eBook-Reader in der Praxis: Eine Woche mit dem Sony PRS-350

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Sony PRS-350
Im Kielwasser aktueller Tablet-PCs und Smartphones hoffen die Hersteller von reinen eBook-Readern auf der Welle mitzuschwimmen. Schließlich haben Amazon Kindle, Sony-PRS-Modelle & Co. bei Ihrer Kernkompetenz, dem Darstellen von Texten, der modernen mobilen Konkurrenz noch einiges voraus. Ich wollte es genau wissen und packte mir eine Woche lang Sonys Pocket Reader PRS-350 in die Tasche.

Reinrassige eBook-Lesegeräte bilden im Zeitalter von Smartphones, Tablet-PCs, Hörbüchern auf MP3-Playern und taschenbuchgroßen Laptops eher eine elektronische Randgruppe. Die Geräte gibt es zwar schon seit einigen Jahren, aber irgendwie kommen sie nicht so recht aus dem Knick. Ich habe neulich mal versucht, eine längere Dokumentation mit dem Notebook auf dem Bauch im Bett zu lesen. Nach wenigen Minuten hatte ich das Gefühl, mir mit einer zwei Kilogramm schweren Taschenlampe ins Gesicht zu leuchten. Und nachdem ich den Mann neben mir in der U-Bahn eine Weile bei dem angestrengten Versuch beobachtet hatte, irgendeinen längeren Text auf dem Display seines Smartphones zu entziffern, war mir klar: Ich muss mal so einen „richtigen“ eBook-Reader testen  und damit mir und vielleicht euch einige Fragen beantworten: Lässt sich damit wirklich ein richtiges Buch (oder besser: ein paar Hundert davon auf einmal) ersetzen? Kann ich damit den neuen Follet, King oder Brown genauso im Bett, in der U-Bahn, im Zug oder am Sandstrand auf den Malediven (ok, dieser Antrag kam von der Redaktionsleitung zurück) genießen wie die gedruckte Ausgabe? Sind eBook-Reader mit Erscheinen von iPad & Co. nicht völlig überholt?

Die Wahl für den Test fiel auf den rund 170 Euro teuren Sony PRS-350 Pocket. Nicht nur, weil er den aktuellen Stand der Technik darstellt, mit seinem 5-Zoll-Display besonders handlich ist oder von Mitgliedern einschlägiger Foren (etwa dem e-reader-Forum) wärmstens empfohlen wird. Sondern vor allem, weil es sich als unerwartet schwierig herausgestellt hat, Testgeräte zu bekommen – ja selbst Kaufabsichten scheitern teilweise offenbar an ernsten Lieferengpässen der Hersteller – ein Zeichen für den Erfolg dieser Geräteklasse in Form außergewöhnlich hoher Nachfrage? Oder doch eher das Gegenteil?

First Contact

Mein erster Eindruck beim Auspacken des PRS-350: Wow, ist der klein! Mit seinen 14,5 x 10,5 x0,8 Zentimetern und 155g Gewicht liegt er deutlich dichter an einem Smartphone als an einem Tablet-PC.  Das entspricht ziemlich genau dem Format DIN A6. Also dem Viertel der Fläche einer Zeitschrift oder einem ziemlich kompakten Taschenbuch. Wegen dem umlaufenden Gehäuserand und den Bedientasten bleibt aber eine deutlich geringere Lesefläche.  Ok, der PRS-350 trägt nicht umsonst den Namenszusatz „Pocket“ und ist der kleinste verfügbare eBook-Reader. Sein großer Bruder PRS-650  oder Amazons Kindle bieten sechs Zoll Bildschirmdiagonale – Apples iPad kommt auf rund zehn. Mal sehen, ob‘s zum Lesen reicht.

Nach dem Einschalten braucht der Sony ein paar Sekunden, bis er sich initialisiert hat. Das wird später entfallen, da man das Gerät eigentlich nie ausschalten muss – der Reader braucht dank e-Ink-Display ohne Hintergrundbeleuchtung so gut wie keinen Strom, außer beim Umblättern.

Das nächste „Wow“-Erlebnis: Das e-Ink-Display liegt optisch wirklich viel näher an einem bedruckten Blatt Papier als an einem Monitor. Die gestochen scharfen Konturen der scheinbar direkt auf die praktisch völlig reflektionsfreie Oberfläche gedruckten Buchstaben beeindrucken mich wirklich. Dass es mangels Hintergrundbeleuchtung im Dunkeln eine Leselampe braucht, geht in Ordnung. Ist bei einem richtigen Buch ja nicht anders. Dafür spiegelt der Bildschirm wirklich fast überhaupt nicht, weder unter Sonnen- noch im Kunstlicht. Einziger Kritikpunkt: Der Hintergrund ist nicht wirklich weiß sondern eher gräulich.

Selbstverordnetes Power-Lesen

Handbuchmuffel, der ich bin, lasse ich jegliche Dokumentation beiseite und stöpsele den Reader mit dem mitgelieferten USB-Kabel an den PC. Eine andere Verbindungsmöglichkeit zu Lesestoffquellen gibt es bei Sonys Pocket-Modell nicht. Andere Lesegeräte bieten UMTS- oder WLAN-Verbindungen zu (zumeist

ausgewählten) Internet-Buchshops oder wenigstens einen Slot für eine Speicherkarte. Erwartungsgemäß meldet sich der PRS-350 als Speichergerät bei Windows an, wie eine externe Festplatte oder ein MP3-Player.  Doch dann die ersten Überraschungen: Es gibt gleich zwei Partitionen (Laufwerksbuchstaben), auch kombiniert bieten sie nicht ganz die versprochenen 2GByte Kapazität und auf der zweiten ist eine Installationssoftware. Da die Hauptpartition nur einen Ordner namens „Database“ ohne weitere Struktur enthält, traue ich mich nicht, einfach wild PDF- und sonstige Dokumente auf das Gerät zu kopieren und installiere lieber die Software von der zweiten Partition. Das war zwar völlig richtig, machte aber nicht ganz glücklich. Die Sony-Software zur Verwaltung von eBooks und Dokumenten namens Reader Library ist ziemlich unübersichtlich und unhandlich. Weil ich ungeduldig bin und auch noch keine Lust habe, mit der separat von Adobe zu besorgenden Software Reader und PC DRM-mäßig zu verbinden, greife ich zur weit besseren Freeware-Alternative Calibre und packe damit erst einmal ordentlich PDFs, kostenlose Bücher im epub-Format und tonnenweise News (eine der genialen Calibre-Funktionen) von Spiegel.de, taz online & Co. auf das Gerät.

In den nächsten Tagen blieb zu Hause der Fernseher aus und in der U-Bahn der MP3-Player in der Jackentasche. Lesen, lesen, lesen! Die wesentlichen Erkenntnisse des literarischen Marathons im Überblick:

Pro:

  • Es liest sich leichter und weit ermüdungsfreier als mit einem LCD-Tablet.
  • Das geringe Gewicht und die Handlichkeit (ich brauche zum Halten und Umblättern nur eine Hand) schlagen für mich sogar ein herkömmliches Buch – ob in der U-Bahn oder im Bett
  • Ich habe das Gerät in der ganzen Woche nicht einmal aufgeladen – lediglich beim Übertragen von eBooks hat es vom USB-Port nebenbei auch ein bisschen Strom getankt – die Akkuanzeige stand am Schluss auf rund 75%!

Kontra:

  • PDFs machen absolut keinen Spaß. Zumindest dann nicht, wenn sie ein etwas komplexeres Layout, wie zum Beispiel von Zeitschriften enthalten. Die Anzeige und das Blättern sind extrem lahm — ich rede nicht von Android- oder iPad-lahm… ich meine 15 Sekunden fürs Umblättern grafiklastiger Seiten und mehr! Der Reader zerschießt zudem manches Layout und versucht alles neu umzubrechen.
  • Ich brauche entweder eine Brille oder einen größeren Bildschirm als 5 Zoll. Zwar lässt sich die Zoomstufe (genauer: die Schriftgröße) in fünf Schritten einstellen, aber schnell passt einfach zu wenig Text auf eine Seite und die Blätterorgie beginnt.

Und sonst?

  • Das Touch-Display ist ja für die Bedienung und Navigation ganz praktisch. Für das Lesen, also zum Umblättern benütze ich aber lieber die beiden Buttons, die für den Daumen der linken Hand bequem erreichbar sind. Ein Fingerstrich nach rechts oder links auf den Bildschirm funktioniert aber auch.
  • Fehlende WLAN-Anbindung und Kartenslots haben mich zumindest in der Testphase nicht gestört – so viel umständlicher, als eine Speicherkarte zu wechseln, ist das Anstöpseln am PC per Kabel auch nicht.

Kollegiale Streichel-Attacken

Ich geb's zu: Ich habe mein Smartphone noch nicht lange. Von da her leide ich auch noch nicht unter unkontrollierbaren Streichel-Reflexen, sobald ich einen kleinen Bildschirm in der Hand halte. Anders meine Kollegen. Wem auch immer ich den Sony in die Hand drücke...immer dasselbe: Widerwilliges Eingeständnis, dass der Text wirklich außergewöhnlich gut lesbar ist („aber nicht bunt....und Angry Birds läuft ja auch nicht drauf“), gefolgt von einem vertikalen Fingerwisch, um den Text nach oben zu scrollen. Dummerweise hat ausgerechnet der Sony, im Gegensatz etwa zum Kindle, tatsächlich einen Touchscreen, macht auf die Wischgeste aber eben nicht das, was erwartet wird. eBook-Reader stellen seitenweise dar und brechen bei Änderung der Zoomstufe gegebenenfalls neu um. Das heißt: Die Seite ist am unteren Rand zu Ende....da gibt’s nix zu scrollen, nur zu blättern. Und e-Ink-Bildschirme können auch gar nicht scrollen, nur löschen und neu aufbauen, was beim Sony – je nach dargestelltem Format – übrigens mindestens eine Sekunde dauert. Die entsprechende Erklärung erntet aber meist nur ein abfälliges Zucken der Mundwinkel und den verliebten Griff zum iPhone...na gut, geht ihr doch mit Vögeln auf Schweine schießen, ich lese inzwischen von Mäusen und Menschen.

Fazit: ein entschiedenes „vielleicht doch nicht“

Die wichtigste Frage, die mich zu diesem einwöchigen Selbstversuch gebracht hat, war: Ist ein eBook-Reader für das reine Lesen von Büchern, elektronischen Zeitungen und sonstigen Dokumenten besser geeignet als iPad & Co?

Meine nicht vollständig befriedigende Antwort darauf lautet: „Eigentlich ja, aber...“ Tatsächlich gestaltet sich das Lesen von Texten auf einem eBook-Reader wesentlich angenehmer und auch das viel geringere Gewicht punktet. Und doch bevorzuge ich persönlich ein vollwertiges Tablet. Im Zeitalter der mobilen Alleskönner ist mir ein reiner eBook-Reader einfach zu eingeschränkt, um nur für das Lesen ein zusätzliches Gerät mitzuschleppen. Dazu kommt noch die eklatante Schwäche beim auch für kostenlose eBooks so wichtigen PDF-Format. Meine liebste Alternative ist derzeit das Samsung Galaxy Tab wegen der dank 7-Zoll-Formfaktor noch ausreichenden Handlichkeit und dem vertretbaren Gewicht von unter 400 Gramm. Und außerdem läuft Angry Birds drauf!

Nachtrag: Heute traf noch der größere Bruder von Sony, der PRS-650 in der Redaktion ein. Obwohl der mit MP3-Player (Stichwort Hörbücher), SD-Kartenslot und mit sechs Zoll Display-Diagonale angenehm größerem Bildschirm daherkommt, ändert er an meinem Fazit grundsätzlich nichts. Ein bisschen besser ist er schon, aber nicht mehr ganz so handlich und mit etwa 230 Euro auch eine Ecke teurer als der 350er.

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