fünfzehn Instrumente gleichzeitig spielt. Bei dem Krach, der hier herrscht, sind es wohl fünfzehn Dudelsäcke.

Und oh, glaubt mir, es wäre so viel leichter, mir einfach einen der unzähligen Gräben zu suchen, die hier gebuddelt wurden, und mich mit meinen eigenen Befindlichkeiten dort zu verschanzen. Denn ich bin auch voreingenommen, wie jeder Mensch, ich habe meinen Ballast. Ich kenne Leute, die mich nach allem, was ich in dieser Sache gehört, gelesen und gesehen habe, mehr als nur ein bisschen an Zoë Quinn erinnern. Die ihre Zerbrechlichkeit wie einen Panzer einsetzen, sodass ihr Selbstschutz zum alleinigen Ziel wird und alles andere unter die Ketten gerät – zuerst immer die Wahrheit, dann andere Menschen. Es ist wahnsinnig verführerisch, Quinn einfach aus einer persönlichen Macke heraus böse zu sein, sie auf einer privaten Ebene anzugreifen und im selben Atemzug, denn ich bin ja nunmal Games-Journalist, sämtliche Anfeindungen gegen meinen Berufsstand als hanebüchene Hirngespinste abzuweisen – als gäbe es irgendein Business, in dem keine krummen Dinger laufen.

Aber das will ich nicht. Ich halte es für falsch. Ich bin sehr dafür, dass Quinn, die offenbar nicht unschuldig ist, eine Konsequenz ihres Handelns spürt, ebenso, wie es die Männer sollten, die sich unlauter verhalten haben. Ich bin sehr dagegen, dass ihr Privatleben dabei mehr ins Kreuzfeuer gerät, als es sein muss. Wenn es Korruption im Spielejournalismus gibt und diese aufgedeckt wird – dafür. Schwachsinnige Schlagabtausche, in denen dieses und jenes für tot erklärt wird – dagegen. Ich habe meine Positionen. Zu jeder einzelnen könnte ich viel sagen. Aber das mache ich nicht, nicht hier, nicht heute. Der Grund ist, dass ich angesichts von Gamergate – nicht einzelnen Elementen, sondern dem ganzen, hässlichen Ball aus wichtigen Themen und untragbaren Verhaltensweisen – gar nicht so viel essen kann, wie ich kotzen möchte.

Es gibt Tage, an denen will man kein Spielejournalist sein. Es gibt Tage, an denen will man nicht mal Gamer sein. Aber ich lehne es seit jeher ab, mir von Arschgeigen die Lust vermiesen zu lassen. Allen, die sich in der aktuellen Debatte aufheizen, sei also der Ratschlag erteilt: Zieht eure Konsequenzen, vertretet eure Positionen, aber denkt weiterhin mit euren Hirnen statt euren Drüsen. Kritisch zu sein ist nicht dasselbe, wie sein Brustgefieder aufzuplustern und Lautstärke nicht dasselbe wie Recht. Straft diejenigen ab, die es verdienen, doch begebt euch nicht auf ihr Niveau.

Und: Niemand ist tot. Nicht der Gamer, solange es Games gibt, und nicht der Gaming-Journalismus, solange es Gamer gibt. Ich liebe es zu zocken. Ich liebe es, für euch über das Thema zu schreiben. Warum also muss ich mir sagen lassen, ich sei zweimal tot, weil in den USA ein Mädchen, das ich nicht kenne, Fehler gemacht hat?

Versprecht mir bitte eines, liebe Leser: Sollten wir jemals ein Problem miteinander haben, lasst uns entweder vernünftig drüber reden oder still voneinander scheiden. Denn noch so eine Nummer, und ich steck den Kopf in den Ofen.

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