Anonymous: Großrazzia nach GEMA-Attacke

Holger Blessenohl

Im Giga-Interview hat GEMA-Sprecherin Gaby Schilcher erst vor zwei Tagen das schlechte Image der GEMA als “unreflektiert und polemisch” attackiert und die Verwertungsgesellschaft als Bollwerk gegen die Missachtung der “Schaffenskraft der Kreativen” positioniert. Gegen das schlechte Image wehrt sich die GEMA aber auch juristisch: Mit einer Großrazzia in ganz Deutschland wurden jetzt 106 angeblichen Anonymous-Aktiven die Rechner beschlagnahmt. Aber wie aktiv waren die eigentlich?

Wie die Berliner Bloggerin Politgirl schildert, die den Durchsuchungsbeschluss einer Freundin in Kopie publiziert hat, wusste diese bis zu dem Moment, als die Polizei vor der Haustür stand, um ihre Rechner einzupacken, jedenfalls nichts davon, an einer DDoS-Attacke gegen die GEMA beteiligt gewesen zu sein. Ihre Kinder, sechs und neun Jahre, fallen als Täter wohl auch aus. Auch von anderen Beteiligten wird berichtet, dass sie aus allen Wolken fielen, als plötzlich die gesamte IT-Infrastruktur der Wohnung von den BKA-Beamten für die weitere Ermittlung wegen Computersabotage rausgetragen wurde.

Wie dem veröffentlichten Durchsuchungsbeschluss zu entnehmen ist, geht auch das BKA nicht davon aus, dass es sich bei den von der Razzia Betroffenen um Anstifter oder feste Mitglieder der Hackervereinigung handelt. Es wird lediglich der Vorwurf erhoben, am 17.12.2011 eine Website angesurft zu haben, auf der ein Javascript installiert war, das den Surf-PC für eine DDoS-Attacke genutzt hat. Derzeit ist unklar, ob den beschuldigten Personen klar sein konnte, dass sie an einer Attacke teilnehmen. In einem Kommentar auf dem Politgirl-Blog schildert User robin, dass es auf der Website zwei Buttons gab, nur auf dem einen wurde unverhohlen mit „Feuer frei“ zur „Mitarbeit“ aufgerufen. Dennoch waren beide Buttons angeblich so programmiert, dass sich die Besucher der Website – freiwillig oder unfreiwillig – an der DDoS-Attacke beteiligten. Nach anderen Schilderungen genügte bereits der bloße Aufruf der Website, um das Javascript auszuführen.

Offensichtlich wollen also GEMA und BKA mit dem sehr harten Vorgehen (das BKA hat nicht nur die Computer, sondern auch sämtliche IT-Peripherie-Geräte, Handys usw. in den Wohnungen beschlagnahmt) gegen bestenfalls Mitläufer, möglicherweise zumindest zum Teil sogar unschuldige Opfer, deren einziges Vergehen darin bestand, mit eingeschaltetem Javascript durchs Web zu surfen und sich am falschen Tag für die falschen Dinge zu interessieren, weitere Mitläufer abschrecken. Möglicherweise erhofft sich das BKA auch Informationen zu aktiven Anonymous-Mitgliedern im Hintergrund der Aktion durch die Auswertung der eingesammelten Hardware. Aber eine deutschlandweite Großrazzia gegen schlimmmstenfalls ganz kleine Fische wegen einer DDoS-Attacke einzuleiten, die nicht einmal erfolgreich war, sondern lediglich den Seitenaufruf der GEMA-Homepage eine kurze Zeit lang etwas verlangsamt hat, auf der man noch dazu nichts kaufen oder bestellen kann, ist wohl das Maximum an Eskalation, die seitens der GEMA möglich war. Ob das ihr ramponiertes Image verbessern kann, darf bezweifelt werden. Die GEMA-Seite ist seit heute Morgen offline. Jetzt aber wirklich.

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