Ist Wikipedia ein Weltkulturerbe?

Holger Blessenohl

Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia, kann zufrieden sein. Den deutschen Brockhaus und die englische Encyclopaedia Britannica hat die freie Online-Enzyklopädie in die Bedeutungslosigkeit der Antiquariate geschrieben, Microsofts ambitioniertes Projekt Encarta kennt man nicht einmal mehr dem Namen nach. Jetzt will die deutsche Wikipedia-Community das Projekt zum Weltkulturerbe erklären lassen.

Wer sich da erstmal verwundert die Augen reibt: So verwunderlich ist die Sache denn doch nicht. Die UNESCO bietet durchaus die Möglichkeit auch immaterielle Güter in die „Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ eintragen zu lassen. Dort finden sich neben einer gewaltigen Anzahl von Tänzen und Musikstilen aus aller Welt zum Beispiel auch die französische Küche, die Tradition des Bemalens und Dekorierens von Ochsenkarren in Costa Rica oder der Kulturraum der Bruderschaft des Heiligen Geistes der Congos aus Villa Mella in der Dominikanischen Republik.

Ein Eintrag auf dieser Liste würde den deutschen Wikipedianern allerdings nicht reichen. Sie wollen als “echtes”, im Grunde also “materielles” Welterbe anerkannt werden, und damit die Wikipedia auf eine Stufe mit „der großen Mauer von China und dem Kölner Dom“ stellen, wie die taz süffisant feststellt. Die Begründung dazu klingt zunächst gar nicht einmal abwegig: Mit der Anerkennung der Wikipedia als Weltkulturerbe solle einerseits der in der Wikipedia organisierte freie Wissensaustausch tausender Autoren anerkannt werden, andererseits aber auch der von der UNESCO vertretene Kulturbegriff ins digitale Zeitalter transferiert werden. Die Wikipedia wäre das erste rein digitale Kulturerbe der Menschheit. Die Überlegungen der Anhänger dieser Idee bringen auch gleich weitere potentielle digitale Kulturgüter in Stellung. So können zum Beispiel der Linux-Kernel ebenfalls als digitales Weltkulturerbe gesehen werden, auch hier haben ja Heerscharen von Freiwilligen zusammengearbeitet.

Ganz einfach ist der Weg dorthin allerdings nicht, die UNESCO kennt das Instrument der Petition zur Einreichung eines Antrags nämlich nicht. Vielmehr muss ein Antrag immer von einem Staat eingereicht werden. In der nun von Wikipedia mit großem PR-TamTam von Gründer Jimmy Wales inszenierten Petition geht es also zunächst nur darum, überhaupt irgendeinen Staat der Welt zu überzeugen, den Wikipedia-Antrag als seinen eigenen bei der UNESCO zu übernehmen.

Über 10.000 Unterzeichner hat die Petition bereits gefunden und schnell hat sich der Aufruf von Deutschland ausgehend in zahlreiche weitere Länder verbreitet. Dennoch sind die Reaktionen weltweit gespalten. Befürworter und Kritiker halten sich dabei im Moment noch etwa die Waage. Der häufigste Vorwurf der Kritiker ist der, das Ganze sei nur ein PR-Gag für die Wikipedia. Natürlich ist es das, jede Anerkennung eines Weltkulturerbes ist immer auch ein Erfolg der dahinter stehenden PR- und Tourismusinstitutionen, egal ob es um die Ruinen im pakistanischen Mohenjo-Daro oder das deutsche Wattenmeer geht. Das allein ist also kein Grund gegen eine Anerkennung.

UNESCO

Dennoch werde ich die Petition nicht unterschreiben. Zunächst einmal aus dem naheliegenden Grund, dass der Kulturbegriff eines digitalen Kulturgutes dem Welterbe unbekannt ist. Dort werden als anerkennungswürdige Kulturgüter explizit benannt: Architektur, Technologie, Großplastik, Städtebau und Landschaftsgestaltung. Das Problem ist den Initiatoren bekannt, schließlich wollen sie ja ausdrücklich die UNESCO dazu bewegen, den Kulturbegriff entsprechend auf digitale Kulturgüter zu erweitern. Aber warum erweitern, wenn es mit der „Liste der Meisterwerke“ schon längst eine Möglichkeit gibt, auch immaterialle Kulturgüter auszuzeichnen?

Die Antwort gibt Wales im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: Es gehe um den „weltweiten Schutz und die Anerkennung der Leistung von tausenden Freiwilligen, die diese Wissenssammlung erstellen“. Was den Schutz angeht, da scheint Wales doch etwas zu blauäugig zu sein. Staaten, die zensieren, werden damit bestimmt nicht aufhören, nur weil die Wikipedia Welterbe ist. Aber auch die Anerkennung der Leistung von tausenden Freiwilligen kann kein Argument sein. Das UNESCO-Weltkulturerbe ist keine Auszeichnung für Menschen wie das Bundesverdienstkreuz.

Es zeichnet geschaffene Güter als Ausdruck einer hohen geistigen Leistung aus. Diese hohe geistige Leistung soll Wikipedia – als Schwarmintelligenz – geleistet haben. Die Online-Enzyklopädie sei eine Plattform für den freien Wissensaustausch der gesamten Menschheit. Das scheint mir aber eine reichlich idealistische Sicht der Wikipedia zu sein. Tatsächlich arbeiten Zigtausende PR-Mitarbeiter und Interessensgruppen in aller Welt ständig daran, die sie betreffenden Artikel in ihrem Sinne zu manipulieren. Dies geht so weit, dass einzelne Politikerbiographien oder Parteienseiten bei Wahlen nicht mehr bearbeitet werden dürfen. Auch mit dem freien Meinungsaustausch ist es nicht ganz so weit her. In den großen Industrieländern, vor allem Deutschland und den USA sinkt die Zahl der aktiven Autoren seit Jahren. Das liegt am rüden Umgangston untereinander und allerlei seltsamen Regeln, die Anfänger schnell abschrecken, weil von den Administratoren ohnehin alles gelöscht wird, was sie veröffentlichen. Zudem sind Frauen bei Wikipedia weit unterrepräsentiert, wie zahlreiche Untersuchungen zeigen.

Ich möchte die Wikipedia nicht kleiner oder unwichtiger machen, als sie ist. Natürlich hat sie unser Wissen neu organisiert und ist eine großartige und tolle Idee. Aber man muss nicht jede großartige und tolle Idee gleich mit dem Stempel Weltkulturerbe aufwerten. Der Urvater der Enzyklopädie, die von Diderot und d'Alembert herausgegebene Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers ist schließlich auch nicht Weltkulturerbe, obwohl sie vermutlich mehr verändert hat als die Wikipedia. Geschrieben wurde sie übrigens zum größten Teil von den 142 Enzyklopädisten. Ihre Namen sind überliefert, bekannt geworden ist keiner von ihnen. Wer heute an die Encyclopédie denkt, kennt nur die beiden Herausgeber, so wie man bei Wikipedia immer nur an Jimmy Wales denkt.

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