Deutschland, Daddler-Land: Eine kleine Wahrheit über Spiele

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Es ist ein kurioses Phänomen, dass Spiele, insbesondere Computerspiele, sowohl im gesellschaftlichen als auch kulturellen Wert hierzulande als eher gering angesehen werden. „Spiele“ scheinen noch immer unwichtig, da fast unbeliebt in Deutschland zu sein, eine Nische für unreife Kinder und solche, die wohl nie erwachsen werden können oder wollen. Die realen Verkaufszahlen sprechen allerdings eine deutlich andere Sprache.

Computerspiele stehen in der deutschen Öffentlichkeit vor allem im Fokus von sich produzierenden Politikern, die wieder, nachdem irgendein verzweifelter Schüler sich und seiner näheren Umgebung das Hirn herausgeschossen hat, auf die Gefahr von Spielen hinweisen und offen (Herstellungs)-Verbote aussprechen möchten.

Als Spiel ist einzig das Ball-SPIEL, allen voran König Fußball, akzeptiert – sind doch die Spieler professionelle Arbeiter, die für ihre jeweiligen Vereine Tore schießen und dafür zum Teil Millionen Euro verdienen. Als Entwickler von PC- oder Konsolenspielen wird man aber eher mitleidig belächelt und mit tröstenden Worten a la „Naja, das wird sich beruflich sicher bald ändern!“ bedacht. Entwickler von staubtrockenen Tabellenkalkulationen sind hingegen Leute, die es geschafft haben.

“Werde erwachsen, du Freak!”

Gibt man heute als Mitt-Dreißziger seinem nicht spieleaffinen Gegenüber zu verstehen, dass man die letzte Nacht irgendeinen Ego-Shooter gespielt, in World of Warcraft durch eine Instanz gestreift oder als Pilot eines kriegerischen Flugsimulators zahlreiche Bömbchen auf strategisch wichtige Einrichtungen des Feindes geworfen zu haben, erntet man zumeist Blicke, deren Interpretationsmöglichkeiten irgendwo zwischen „Ach, du Armer“ und „Werde Erwachsen, du Freak!“ liegen.

Was viele nicht wissen, ist, dass Deutschland der wichtigste Markt für PC-Spiele und der drittwichtigste Markt für Konsolen- und PC-Spiele weltweit ist und hier Umsätze erwirtschaftet werden, bei denen die Film- und Musik-Branche gelb vor Neid werden.

Games-Branche in Deutschland: Größer als Musikmarkt

Ein kleines Zahlenbeispiel. Die deutsche Filmwirtschaft setzte 2008 mit Kino und dem Verkauf von Filmträgern a la DVD und BluRay knapp 800 Millionen Euro um, die Musikwirtschaft kam im gleichen Jahr auf knapp unter 1,5 Milliarden Euro.

Allein mit Games für PC und Konsolen wurden hierzulande im gleichen Zeitraum über 55,6 Millionen Titel verkauft, was einen Umsatz von über 1,53 Milliarden Euro entsprach. Hinzu kam der Markt für Spiele-Hardware, die Joysticks, Mäuse, Tastaturen und natürlich die Konsolen wie die Xbox 360 oder die Playstation 3. Der Konsolen-Hardwaremarkt setzte 2008 980 Millionen um, womit der deutsche Spielegesamtmarkt einen Wert von über 2,54 Milliarden Euro entsprach und damit größer war als der von Film und Musik zusammen.
Nun könnte man ja ins Feld führen, dass man auch den Verkauf von DVD-, BluRay-, CD- und MP3-Playern in dieses lustige Zahlenspiel einrechnen müsste. Das wäre aber nur dann zulässig, wenn einzig der Erfinder es BluRay- bzw. des DVD-Laufwerks selbige verkaufen würde, wie im Spielemarkt: Microsoft ist der alleinige Hersteller der Xbox360, Sony der der Playstation3 und Nintendo der der äußerst erfolgreichen Wii. Die Konsolenhersteller erhalten pro hergestelltem (nicht verkauftem!) Spiel eine satte Lizenzzahlung, so dass sich hier der Kreis wieder schließt.

Krisenfeste Entwicklung

Das wirklich Interessante ist, dass sich die Verkäufe von Spielen und Spiel-Hardware auch in wirtschaftlich schweren Zeiten nicht unter Druck setzen lassen. Gerade mal drei Prozent gab der Markt 2009 nach, so dass 2009 gerade mal „nur“ 2,47 Milliarden Euro flossen. Schaut man sich die Verkaufszahlen der erfolgreichsten Spiele des Jahres 2009 einmal an, ist von einer Wirtschaftsflaute, klammen Kassen oder gar sparsamen Gamern weit und breit nichts zu sehen.

So verkaufte sich ein Die Sims3 allein auf dem PC nur im Jahre 2009 knapp 310.000 Mal, was allein schon einen Umsatzwert von über 14 Millionen entsprach. Der mittlerweile weltweit erfolgreichste Titel, Call of Duty: Modern Warfare 2, fand sich 500.000 Mal auf deutschen Monitoren und Fernsehern wieder, was ebenfalls zig Millionen in die Kassen der Publishers gespült hat.
Am erfolgreichsten aber, und das übersehen Skeptiker gerne, waren zahlreiche Titel für den Nintendo Wii und den DS. Sieben der Top 10-Plätze waren fest in der Hand von Nintendo, umgerechnet knapp 3 Millionen Titel konnte der Hersteller in bundesdeutsche Haushalte verkaufen. Und diese Menge kann nicht allein von kleinen Kindern oder kindischen Erwachsenen aufgekauft worden sein, sondern von ganz normalen, oft berufstätigen und verantwortungsvollen Erwachsenen.

Dichter, Denker und Daddler

Deutschland ist seit Jahren unbemerkt von der Masse seiner Einwohner (und der Medien) ein Land der Spieler, Daddler und Gamer geworden. Hier entstand ein massiv erfolgreicher und umsatzkräftiger Markt, der Millionen an Steuergeldern generiert und selbst in wirtschaftlich angespannten Zeiten kaum Verluste verzeichnet und unzählige Menschen in Lohn und Brot bringt.

Das Wichtigste aber ist, dass im Laufe der letzten Jahre eine Generation herangewachsen ist, die ihre frühesten Erinnerungen mit dem C64, einem Gameboy oder dem Amiga teilen und das Alter erreichen, selbst Kinder in die Welt zu setzen und diesen das eigene Hobby vermitteln. Das Spielen am PC oder der Konsole ist schon lange keine Beschäftigung sonnenfürchtiger Freaks mehr, sondern wird von einer breiten Masse der Bevölkerung geteilt, was anschaulich an den Umsätzen zu sehen ist. Deutschland – Land der Dichter, Denker und Daddler.

Bild: Atari-Anzeige von 1982 von jbcurio (cc)

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