Digitaler Wahlkampf 2017: So gehen die Parteien auf Stimmenfang im Netz

Selim Baykara

Der Wahlkampf geht in die entscheidende Phase, am 24. September 2017 wird der neue deutsche Bundestag gewählt. Auf den letzten Metern ziehen die Spitzenkandidaten der Parteien alle Register, um Unentschlossene zu überzeugen – und das längst nicht mehr nur auf der Straße. 2017 wird ein Wahlkampf, der maßgeblich in der virtuellen Welt entschieden wird. In unserem Dossier geben wir euch den kompletten Überblick über Web-Auftritte, Wahlprogramme und Social-Media-Auftritte der Spitzenkandidaten.

Bundestagswahl 2017

In den USA nutzen Politiker das Netz und die sozialen Medien schon länger. So langsam scheint sich aber auch in Deutschland die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass inzwischen andere Zeiten angebrochen sind. Klassischer Wahlkampf mit öffentlichen Auftritten, Wahlplakaten, Begegnungen mit dem Bürger gibt es zwar auch weiterhin – immer wichtiger wird aber das Internet.

Google, Facebook, Instagram, YouTube sind für viele Menschen heute normaler Bestandteil des Alltags – wenn die Politik nicht das Nachsehen haben will, muss sie sich dieser Realität stellen oder den Anschluss verlieren. Und genau das haben die Strategen in den Parteizentralen mit einiger Verspätung erkannt.

Wahlkampf 2017

Wahlkampf 2017: Willkommen im Internet

2017 wird der erste Bundestagswahlkampf in dem alle Parteien signifikante Beträge in Millionenhöhe ausgeben, um im Netz für sich zu trommeln. Bei den Grünen sollen rund 50% des Anzeigenetats von 2 Millionen Euro in digitale Kanäle fließen, bei der Linken 10% des Gesamtbudgets (6,5 Millionen), bei der CDU irgendwo dazwischen.

Entscheidend ist dass die Strategen verstanden haben, wie der Wahlkampf im Netz funktioniert: Zielgruppe ausfindig machen, die Wähler nach Persönlichkeitsmerkmalen einteilen und dann die passenden Botschaften zuspielen. Moderne Datenanalyse macht’s möglich: Im Prinzip agieren die Parteien nicht viel anders als die Marketing-Abteilungen von Google, Facebook und Co., nur dass eben Politik verkauft wird und keine Konsumgüter.

Bundestagswahl 2017: Facebook-Auftritte von CDU, SPD, FDP und Co.

Die größten Reichweiten erzielen die deutschen Parteien auf Facebook. Kein Wunder, da rund 30 Millionen Deutsche das soziale Netzwerk nutzen. Verglichen damit sind die Like-Zahlen der Parteien recht bescheiden: Die CDU kommt auf 138.216 Gefällt-mir-Angaben, die SPD auf etwas mehr als 147.643. Wenig überraschend: Die kontroverseren Parteien wie Die Linke oder die AFD kommen auf deutlich mehr Follower: Die AFD mit 330.835 Facebook-Likes sogar auf mehr Follower als SPD und CDU zusammen.

Facebook ist für die Parteien ein gutes Mittel, um die User in ihrem News-Feed zu erreichen, etwa mit Videos, Artikeln und kurzen prägnanten Botschaften, die zum Liken und Teilen aufrufen.

Gesicherte Erkenntnisse darüber, wie Facebook die politische Willensbildung beeinflusst, gibt es nicht. Wer sich ein wenig auf Facebook umschaut, wird aber feststellen, dass vor allem kontroverse Themen gut ziehen und für Engagement (Interaktion) sorgen. Dass gerade Krawallparteien wie die AFD besonders viele Anhänger haben, ist sicherlich kein Zufall – das spiegelt sich auch im Interesse auf der Suchmaschine Google wider, wie die folgende Grafik schön verdeutlicht:

Die Parteien auf Facebook:

Um von den Parteien Infos per Facebook zu bekommen, geht ihr einfach auf die jeweilige Seite und hinterlasst einen Like. Anschließend werden die Inhalte und Beiträge in eurem Newsfeed eingespielt.

Was ist mit der Filterblase?

Ein Stichwort, das im Zusammenhang mit Facebook immer wieder fällt, ist die Filterblase. Gemeint ist damit, dass Facebook den Algorithmus des News-Feeds so manipuliert, dass man nur noch Nachrichten oder Meinungen sieht, die den eigenen Vorlieben entsprechen. Jeder abgegebene Like beeinflusse demnach die folgenden Beiträge, die man im Newsfeed angezeigt bekommt. Der Vorwurf: Facebook filtert gegenteilige Meinungen bewusst heraus, so dass man sich permanent bestätigt fühlt und keine anderen Sichtweisen mehr wahrnimmt.

Kritiker wie der bekannte Blogger Sascha Lobo wenden hingegen ein, dass es solche Filterblasen auch schon vor den sozialen Medien gab. Die Blase entstehe in Wirklichkeit im Kopf und nicht erst vor dem Bildschirm. Auch die Tatsache, dass man eher Medien konsumiert, die der eigenen Meinung entspreche, sei nicht unbedingt neu. Die sozialen Medien würden diese selektive Wahrnehmung nur stärker ins Licht rücken und zeigen, dass viele Menschen eben anders ticken, als der liberale Zeitgeist sich das wünscht. Lobo: „Wir sind selbst eine Filterblase. Und sie platzt.“

Wahlprogramm der AFD am stärksten gefragt

Wenn ihr nicht genau wisst, warum ihr eine bestimmte Partei wählen solltet, könnt ihr euch in den jeweiligen Wahlprogrammen der Parteien über die wichtigsten Inhalte informieren. Glücklicherweise haben die Web-Strategen erkannt, dass sich niemand gerne durch seitenlange PDF-Dateien quält – auf den eigens für den Wahlkampf erstellten Landing-Pages sind die Inhalte Programm grafisch und optisch recht ansprechend aufbereitet.

Interessant ist auch hier, welche Wahlprogramme derzeit am gefragtesten sind. Geht man nach Google, gewinnt erneut die AFD – wobei nicht ganz klar ist, warum so viele Leute danach suchen: Vielleicht, weil die Konservativen einfach nicht klar genug sagen, was sie eigentlich wollen?

Hier könnt ihr euch die einzelnen Wahlprogramme herunterladen:

Dass gerade jüngere Menschen vermehrt auf Video-Inhalte anspringen, scheint erst langsam durchzudringen. Immerhin lässt sich ein Umdenken feststellen: So verdeutlicht der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, seine Ziele mit kurzen YouTube-Videos. Visuell erinnern die recht konventionell gehaltenen Filme an herkömmliche Wahlwerbespots. Nicht gerade eine kreative Glanzleistung – vor allem weil andere Kandidaten zeigen, wie man heute Wahlkampf auf YouTube führt.

Christian Lindner und Angela Merkel holen die YouTube-Generation ab

Für die FDP sieht es auf Bundesebene schon seit längerem eher mau aus, auch wenn die Freien Demokraten inzwischen wieder in einigen Landtagen sitzen. Wie man trotzdem Aufmerksamkeit auf sich zieht und gerade auch jüngere Wähler erreicht, demonstriert der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner mit seinen Spots auf YouTube.

Lindner, der sonst eigentlich immer gut gekleidet ist, zeigt sich in dem Video von seiner lässigen Seite: Beim Rasieren, im Unterhemd auf der Couch, vor dem Spiegel auf dem Bahnhofsklo.  Das Konzept ist eine Art Blick über die Schulter von Lindner und funktioniert online sehr gut – auf Facebook wurde der Clip mehr als 160.000 mal angesehen.

Nicht ganz so viele Klicks (75.000) erreichte sein Auftritt auf dem YouTube-Kanal „Disslike“. Lindner stellte sich dort gehässigen Social-Media-Kommentaren jugendlicher Nutzer. Zitat: „Lindner ist wie ein T-Rex. Der Anführer einer ausgestorbenen Gruppe. Und irgendwie auch eine Muschi.“

Auch die Kanzlerin lässt es sich natürlich nicht nehmen, mit der Generation YouTube in Kontakt zu treten. Auf dem Kanal Deine Wahl trifft Angela Merkel am 16. August 2017 auf die YouTuber  „MrWissen2go“, „ItsColeslaw“, „AlexiBexi“ oder „Ischtar Isik“. Die vier sind sogenannte Influencer, also einflussreiche Online-Persönlichkeiten, die eine große Zahl von Followern haben und potentiell Meinungen beeinflussen können.

Influencer-Marketing kennt man bislang eher aus der Lifestyle und Beauty-Ecke. Stars wie Dagi Bee geben etwa Schminktipps und empfehlen ihren Anhängern dabei die passenden Produkte. Der Schachzug von Angela Merkel zeigt, dass auch Politiker langsam anfangen, das Potential der neuen Medien zu erkennen. Falls ihr Fragen an Angie habt, könnt ihr sie selbstverständlich auf der oben verlinkten Seite auf den Kanälen der YouTuber einreichen!

Was geht bei Instagram?

Auch Instagram, das soziale Netzwerk für Bilder, wird zunehmend wichtiger. Im Unterschied zu Facebook geht es hier so gut wie gar nicht um Thesen und die großen gesellschaftlichen Themen, sondern um den Einblick ins Privatleben. Visual Storytelling nach dem Motto: Wer ist eigentlich der Mensch hinter der Maske? Und was machen Merkel, Schulz und Co. wenn sie nicht gerade über die Marktplätze der Republik hetzen?

#kindimmanne Schönen #sonntag an alle! #heimat #schwabenländle #dahoimischdahoim

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Die netten Bildchen, die Cem Özdemir  beim Treffen mit Reinhold Messner oder Christian Lindner auf der Go-Kart-Bahn zeigen, sind letztlich natürlich nur eine Illusion: Alle Spitzenkandidaten haben professionelle Social-Media-Teams, die sich um das Einpflegen der Fotos kümmern, authentische Eindrücke sind selten. Dazu kommt, dass Politiker sich gezielt mit Personen ablichten lassen, die ihrerseits eine große Zugkraft besitzen und viele Fans haben.

So geschehen etwa bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich schon mit dem populären Schauspieler Elyas M'Barek zeigte. Mit Politik hat der nicht so viel am Hut – dafür aber etwa 2 Millionen Follower, während „Angie“ gerade einmal auf knapp 336.000 Abonnenten kommt. Klare Machtverhältnisse und ein guter Grund die Nähe zu den Stars zu suchen.

Interessante Randnotiz: Die AFD ist so gut wie gar nicht auf Instagram vertreten. Die heile Welt der Fotos im Gute-Laune-Filter-Look ist den thesen- und krawallaffinen AFD-Politikern anscheinend einfach viel zu nice…

So mischt Google im Wahlkampf mit

Spannend ist im Wahlkampf 2017 auch, wie Google zunehmend den Wahlkampf beeinflusst. Suchmaschinenoptimierung (SEO), um gute Platzierungen auf Google zu erreichen, das ist längst nicht mehr nur für Unternehmen oder Publisher von Interesse, sondern wird auch für Politiker immer wichtiger. Viele Menschen informieren sich im Netz und gerade in Deutschland ist Google allererste Anlaufstelle, um sich Informationen zu holen. Wer nicht auf Google gefunden wird, findet nicht statt. Interessant ist dabei, wie die Suchmaschine auf subtile Weise Machtverhältnisse widerspiegelt – und vielleicht sogar zementiert.

Bekannte Politiker wie Angela Merkel, Cem Özdemir oder Martin Schulz bekommen bei Google ein sogenanntes Featured Snippet, wenn man nach dem Namen googelt. Diese Infobox wird neben den eigentlichen Suchergebnissen angezeigt und bekommt deutlich mehr Aufmerksamkeit – wer schon bekannt ist, wird durch Google noch ein Stückchen weiter mehr ins Rampenlicht gerückt.

In Zukunft will Google die Infoboxen aber wohl auch dem einfachen Angeordneten aus dem Landkreis zugänglich machen. Dazu wurden 4500 Politiker aufgerufen, Texte einzureichen, die dann neben den Suchergebnissen erscheinen sollen. Die Texte sollen das Programm wiederspiegeln, auf Wunsch können die Politiker aber auch einfach nur ein paar herzliche Worte an ihre potenziellen Wähler richten.

Besonders interessant: Neben den selbst verfassten Texten können die Politiker in den Snippets auch Links zu sozialen Netzwerken unterbringen: Die Profile auf Facebook, Twitter und Instagram dürften damit noch einmal regen Zustrom bekommen und an Aufmerksamkeit gewinnen.

Spitzenkandidaten auf Twitter

Natürlich sind alle Spitzenkandidaten der Parteien auf Twitter vertreten. Wirklich alle? Nicht ganz – die Kanzlerin persönlich hat sich bislang beharrlich einem Twitter-Account verweigert. Auch der AFD-Spitzenkandidat Gauland kann mit so neumodischen Zeugs wie Twitter anscheinend nur wenig anfangen. Verglichen mit den USA spielt Twitter hierzulande aber sowieso eine weitaus geringere Rolle.

Martin Schulz Twitter

 

Während es der ehemalige Präsident Obama etwa auf knapp 1 Milliarde Anhänger brachte, kommt der in Deutschland erfolgreichste Twitter-Politiker Martin Schulz auf gerade mal 464.000 Follower. Das ist selbst mit dem deutschen Spitzenreiter Mesut Özil (16,22 Millionen) verglichen noch ziemlich wenig.

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