Big Brother Awards 2012: And the Loser is … Cloud, Blizzard Entertainment, SchoolWater und weitere

Holger Blessenohl

Schon seit 2000 werden in Deutschland alljährlich die Big Brother Awards verliehen. Der nach dem dystopischen Roman 1984 von George Orwell benannte Negativpreis wird an Personen oder Institutionen verliehen, die sich im vergangenen Jahr im besonderen Maße in der Zerstörung der Privatsphäre von Menschen hervorgetan oder Dritten persönliche Daten zugänglich gemacht haben. Vergangenen Freitag wurden zum zwölften Mal die Awards verliehen. Wir stellen alle Preisträger 2012 vor:

1.) Im Bereich „Behörden und Verwaltung“ bekam den Big Brother Award der Sächsische Staatsminister des Inneren, Markus Ulbig, für die Funkzellenabfragen während einer Demonstration gegen Nazis in Dresden. Dabei wurden wegen mehrerer kleinerer Vergehen insgesamt über eine Million Datensätze aller Mobilfunkdaten abgefragt, aus denen sich zum Beispiel eine vermutlich nahezu lückenlose Liste aller Teilnehmer der Demonstration erstellen ließe.

2.) Den interessantesten Preis hat der Verein im Bereich Kommunikation vergeben. Gewinner beziehungsweise Verlierer ist die Cloud. Mit dem Preis möchte der FoeBuD (Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs) als Ausrichter auf die zunehmenden Datenprobleme aufmerksam machen, die sich im Zuge des Trends zum Cloud Computing ergeben. Problematisch sieht der FoeBuD erstens die oft fehlende Verschlüsselung der privaten Daten, zum Zweiten die ständige Möglichkeit unerkannten staatlichen Zugriffs der US-Behörden bei allen US-Firmen, selbst wenn die Server in Europa stehen.

3.) Der dritte Big Brother Award geht im Bereich Politik an Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) für den Plan einer gemeinsamen zentralen Verbunddatei „Gewaltbezogener Rechtsextremismus“ sowie für die Einrichtung eines Cyber-Abwehrzentrums und eines Gemeinsamen Abwehrzentrums gegen Rechtsextremismus, beides ohne parlamentarische Debatte. Insbesondere die undurchsichtige Vermengung von Polizei und Geheimdiensten, teilweise sogar des Militärs, kritisieren die Datenschützer.

4.) Im Bereich Verbraucherschutz geht der Preis an den Vermarkter von Online-Spielen Blizzard Entertainment. Das zum Beispiel für das Online-Rollenspiel World of Warcraft bekannte Entwicklerstudio protokolliert zahlreiche Spieldaten, aus denen sich problemlos Persönlichkeitsprofile erstellen lassen. Für eine entsprechende Technik besitzt Blizzard Entertainment sogar ein Patent. Einige Programmteile werden von der Electronic Frontier Foundation offen als „Spyware“ bezeichnet.

5.) Einen weiteren Big Brother Award konnte sich das deutsche Unternehmen Gamma International im Bereich Technik abholen. Gamma entwickelt für Geheimdienste und Behörden Spionageprogramme, die zum Beispiel Sicherheitslücken in iTunes oder Skype für die Infizierung ausnutzen. Bei der Stürmung des ägyptischen Geheimdienstes während der demokratischen Frühjahrsrevolte wurde das Programm zum Beispiel gefunden.

6.) Im Bereich Arbeitswelt konnte BoFrost einen Big Brother Award für die systematische Ausforschung des eigenen Betriebsrates in Empfang nehmen. Dabei wurden auf den PCs der Betriebsratsmitglieder ohne deren Kenntnis Fernbedienungssoftware installiert. Die ausgespähten Daten hat der Tiefkühlkost-Anbieter anschließend für rechtswidrige Kündigungen genutzt, dem Unternehmen wurde vom Gericht ausdrücklich verboten, Einsicht in die Computer des Betriebsrates zu nehmen.

7.) Die letzte Auszeichnung ging im Bereich Wirtschaft an die Brita GmbH. Der Hersteller von Trinkwasserfiltern und -systemen hat ein Projekt Schoolwater initiiert, bei dem Schulkinder Geld für gefiltertes Leitungswasser zahlen müssen, wobei die Kinder beziehungsweise deren Eltern die leeren Flaschen per Vertrag mieten müssen. Um zu gewährleisten, dass nicht mehrere Kinder dieselbe Flasche nutzen, werden diese mit einem RFID-Chip versehen, sodass die Flasche nur alle 10 Minuten gefüllt werden kann.

Die Brita GmbH hat für ihren erfolgreichen Versuch, aus einfachem Leitungswasser ein monetarisierbares Produkt zu entwickeln und bereits für Schulkinder ein bevormundendes Überwachungssystem einzuführen auch noch den Publikumspreis 2012 gewonnen (oder verloren).

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