Acer Iconia Test: Eine Woche mit dem Dualscreen-Laptop

Holger Blessenohl

Mit dem Iconia Dualscreen ist dem drittgrößten Computerhersteller der Welt, Acer, Anfang dieses Jahres ein echter Coup gelungen. Zugeklappt sieht das Iconia noch aus wie ein elegantes und hochwertiges Notebook. Klappt man den Mobilrechner aber auf, sind erst mal alle Münder vor Staunen offen. Statt einer Tastatur besteht der untere Teil aus einem zweiten Display. Aber ist es auch gut? Das soll unser Praxistext zeigen – Eine Woche mit dem Acer Iconia.

Tablet oder Notebook?

Iconia Dualscreen
Das untere Display ist ein Touchscreen, soviel ist sofort klar. Aber auch der obere Monitor besitzt ein Touchscreen-Display. Dadurch hat man oft die Möglichkeit, entweder über den oberen oder den unteren Bildschirm Dinge zu tun. Acer selbst hat das Iconia als Tablet eingestuft und nicht als Laptop, der Käufer erhält also quasi zwei Tablets statt einem. Daraus resultiert dann allerdings auch eins der größten Probleme des Iconia, mit 2,8 kg ist das 14“-Tablet deutlich schwerer, als man vom Aussehen vermuten würde. Wirklich mobil wirkt das Iconia daher nicht, wenn man es in die Hand nimmt. Vielleicht ist das auch den Produktentwicklern bei Acer schon aufgefallen, jedenfalls hat das Iconia Tablet-untypisch kein 3G-Modul für UMTS/HSDPA-Verbindungen, dafür aber einen normalen Kabel-LAN-Anschluss. Auch auseinandernehmen und in zwei 1,4 kg leichte Tablets zerlegen lässt sich das Iconia nicht. Von daher bleibt die Hybrid-Struktur zwischen Tablet und Laptop erhalten.

Der Dualscreen

Acer Iconia
Da das Iconia zwei Touchscreens besitzt, mussten sich die Entwickler einiges einfallen lassen, um das ungewöhnliche Gerät zu bedienen. Das Ergebnis der Überlegungen ist der Acer-Ring, eine ringförmige Steuerungseinheit, die den Schnellzugriff auf Ordner und Applikationen bietet, den der obere Screen selbst eher erschwert. Auf dem befindet sich nämlich kein Apple iOS oder Android, Betriebssysteme also, die für eine Tablet-Nutzung optimiert wurden und entsprechend große Icons bieten, sondern Windows 7. Das beherrscht zwar die Bedienung über einen Touchscreen, komfortabel ist das aber nicht, da Icons und Zeichen viel zu klein dargestellt werden, um zielgenau mit dem Finger darauf tippen zu können. Lediglich der Scrollbalken kann einigermaßen normal bedient werden.

Die virtuelle Tastatur

Iconia Tastatur2
Im Normalfall wird man das Iconia mit Dualscreen also wie ein normales Notebook auf der unteren Tastaturfläche bedienen, entweder klassisch mittels der virtuellen Tastatur oder über Acer Steuerring. Beginnen wir mit der Tastatur. Als ich auf der CeBIT das Acer Iconia zum ersten Mal sehen konnte, sagte mir der zuständige Produktmanager, man benötige etwa 10 Minuten, um mit der Tastatur klarzukommen. Logischerweise war daher die virtuelle Tastatur mein erster Test, und auch alle anderen, denen ich im Laufe meiner Testwoche das Iconia zeigte, wollten als erstes die Tastatur ausprobieren. Da ich normalerweise im 10-Finger-System schreibe, habe ich das natürlich auch auf der virtuellen Iconia-Tastatur versucht. Länger als 10 Minuten. Währenddessen habe ich über die Einstellungen den Tastatur-Manager gestartet, über den man den Tastenabstand individuell anpassen kann. Dazu klickt man auf „Einrichten“ und tippt danach den Satz „the quick brown fox jumps over a lazy dog“ in die Tastatur (Obacht: Im Einrichten-Manager erscheint seltsamerweise plötzlich die US-Tastatur, y und z also vertauschen!). Wirklich weitergeholfen hat aber auch das nicht, wenngleich die Tasten danach schon ein wenig kleiner und enger dargestellt wurden.

Tastatur des Iconia anpassen

Iconia Einstellungen
Die Tastatur lässt sich weiter anpassen, indem man sie mittels des virtuellen Schiebereglers links auf dem Display verschiebt. Außerdem kann man ein Tastengeräusch einspielen lassen, sobald eine Taste angeschlagen wird. Aber auch das hilft bei der Orientierung auf der Tastatur nicht viel weiter. Ich empfand es auch als schwierig, den richtigen Tastendruck zu finden. Einerseits übernimmt das Iconia Eingaben oft nicht, andererseits knallt es endlos lange Buchstaben-Reihen hintereinander, wenn man den Finger länger auf einer Taste hält – für einen 10-Finger-Schreiber das Normalste der Welt. Etwas leichter geht das Tippen vonstatten, wenn man die Smart Input Funktion XT9 oben links auf der virtuellen Tastatur aktiviert. Dahinter verbirgt sich eine Worterkennung, die zwar relativ gut Wörter erkennt, leider aber auf einem erkannten Wort auch dann besteht, wenn das gewünschte Wort in der Vorschlagliste nicht auftaucht. Da ich gelegentlich gerne auch einmal seltenere Wörter verwende, befinde ich mich also schnell auf Kriegsfuß mit der Worterkennung. Als bestes Workaround gehe ich schließlich nach vielen Jahren wieder zum 2-Finger-Adler-Suchsystem zurück. Für produktives Schreiben ist das Iconia nicht geeignet, aber wohl auch nicht gedacht.

Handschriftenerkennung und Scrapbook

Iconia Tastatur
Der Worterkennung begegne ich in der Handschriftenerkennung wieder. Auch hier habe ich wieder das Problem, dass die Worterkennung partout auf den erkannten Worten besteht. Die einzige Möglichkeit, ein unbekanntes Wort zu verwenden, besteht daher darin, es in die Wortliste aufzunehmen. Allzu sinnvoll scheint mir die Worterkennung meiner Handschrift nicht zu sein. Es dauert ewig, bis man auch nur einen Satz geschrieben hat. Besser verwenden lässt sich die Funktion im Scrapbook, das ist ein kleines Zeichenprogramm, in dem sich zum Beispiel einfach Webclips oder Grafiken ablegen lassen. Die Bilder können mit zwei Fingern gedreht, vergrößert oder verkleinert werden. Handschriftlich lassen sich dann Bemerkungen oder Ergänzungen hinzufügen, die fertigen Skizzen auf dem Desktop ablegen und von dort per Mail verschicken. In Kombination mit dem Capture-Werkzeug ist das ein wirklich hilfreiches Tool für Webseiten-Betreiber. Einfach mit Capture einen Screenshot anfertigen und in Scrapbook einfügen, den Fehler rot umkreisen und den Verbesserungsvorschlag handschriftlich daneben schreiben.

Touch Music, Touch Video, Touch Photo

Weitere von Acer im Acer-Ring zur Verfügung gestellte Schnellzugriffe sind Touch Music, Touch Photo und Touch Video. Diese sind im Grunde nichts anderes als Short-Cuts zu den Windows-Ordnern Eigene Bilder, Musik oder Videos. Mit Touch Browser wird der Standard-Browser gestartet. Zu den wirklich gelungenen Features des Iconia Dualscreen gehört die Webseitendarstellung, weil hier der Dualscreen als Erweiterung der Anzeigefläche über zwei Screens endlich einmal sinnvoll genutzt wird, während man sonst oft das Gefühl hat, Acer versuche mit dem Touchscreen vergeblich, ein normales Laptop nachzubauen.

My Journal und Web Clip

Iconia Internet
Auch Acer hat die Bedeutung des Internet für das Iconia als Surfmaschine durchaus erkannt. Neben dem Capture genannten Tool für Screenshots gibt es auch noch WebClip, mit dem sich Webseitenteile für MyJournal ausschneiden lassen. MyJournal ist wieder über den Acer-Ring erreichbar und stellt so etwas wie ein privates Internet zusammen. Ähnlich wie in einem Feed-Reader kann man sich interessante Artikel, Bilder oder Videos auf Webseiten mit Web Clip ausschneiden und in MyJournal verfügbar machen. Bei jedem Start von MyJournal werden die Inhalte auf Änderungen überprüft, die Artikel sind also dynamisch. Auf diese Weise kann man sich zum Beispiel die neuesten Artikel in den Lieblingsblogs oder ausgewählte Zeitungs-Rubriken anzeigen lassen. Leider sind diese Web Clip-Inhalte nicht dynamisch genug, dass sich wirklich der ganze Artikel darstellen ließe. Mein Versuch, einen langen Artikel komplett in MyJournal zu übernehmen, indem ich die untere Schnittfläche immer weiter nach unten gezogen habe, endete damit, dass ich nur den unteren Teil des Artikels übernommen hatte. Immerhin kann man aber auf diese Weise schnell nachsehen, ob es auf den Lieblingsseiten Neuigkeiten gibt und muss dann halt per Doppelklick den Browser öffnen, um alles zu lesen. Das Ausschneiden per Webclip funktioniert übrigens nur im TouchBrowser, der dafür eigens gestartet werden sollte.

Der Social Jogger

Acer Ring
Schließlich bietet Acer über den Ring auch noch den Social Jogger an. Im dreigeteilten Fenster des Programms kann man sich seine sozialen Aktivitäten gebündelt ansehen. Leider unterstützt der Social Jogger derzeit nur Facebook, YouTube und Flickr. Warum zum Beispiel Twitter fehlt, hat sich mir nicht erschlossen. Dafür funktioniert die Anwendung bei den drei sozialen Netzwerken problemlos und verschafft ähnlich wie MyJournal einen schnellen Überblick über alle wichtigen Änderungen. Für kurze Antworten genügt dann auch die virtuelle Tastatur des Iconia Dualscreen.

Der Akku des Iconia

Iconia Gelenk
Zu den unrühmlichsten Kapiteln des Iconia gehört die Akkulaufzeit, was möglicherweise bei einem Gerät, das wegen des vergleichsweise hohen Gewichts und der fehlenden 3G-Schnittstelle ohnehin nicht zu den mobilsten gehört, aber vernachlässigt werden kann. Und nicht zuletzt die zwei Touchscreens ziehen den Akku natürlich auch schnell leer. Als Desktop Replacement hingegen kann man ja den Stecker drinlassen und anderthalb Stunden hält das Iconia auf dem Balkon schon mal aus. Etwas verdattert war ich aber doch, als sich das Iconia das erste Mal nach vergleichsweise kurzer Zeit einfach ausschaltete und sich erst mit dem Stromkabel wieder reanimieren ließ. Andere Notebooks warnen einen da wenigstens vor. Zumindest hat das Acer Iconia aber die gesamte Sitzung noch gespeichert, bevor es sich selbst heruntergefahren hat. Nach dem Aufladen konnte ich dann an derselben Stelle fortfahren, an der sich das Iconia ausgeklinkt hatte, mit allen geöffneten Programmen und „ungespeicherten“ Inhalten. Auch ein Wechsel des Akkus ist nicht möglich, um die Laufzeit zu verlängern.

Device Control und Gesture Editor

Die Bedienung des Acer Iconia ist ungewohnt und daher gewöhnungsbedürftig. Daher hat Acer gut daran getan, im Acer-Ring einige Funktionen einzubauen, mit der man die Bedienung individuell besser anpassen kann. Dazu gehört zum Beispiel die Device Control, mit der man die Einstellungen für die Anzeige ändern kann oder die oben schon vorgestellte Virtual Keyboard-Anpassung. Ein weiteres Feature ist der Gesture Editor, mit dem sich eigene Gesten für Programm-Schnellstarts eingeben lassen. Dazu muss man das zu startende Programm auswählen und dann die Geste zweimal im Editor eingeben. Danach kann man die Geste auch noch üben. Ich habe versucht, auf diese Weise den Chrome-Browser zu einem Schnellstart zu bewegen, was mir aber nicht so recht gelungen ist. Obwohl ich während des Übens praktisch immer vom Programm die Rückmeldung bekam, die Geste sei verstanden worden, war dies in der Praxis dann kaum der Fall. Ich musste meine selbst gewählte Geste mindestens 10x ausführen, bis Chrome endlich startete. Diese Erkennungsrate ist deutlich zu niedrig, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass ich die Geste unmittelbar danach wieder eingegeben habe, den Schwung der Bewegung also noch „in der Hand“ hatte. Die Geste bestand auch nur aus einem C-Zeichen, was nicht übermäßig schwer zu verstehen sein sollte.

Der Test: Was andere sagen

Iconia Dualscreen
Keine Frage, beim Acer Iconia handelt es sich um eines der interessantesten Geräte dieses Jahres, wenn nicht das interessanteste. Interessant genug, dass ich das Iconia in der Testwoche einmal zu Freunden mitgenommen und ihnen einfach zum Antesten auf den Tisch gestellt habe. Die Reaktion war bei allen dieselbe. Zunächst interessiertes Erstaunen, dann aber doch sehr schnell Ernüchterung. Und was mache ich jetzt damit? Am positivsten blieb noch eine befreundete Japanerin, die vom Grundkonzept zweier Touchscreen-Monitore zwar begeistert war, nun aber dafür geeignete Software-Anwendungen vermisste, die gezielt beide Screens nutzen könnte.

Insgesamt konnte ich bei allen, die das Iconia in der Hand hatten, eine gewisse Hilflosigkeit ausmachen, die ich bei mir selbst auch feststellen konnte. Wofür braucht man ein Acer Iconia? Zum Mitnehmen ist es nicht mobil genug, also kann ich es nur zu Hause verwenden. Als „Schreibmaschine“ und Arbeitsgerät ist es aber wegen der schlechten virtuellen Tastatur auch nicht zu gebrauchen. Videos sehen auf dem Display zwar gut aus (falls man vorher die Fettflecken entfernt hat), auf einem großen Fernseher oder Monitor sehe ich mir Filme aber lieber an. Bleibt also als einzige sinnvolle Verwendung die Nutzung als Zweitrechner zum Surfen im Internet und ein wenig Social Jogging. Das ist nicht viel an Funktion, und das bei einem Gerät, das rund 1500 Euro kosten soll. Hinzu kommen als Negativpunkt einige kleine Bugs in der Bedienung, die aber hoffentlich mit den ersten Firmware-Updates ausgebessert werden. Meistens kann man bei den beiden Screens zumindest, wenn der eine Weg nicht funktioniert, über einen anderen zum Ziel kommen.

Fazit: Faszinierend, aber leider sinnlos

Einen Verkaufsschlager hat Acer mit dem

sicherlich nicht gelandet, aber zumindest eindrucksvoll seine Ambition unterstrichen, als Computerhersteller auch technologisch zu den führenden Unternehmen zu gehören. Ich fühlte mich dennoch mit dem Iconia ähnlich wie in einer Design-Ausstellung. Ich kann den ungewöhnlich geformten Stuhl zwar voller Begeisterung betrachten, beim Gedanken daran, ihn bei mir zu Hause aufzustellen, nehme ich aber schnell Abstand, weil ich weiß wie unbequem man darauf sitzt. In 10-20 Jahren wird das Acer Iconia Dualscreen in den Computer- und Designmuseen der Welt stehen – als skurriles Beispiel für den Touchscreen-Wahn der frühen 10er-Jahre.

Pro: Design, Acer-Ring, Multitouch-Screen, Scrapbook, MyJournal, Social Jogger
Contra: Akku, virtuelle Tastatur, Gestensteuerung, kleine Bugs

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