Warum Her Story das wahrscheinlich wichtigste Spiel des Jahres ist!

Dominic Stetschnig
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In einem Jahr, in dem The Witcher 3, Batman: Arkham Knight und Fallout 4 erschienen, mag diese Überschrift vielleicht anmaßend klingen. Aber diese drei Titel haben eine große Gemeinsamkeit: Sie unterscheiden sich nicht von einander. Her Story ist anders. Und das ganz ohne zwanghaft anders sein zu wollen!

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Her Story Trailer

Her Story: Ein Hör-Spiel?

Her Story ist das neueste Werk von Entwickler Sam Barlow, der sich für das beeindruckende Aisle und die beiden aus der Reihe tanzenden Silent-Hill-Spiele „Origins“ und „Shattered Memories“ verantwortlich zeigte. Das Spiel erzählt die Geschichte einer Frau und ihres verschollenen Ehemannes. Ihr übernehmt die Rolle eines jungen Detectives, der sich durch wild durcheinandergeworfene Video-Snippets wühlen muss, auf denen die junge Dame verhört wird. Anhand dieser Videos gilt es, möglichst viel über die Geschehnisse von damals herauszufinden. Dabei bedient sich das Spiel einer in der Videospielwelt mittlerweile fast in Vergessenheit geratenen Methode: Full Motion Video Sequenzen. Anhand dieser mit einer Schauspielerin real gedrehten Szenen, könnt ihr das Puzzle rund um die mysteriöse Vergangenheit der Frau lösen.

„Wo bleibt denn da die Herausforderung?“, mag mögt ihr euch jetzt fragen? Nun: Sämtliche Video-Snippets sind nicht chronologisch geordnet. Das einzige Tool, welches euch zur Verfügung steht, ist eine Suchmaschine, welche nach Begriffen in den transkribierten Verhören sucht. Die Frau hat einen Namen erwähnt, den ihr noch nicht kanntet? Sucht nach ihm – und sämtliche Videos, in der dieser Name genannt wird, werden euch angezeigt. Wobei „sämtliche“ übertrieben ist – die Suchmaske beschränkt sich auf maximal fünf Videos.

Euer Ziel ist es also im Verlauf des Spieles zuzuhören und auf feine Begrifflichkeiten zu achten, um euch von Zweig zu Ast, von Ast zu Stamm und letzten Endes von Stamm zu Wurzel zu angeln. Die kurzen Clips, die zwischen 5 und 90 Sekunden lang sind, zeichnen euch ein faszinierendes und gleichzeitig unheimliches Bild einer tragischen Geschichte.

Verpackt wir das Ganze in eine wunderschöne 90er-Jahre-Optik: Bildstreifen, VHS-Fehler, selbst das OS eures Computers schickt euch zurück in die Videospielanfänge vieler Zocker.

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Her Story: Ist das überhaupt noch Gameplay?

Jetzt bleibt die Frage: Was davon ist eigentlich Spiel? Und darf man in diesem Umfeld den Begriff „Gameplay“ überhaupt benutzen? Bezeichnend für das Medium Videospiel ist zweifelsohne die Möglichkeit der unmittelbaren Interaktion. Doch was, wenn diese Möglichkeit des Spielers zu handeln so zurückgefahren wird, dass nicht der Input des Spielers zentrales Element des Spiels ist, sondern der Output des Games? „Her Story“ ist quasi die Umkehrung des klassischen Gameplay-Verständnisses.

Anstatt in der Rolle des Spielers die Spielfigur anzuleiten und ihr eine Richtung vorzugeben, kann man in „Her Story“ ausschließlich darum bitten, angeleitet zu werden. Durch das Eingeben von Begriffen in die Suchmaske bittet man das Spiel quasi um Erlaubnis, mehr darüber erfahren zu dürfen. Und mit eben dieser Funktion hebelt der Titel auch den klassischen Anfang und das klassische Ende eines Videospiels aus. Je mehr Zeit man investiert, je mehr man zuhört, desto mehr Zusammenhänge erschließen sich und desto mehr bietet einem das Spiel. Es gibt kein Game Over, es gibt kein Continue, es gibt keine Power-Ups, keine Perks, nicht einmal ein The End. Es gibt nur ihre Geschichte – Her Story.

Videospiele lehren uns in der Regel, unsere Hand-Augen-Koordination zu schärfen. Sie steigern die Reaktionsfähigkeit, helfen uns dabei, Zusammenhänge zu erkennen, unsere räumliche Wahrnehmung zu schärfen und ab und an stellen sie uns auch mal vor schwierige Entscheidungen und appellieren an unsere Moral. Her Story lehrt uns, zuzuhören. Es lehrt uns, Empathie zu empfinden. Indem es das simuliert, was eigentlich nicht simuliert werden müsste: Den Nutzer, der vor dem Computer sitzt und ihn um Hilfe bittet. So simpel das ist, so bewegend und tiefgründig kann ihre Geschichte sein. Denn genau das macht es anders, als alles andere: Den Input zu reduzieren und dabei den Output zu maximieren. Und dadurch eine clevere Geschichte zu erzählen, die man nicht einfach nur serviert bekommt, sondern die man sich selbst erarbeiten muss. Diese Herausforderung mag zwar nicht neu sein, aber in Zeiten von QTEs und dem zwanghaften Hunger nach Bombastizität ist sie definitiv einzigartig.

Her Story erschien im App Store und auf Steam für PC und Mac.

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