Last.fm-Gründer Martin Stiksel: “Das Internet hat sich verändert”

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Die Musikseite Last.fm hat das Musikhören revolutioniert, als persönliches Internetradio und Plattensammlungs-Ersatz. Jetzt verlassen die Gründer nach sieben Jahren das Unternehmen, das inzwischen dem Medienkonzern CBS gehört. Zu den Anfängen von Last.fm und der Zukunft des Tonträgers habe ich Ende 2008 mit einem der Köpfe, Martin Stiksel, ein Interview geführt. Hier nochmal fyi, weil es an anderer Stelle nicht mehr auffindbar ist. ;-) Wie kam es zur Gründung von Last.fm?
Damals kamen mehrere Sachen zusammen: Felix und ich hatten ein Online-Label, mit jeder Menge Musik, die keiner kannte. Und wir haben uns überlegt: wie können wir die an die richtigen Leute bringen? Wie funktioniert eigentlich Musik-Promotion heute? Immer noch wie vor fünfzig Jahren?

Auf der anderen Seite haben wir gesehen, dass es keine Musik-Webseite gibt. Es gibt nicht so etwas wie Ebay für Auktionen, Google für die Suche, Amazon für Bücher; man muss auf fünfzehn verschiedenen Seiten rumhüpfen. Und dann personalisieren wir das Angebot auch noch: Wenn man eine Million Tracks im Angebot hat, bringt einem das gar nichts, so lange man als einzelner User nicht finden kann, was interessant ist.

Habt Ihr damals damit gerechnet, dass sich das Konzept so durchsetzt?
Bei der Namensgebung waren wir schon arrogant: Wenn wir das umsetzen, dann ist das wirklich die ultimative Musikstation – deshalb der Name Last.fm – die letzte, die man braucht. Radio bringt totalitäre Phantasien in einem hervor. Im Internet war es zum ersten Mal möglich, mit geringen Mitteln eine weltweite Radiostation aufzubauen.
Gibt es heute noch diesen Spielraum für neue Ideen im Internet? Oder sind die Felder da schon abgesteckt?
Es gibt immer noch viele Möglichkeiten. Am Anfang war das Internet wie die Gelben Seiten, wie Broschüren für die Firmen. Erst seit ein paar Jahren wird das Internet dafür genutzt, dass die Leute sich mitteilen, ihre Meinung ausdrücken, ihre eigenen Inhalte zur Verfügung stellen können. Das ist ja eine neuere Entwicklung, dass Leute gemeinsam an einem Projekt arbeiten wie bei Wikipedia. Da gibt es noch viele Möglichkeiten. Wenn man eine gute Idee und Durchhaltevermögen hat, dann findet man auch Investoren.

Martin Stiksel. Mit 19 Jahren ging der im österreichischen Wartberg an der Krems geborene Martin Stiksel nach London, um Sounddesign und Musikproduktion zu lernen. Mit dem deutschen Studienkollegen Felix Miller gründete er 1999 das Plattenlabel Insine, schließlich 2002 Last.fm. Der 33-Jährige verfolgt das Ziel, die ultimative Musikplattform im Internet zu schaffen.
Martin Stiksel. Mit 19 Jahren ging der im österreichischen Wartberg an der Krems geborene Martin Stiksel nach London, um Sounddesign und Musikproduktion zu lernen. Mit dem deutschen Studienkollegen Felix Miller gründete er 1999 das Plattenlabel Insine, schließlich 2002 Last.fm. Der 33-Jährige verfolgte das Ziel, die ultimative Musikplattform im Internet zu schaffen. (Foto: promo)

Seit Januar 2008 kann man bei Euch Songs der großen Labels in voller Länge online anhören. War es schwierig, die Plattenfirmen davon zu überzeugen, mit Euch zusammenzuarbeiten?
Die Independent Labels haben uns schon von der Stunde Null an unterstützt. Ich war 2002 oder 2003 auch in Berlin und habe die elektronischen Labels abgeklappert. Die haben uns von vornherein verstanden. Bei den Majorlabels hat es bis 2006 gedauert, bis sie uns ernst genommen und unsere Emails beantwortet haben. Vorher haben sie einfach in die andere Richtung geschaut. Wir haben versucht, unser Ding langsam aufzubauen und die Urheberrechte nicht mit Füßen zu treten – das haben auch die größeren Plattenfirmen zu schätzen gewusst.

Die Angst der Labels war sicherlich, dass die Leute aufhören, Musik zu kaufen, wenn sie online immer darauf zugreifen können.
Das ist spannend: Nachdem wir die Musik der Major Labels eingebunden hatten, sind die Klicks auf die Verkäufe um 120 Prozent hoch gegangen. Auch wenn die Leute den Song abrufen können, kaufen sie ihn – trotzdem, oder gerade deshalb. Wenn sich die Leute Songs ganz anhören können, stimuliert das auch das Kaufverhalten. Und die Leute wollen die Musik portabel haben, Musik als Geschenk weitergeben oder das Objekt besitzen. Last.fm ist natürlich gut dafür, neue Musik zu entdecken. Und wenn es nicht zu teuer ist und einfach geht, kaufen die Leute sie auch.

Ersetzt das Internet auf Dauer den Tonträger und die alten Musikmedien?
Tonträger sind nicht mehr das, was sie mal waren. Aber tot sind sie auch nicht. Da spielen mehrere Faktoren zusammen, warum es so zum Einbruch der CD-Verkäufe gekommen ist. Das Internet und die Piraterie sind nicht allein schuld. Mit Last.fm sehen wir uns komplementär zu dem, was es da draußen schon gegeben hat, also Radio oder Musikpresse. Aber es ist sehr schwierig, wenn man sich mal an Last.fm gewöhnt hat, wieder Radio zu hören – und nicht skippen zu können.
Im Juli 2008 gab es den Relaunch von Last.fm. Der wurde mit geteilten Reaktionen aufgenommen.
Meinem Eindruck nach haben auch die Leute, die am Anfang gejammert haben, nach einer Woche gesagt: okay. Die Webseite ist gewachsen, wir haben immer wieder neue Sachen hineingestoppelt, es war irgendwann Zeit, das Ganze neu zu gliedern. Wir wollten die Inhalte stärker in den Vordergrund stellen; das Ganze wie eine Wand mit Postern aufziehen, um es visuell emotionaler zu machen. Gleichzeitig hat sich das Internet seit 2003 auch verändert, es gibt neues Design, neue Werbeformate – und auch die User haben sich geändert.

Ist die Erweiterung auf mehr Möglichkeiten eines sozialen Netzwerks eine Kampfansage an Myspace und Facebook?
Myspace und Facebook machen so viele verschiedene Sachen – und dann wieder auch nicht. Ich weiß nicht, was die Leute auf Myspace machen, oder was die Leute auf Facebook machen, außer sich Messages zu schreiben, was man eigentlich mit Email auch machen kann. Wir haben uns wirklich mit Musik im Zentrum eine ganz spezielle Materie ausgesucht. Wie Flickr versucht, eine gute Lösung für Fotos zu suchen, suchen wir eine für Musik. Dass Musik natürlich extrem sozial, persönlich wichtig ist, wollten wir noch weiter in den Vordergrund stellen.

Über Last.fm
Last.fm wurde 2002 von Felix Miller, Martin Stiksel, Michael Breidenbruecker und Thomas Willomitzer als Internetradio und Webcommunity gegründet. Ab 2003 wuchs das Angebot mit dem Audioscrobbler-Projekt von Richard Jones zusammen, das die auf einem Computer gespielte Musik protokollierte. Im Mai 2007 kaufte der US-amerikanische Medienkonzern CBS Corporation den Musikdienst für 280 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen mit Sitz in London beschäftigt rund 80 Mitarbeiter und hat mehr als 30 Millionen Nutzer weltweit.

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