Viagogo-Erfahrungen: Seriös oder Abzocke?

Marco Kratzenberg

Viele der im Netz zu findenden Viagogo-Erfahrungen warnen vor dem Anbieter, aber woran liegt das? Ist Viagogo unseriös und der Tickethandel eine Abzocke oder haben da bloß einige das Geschäftsmodell nicht verstanden? Ein Überblick...

Die meisten Viagogo-Erfahrungen drücken eines aus: Kunden gehen fast nur dann zu diesem Anbieter, wenn die gewünschten Karten auf anderem Wege nicht mehr zu bekommen sind. Kaum jemand würde zuerst dort gucken, den bei einem sind sich alle einig: Günstig ist Viagogo nicht! Allerdings taucht die Firma immer wieder negativ in der Presse auf. Erst kürzlich zeigte ganz Deutschland mit dem Finger auf Viagogo, weil dort Tickets für einen Auftritt von Carolin Kebekus in der Hamburger Elbphilharmonie angeboten wurden. Alle brüllten „Viagogo verkauft gefälschte Tickets!“ – doch was steckt eigentlich dahinter? Um das zu verstehen, sollte man sich mal ansehen, wie Viagogo sich selbst sieht.

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Das solltet Ihr beim Kauf von Konzert- und Festivaltickes beachten!

Was steckt eigentlich hinter Viagogo?

Vielleicht sollte man erst einmal klären, mit wem oder was die Kunden diese „negativen Viagogo-Erfahrungen“ gemacht haben. Um das zu verstehen, kann man ein Beispiel heranziehen, das jeder kennt: eBay bzw. eBay Kleinanzeigen. Dabei handelt es sich um Verkaufsplattformen, oft auch „Online-Auktionshaus“ genannt, auf der Privatleute und Firmen Dinge anbieten und verkaufen können. Und genau das ist Viagogo angeblich auch!

Liest man bei Viagogo die „Über-uns-Seite“ oder die AGB, dann wird eines schnell klar: Niemand kauft Karten bei Viagogo – die Firma selbst bietet gar keine Karten an. Viagogo versteht sich selbst ebenfalls als Verkaufsplattform, auf der Anbieter Karten verkaufen können, die sie nicht brauchen. Beschreibungen, Preise und die Abwicklung des Geschäftes liegen in der Verantwortung des jeweiligen Anbieters. Ähnlich wie eBay, verdient Viagogo hier an den Verkaufsprovisionen.

Und Probleme mit den Tickets müsst ihr euch auch wie bei eBay vorstellen:

eBay-User Bilbo09876 bietet einen Artikel an. Nur im Kleingedruckten ist zu lesen, dass es sich nicht um ein echtes iPhone 7 für 100 Euro handelt, sondern um einen Dummy. Der Käufer bekommt das Teil und regt sich auf, woraufhin Bilbo09876 ihm sagt, er müsse eben die ganze Artikelbeschreibung lesen.

Was passiert nun? Erscheinen da Artikel wie „eBay verkauft gefälschte iPhones“? Eher nicht. Jeder weiß, dass eBay nicht für das Angebot verantwortlich ist und auch nicht jedes Angebot prüfen kann. eBay bietet nur die Transaktionsplattform und verdient am abgeschlossenen Geschäft – ähnlich soll es auch mit Viagogo sein.

Das Problem dabei ist: Viagogo übernimmt eine wesentlich größere Rolle bei dem Handel, als eBay das tut. Die Bestellung läuft über Viagogo und dort müsst ihr auch bezahlen. Die persönlichen Daten des eigentlichen Verkäufers erfahrt ihr nicht, womit dem Betrug natürlich Tür und Tor geöffnet werden. Hinzu kommt, dass die Viagogo-Hotline nicht vernünftig zu erreichen ist und die Firma ihren angeblichen Sitz mal in England hat (demnächst also nicht einmal in der EU!) und dann plötzlich in der Schweiz firmiert. All das gibt niemandem das Gefühl, dass Viagogo seriös ist. Wegen der unklaren Unterscheidungen zwischen Verkaufsportal und Ticketbörse haben Verbraucherschützer .

Trotzdem stehen auf der Webseite immer noch Slogans wie „Wir liefern in jedes Land weltweit, auch in Ihres“, die den Eindruck erwecken, als würden Verkauf und Lieferung durch Viagogo erfolgen.

Was tun, wenn man mit Viagogo unzufrieden ist?

Wer nach den Suchworten Viagogo und Abzocke sucht, wird Tausende von Berichten finden. Es wäre sicher nicht zu schwer, wenn Viagogo die Preise deckeln und dem Betrug einen Riegel vorschieben würde. Immer wieder berichten Käufer davon, dass die Karten ein Vielfaches ihres eigentlichen Preises gekostet hätten. Oft genug wurden dabei angeblich noch Falschangaben gemacht. Bei Viagogo laufen die Käufer da vor eine Wand. Als vorgebliches Verkaufsportal weist das Unternehmen in der Regel die Verantwortung von sich – falls man überhaupt jemanden erreicht. Mails werden nicht beantwortet, Anrufe – wenn man gerade mal wieder eine Nummer findet – sollen auf einem Anrufbeantworter versanden.

Auch die rechtlichen Möglichkeiten sind hier bescheiden. Die Domain gehört einer AG in Genf, der deutsche Vertreter taucht ansonsten nirgends auf. Ein Rechtsstreit wird hier schwierig und vielleicht wechselt die Firma zwischendurch wieder mal die Firmenadresse. Im März war es noch die Rue de Lyon 109 in Genf, mittlerweile als Straße Boulevard Georges Favon 43 genannt.

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Unser Rat zu Viagogo

Sicher haben viele Käufer bei Viagogo „ihre Karten“ gefunden – und dafür vermutlich reichlich gezahlt. Aber die Zahl der Beschwerden zeigt auch, dass man sich besser eine andere Quelle für Tickets suchen sollte, wenn man sicher gehen und sich nicht ärgern will. Abertausende von Warnungen auf der Facebookseite von Viagogo sprechen eine deutliche Sprache und bei Twitter sieht es ähnlich aus.

Viagogo hätte es in der Hand, die Seite seriös aufzuziehen, mehr Transparenz zu schaffen und einen Support, der seinen Namen verdient. Tatsächlich wirkt es aber so, als wäre die Hauptintention – neben dem Geld – die möglichst effektive Verschleierung aller Geschäftsvorgänge. Während es dem Verkäufer relativ leicht gemacht wird, seine potentiellen Kunden abzuzocken, ist man auf der Käuferseite eindeutig im Nachteil. Man erfährt den Namen des Händlers nicht, kann Käufe nicht stornieren und die abgemahnte – immer noch gegebene – Viagogo-Garantie ist rechtlich wertlos, da sie nur verspricht, was ohnehin verpflichtend ist.

Unterm Strich erscheint vor diesem Hintergrund Viagogo ungefähr so empfehlenswert, wie ein Ticketschwarzhändler vor einer Konzerthalle, den man nach dem Kauf niemals wiederfindet – auch wenn sich die Karten als gefälscht herausstellen. Man kann Glück haben…

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