Kommentar: Google und die WLAN-Erfassung durch "Street View"-Autos

Frank Ritter
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Der Aufschrei war groß, als die Medien Ende letzter Woche berichteten, dass Google bei seinen Foto-Fahrten mit den Street View-Autos auch die kabellosen Netzwerke in der Umgebung mitprotokolliere. Dem Thema wurde eine hohe Bedeutung zugemessen, brachte es sogar in die Abendnachrichten. Fast überall war man sich einig: Der Datenkraken schlägt erneut zu. Typisch Google! Man sollte Maß halten. Nicht alles, was Google macht ist gleich eine Katastrophe für den Datenschutz, findet LoadBlogger Frank. Ein Kommentar.

peter schaar

Peter Schaar

„Ich bin entsetzt, zu welchen Zwecken diese Fahrten ohne Wissen Dritter genutzt worden sind. Ich fordere Google auf, die bisher rechtswidrig erhobenen personenbezogenen Daten über die WLAN Netze umgehend zu löschen und die Fahrten für Street View zu stoppen. (…) An unsere Datenschutzstandards muss sich auch Google halten!“ lässt sich der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar in einer Presseerklärung zitieren. Grund: Google fotografiert mit seinen Street View-Autos nicht nur die Straßen und Wohngegegnden Deutschlands ab, sondern protokolliert auch bestimmte Daten zu den verfügbaren kabellosen Netzwerken, so etwa die SSID (Name des Netzwerks) und die weltweit eindeutige MAC-Adresse des Routers. Mutmaßlich gehört auch die verwendete Verschlüsselungstechnik dazu. Die Erhebung dieser Daten hat den Zweck, auch solchen Geräten eine möglichst präzise Ortsbestimmung zu ermöglichen, die keinen integrierten GPS-Empfänger besitzen.

Die Datenschützer argumentieren, man könne anhand der SSID eventuell auf den Klarnamen einer Person beziehungsweise Familie schließen – was fraglich ist – und diese Information mit dem Wohnort verknüpfen.

Die Google-Street View-Autos betreiben jedoch kein „Wardriving“, also gezieltes Scannen nach offenen oder schlecht geschützten kabellosen Netzwerken, um sich widerrechtlichen Zugriff auf diese Netzwerke zu verschaffen; die Intention ist vielmehr eine geographische Metaebene zu kartographieren, um einen Mehrwert für die Allgemeinheit zu schaffen. Otto Normalbürger kann mit den von Google erhobenen Daten nichts anfangen, denn die entsprechenden Daten werden anonymisiert und verschlüsselt übertragen.

Bei aller Liebe zum Datenschutz, aber die auf diese Weise erfassten Daten dürften schwer in irgendeiner Weise zu missbrauchen sein. Ein Gedankenspiel: In einem Worst Case-Szenario speichert Google also die nach mir benannte SSID „FrankRitter“ des WLAN-Routers, nebst der eindeutigen MAC-Adresse 00-16-76-CC-39-16 und der Position auf einer Karte (Berlin Mitte, Chausseestraße 8).

Ich frage: Na und? Was soll ein potentieller Datenmissbrauchs-Täter mit diesen Daten anfangen? Meine Adresse kann man auch aus dem Telefonbuch erhalten oder dem Impressum meines Blogs. Mein Router ist immobil, das heißt ein Bewegungsprofil von mir kann auch nicht erstellt werden. Mir fällt schlicht kein Anwendungszweck ein, mit dem auf der Basis von Googles WLAN-Kartographie Datenmissbrauch betrieben werden könnte.

Datenschützer bezeichnen den Rest der Menschen oft als naiv, aber in einigen Punkten muss man sich auch als mit dem Netz sozialisierte und mit den eigenen Daten umsichtig agierende Person fragen: Wird da nicht auch ein wenig übertrieben? Das Vorgehen ist zudem nicht rechtswidrig, sondern vielmehr gang und gäbe. Auch das Fraunhofer Institut hat bereits auf diese Weise Daten erlangt. Und entgegen der Behauptung des Hamburger Datenschutzbeauftragten Caspar, ist diese Praxis Googles bereits seit Jahren bekannt. Es muss also die Frage gestattet sein, was hier kritisiert wird. Worum geht es eigentlich?

Es geht um Google selbst. Kein Konzern, Axel Springer vielleicht einmal ausgenommen, genießt ein so ambivalentes Meinungsbild in Deutschland wie Google. Und in keinem Land der Welt wird Google so kritisch betrachtet wie in Deutschland. Obwohl so gut wie jeder Internet-Nutzer Google-Dienste verwendet, zeugen viele Google-kritische Leitartikel, die beliebte Assoziation „Datenkrake“ und das inzwischen weit verbreitete Meinungsbild davon, dass Google, entgegen aller Beteuerungen, als „böser“ Konzern gesehen wird.

Es mag zum Teil mit der jüngeren Geschichte dieses Landes erklärbar sein, warum die deutschen Bürger wesentlich Google-skeptischer sind als die Bewohner anderer Länder, aber in meinen Augen wird Google oft zu Unrecht als großer böser Wolf im WWW-Wald betrachtet. Natürlich ist Google ein riesiger Konzern und natürlich aggregiert Google Schwindel erregende Mengen an Daten, aber das ist nun einmal das Geschäftsmodell der Firma: Mit zielgerichteter Werbung Geld verdienen, aber diese Werbung durch ausgezeichnete Services und hervorragend systematisierte Daten zum Kunden zu bringen. Im Gegensatz zu vielen anderen Firmen ist Google immerhin transparent und darauf bedacht, dass Daten zur Verbesserung ihrer Produkte und der Lebensqualität der Allgemeinheit verwendet werden. Außerdem kann man bei Google relativ genau einsehen beziehungsweise festlegen, welche Daten man über sich preisgibt. Warum wird eigentlich so selten gefragt, welche Daten GMX sammelt? Oder Amazon? Oder eBay? Und warum kann eigentlich jeder Internetnutzer dank DENIC und Impressumspflicht herausfinden, wo ich wohne, nur weil mein Privatblog mit eigener Domain im Netz steht?

Eine Klarstellung: Dies ist kein Plädoyer zur Kritiklosigkeit gegenüber allem, was Google tut. Aber wir sollten doch Maß halten. Nur weil Google einen neuen Service einführt oder einen bestehenden um eine praktische Funktion erweitert, handelt es sich dabei nicht automatisch um eine von langer Hand geplante Aushöhlung der Privatsphäre. Datenschützer sollten sich der Gefahr bewusst sein, dass ihre wertvolle und wichtige Arbeit durch Einseitigkeit oder Hysterie diskreditiert wird.

Um zum Einstieg zurückzukehren – von mir aus kann Google die Daten meines WLAN-Routers haben. Wenn der Allgemeinheit dadurch ein Mehrwert entsteht sogar umso lieber. Ich würde zudem lieber heute als morgen Google Street View in Deutschland sehen, aber das ist ein anderes Thema.

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