Das erste BarCamp in Äthiopien: Blogosphäre, eLearning und One Laptop per Child – ein Interview

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barcamp ethiopia
Im September findet zum ersten Mal ein BarCamp in Äthiopien statt – also eine selbstorganisierte Konferenz über Internet-Themen, in einem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört und das man nicht gerade mit IT verbindet. Wir haben einen der Organisatoren befragt, über die Situation in Äthiopien, den Sinn von eLearning in wenig entwickelten Ländern, die Idee hinter dem BarCamp, das One-Laptop-Per-Child-Projekt und die Blogosphäre Äthiopiens.

jörn schultz
Unser Gesprächspartner Jörn Schultz (im Bild rechts) lebt in Addis Abeba und gehört zu den Initiatoren des BarCamp Ethiopia. Er arbeitet im Ethiopian Engineering Capacity Building Program (ECBP) an dem Aufbau von eLearning an äthiopischen Universitäten. Das Programm versucht, entsprechende pädagogische und technische Kompetenzen an Studierende und Lehrende zu vermitteln und lokal zu verankern.

LoadBlog: Um ein Bild von der Situation in Äthiopien zu bekommen: Wie ist überhaupt die Versorgung mit Computern und Internet? Benutzen viele Menschen das Netz?

Jörn Schultz: Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist der Anteil der Internet-Nutzer sehr gering. Ungefähr 80% der Menschen wohnen auf dem Land, weitgehend ohne Zugang zu Informations-Technologien, und auch die Analphabeten-Rate ist extrem hoch, über 50%. Sogar in den Städten können sich nur die allerwenigsten einen Computer leisten, und die Internet-Bandbreite, die in Äthiopien zu Verfügung steht, ist äußerst knapp bemessen (derzeit insgesamt ca. 1 GBit/s für das ganze Land ). Dazu kommt, dass die Verbindung noch sehr teuer und instabil ist. Es werden immer mehr Internet-Cafés in größeren Städten eröffnet, die aber auch nur sehr langsame Verbindungen anbieten können. Wenn Internet von normalen Bürgern also genutzt wird, dann in kurzen und unregelmäßigen Sitzungen. Die Medienkompetenzen sind dementsprechend allgemein noch sehr gering. eMail und Facebook sind meines Erachtens die beliebtesten Dienste.

Gibt es denn eine Art IT-Industrie in Äthiopien, junge Start-ups, Agenturen usw. ?

ethiopia map
Es gibt Start-Ups und Web-Agenturen, die Industrie befindet sich jedoch noch sehr im Anfangs-Stadium. IT-Kompetenzen sind im ganzen Land und auch an den Hochschulen sehr schwach, und Unternehmertum ist aus kulturellen und historischen Gründen wenig verbreitet. Durch die geringe Konnektivität werden auch anregende Beispiele aus dem Ausland wenig wahrgenommen. Dies ist schade, weil IT für ein Land wie Äthiopien großes Potential hätte – für die Wirtschaft, für Bildung und für die Stärkung der Demokratie im allgemeinen. In Nachbarländern wie Kenia und Uganda passiert da z.B. gerade sehr viel.

Einer der Themen-Vorschläge für das BarCamp ist die äthiopische Blogosphäre. Gibt es viele Blogs in Äthiopien, womit beschäftigen sie sich?

Blogs sind noch relativ unbekannt in Äthiopien, außerhalb einer kleinen interessierten Gemeinde. Die gebloggten Themen sind unterschiedlich, aber vor allem betreffen sie persönliche und gesellschaftliche Beobachtungen aus dem Alltag. In unserem Programm versuchen wir auch, Blogs als eines der kollaborativen Werkzeuge für den Lernprozess einzuführen. Für das BarCamp bereitet eine Gruppe von lokalen Bloggern ein paar Sessions vor – sie wollen sich zum einen besser untereinander vernetzen, und zum anderen auch die Öffentlichkeit näher mit diese Form des “Bürger-Journalismus” vertraut machen. Ein anderes Session-Thema ist, welchen Einfluss Diaspora-Blogs aus den USA und Europa auf die lokale Wahrnehmung und Diskussion haben.

Ein BarCamp zum Thema eLearning in Äthiopien – sind in Äthiopien nicht andere Probleme dringlicher? Wo siehst du das Potential von eLearning?

ecbp screenshot
Ich denke, dass eLearning sehr viel zur Entwicklung von Äthiopien beitragen kann. Da eines der Hauptprobleme der äthiopischen Wirtschaft der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist, werden derzeit im ganzen Land sehr viele neue Universitäten gebaut, und bestehende Unis werden ausgebaut. Jedes Semester expandiert die Studentenanzahl an jeder Uni um viele Tausend zusätzliche Studenten – gleichzeitig fehlen aber weiterhin qualifizierte Lehrkräfte, hochwertige Lehrmaterialien und andere notwendige Ressourcen. Bibliotheken enthalten z.B. nur wenige, oft irrelevante und veraltete Literatur. Technische Labore sind spärlich verteilt und ihnen fehlt oft aus Kostengründen die passende Ausstattung. Durch die Einführung von grundlegender IT-Infrastruktur auf dem Campus haben die Studenten 24 Stunden pro Tag Zugang zu offenem Lern-Content, der aus dem Internet heruntergeladen wurde, sowie zu kontextgerechten Inhalten, die lokal hergestellt oder angepasst wurden. Mit digitalen Arbeitsumgebungen, wie Wiki oder Podcast, können auch aktive und praktisch relevante Lernformen, wie Projektarbeit, problembasiertes Lernen oder die kollaborative Erstellung von Lern-Inhalten besser unterstützt und einfacher eingeführt werden. Außerdem lernen die Studenten durch eLearning nebenbei auch, praktisch mit digitalen Medien und Werkzeugen umzugehen – Kompetenzen, die für das spätere Berufsleben immer wichtiger werden.
eLearning wird aber nur eines der vielen Themen vom BarCamp Ethiopia sein. Offizielles Motto des BarCamps ist “New Learning | New Thinking | New Behavior”. Wir wollen, dass die Teilnehmer erfahren, dass sie durch eigene Initiative, kreatives Denken und Zusammenarbeit viel mehr erreichen können, als wenn sie auf Hilfe und Anweisungen von anderswo warten. Technologie kann ein effizientes Werkzeug sein, aber die Hauptsache ist die Einstellungsänderung und die verstärkte Zusammenarbeit. Die bisher vorgeschlagenen Beiträge können auf der Barcamp Ethiopia Wiki-Seite eingesehen werden. Jeder ist übrigens herzlich eingeladen, im September teilzunehmen!

Wie kam es überhaupt zu der Idee, das BarCamp anzusetzen?

Die Idee des Barcamps entsprang einerseits unserem Wunsch, den Mitgliedern der virtuellen Community, die wir hier angestoßen haben (elearningethiopia.ning.com), eine Gelegenheit zum physischen Aufeinandertreffen zu geben. Andererseits basiert unser Vorhaben in den Universitäten – also die Etablierung von digital unterstütztem, studentenzentriertem, aktivem und kollaborativem Lernen – auf denselben Prinzipien wie das BarCamp-Konzept, d.h. Eigeninitiative, kreative Auseinandersetzung und Zusammenarbeit. Das BarCamp ist ein Weg für uns, den Sinn dieser Ideen für jeden praktisch erfahrbar zu machen. Und deshalb haben wir auch die Form des BarCamps gewählt, und keine herkömmliche Konferenz.

Was erhoffst du dir von dem BarCamp?

Ich hoffe, dass es eine spannende, lehrreiche und unterhaltsame Veranstaltung wird. Es wäre schön, wenn die Teilnehmer mit neuen Ideen und neuen Kontakten nach Hause gehen, die für längerfristige Projekte und Partnerschaften die Grundlage bilden können.

Das Programm, bei dem du arbeitest, betreut auch das One-Laptop-Per-Child-Projekt in Äthiopien. Was hältst du von dem Projekt?

Das One-Laptop-Per-Child-Projekt (OLPC) ist eine positive und innovative Initiative, die Bewusstsein vom Bedarf, dem Potential und der praktischen Möglichkeiten des Einsatzes von IT für Bildung auch in ärmeren Länder geschaffen hat. Nichtsdestotrotz zeigt die Realität, dass die OLPC-Idee, sich auf das einfache Austeilen von Laptops zu beschränken, nicht ausreicht. Damit die Laptops effizient von Kindern auch in der Bildung benutzt werden können, müssen außerdem, besonders in einem Land wie Äthiopien, Dinge wie Stromversorgung, Reparatur und Lehrer-Training nachhaltig organisiert werden. Genau mit diesen Interventionen beschäftigt sich deshalb unsere Abteilung vom ECBP. Unser Konzept “Innovative Learning” enthält ausgerechnet bei OLPC fehlende Interventionen wie Lehrer-Training, Local Ownership und Monitoring der Lernergebnisse der Schüler. Alle drei Aspekte fehlen bei OLPC oder werden dort sogar explizit negiert. An Lösungskonzepten für diese Probleme wird derzeit in vielen Projekten weltweit gearbeitet. Den Initiatoren von OLPC kann man zugutehalten, dass sie diese Entwicklung angestoßen haben.

Das BarCamp findet am 17. und 18. September 2010 auf dem EiABC-Campus in Addis Abeba statt.

Mehr Informationen zum BarCamp Äthiopien
Die offizielle Einladung auf barcamp.org


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